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Durch eigene Kraft ans Gymi?

Der prozentuale Anteil der Schüler*innen, dem der Übertritt ans Gymi gelingt, variiert stark von Kreis zu Kreis. Insbesondere soziökonomische Faktoren spielen hierbei ein grosse Rolle. Lehrpersonen in einem einkommensschwachen Kreis wie Schwamendingen sehen sich dabei vor verschiedene Herausforderungen gestellt.
20. Juni 2019

Text: Milad Al-Rafu

Der Ruf von Schwamendingen hat sich in den letzten Jahren stark verbessert: Jahrelang galt der Kreis 12 am Stadtrand als «Bronx von Zürich». Mal ernster, mal weniger ernst gemeint – je nachdem, wer gefragt wurde. Von den Student*innen, die scharenweise hierherziehen, bis zu den Neo-Schwamendinger*innen mit vermehrt höherem Bildungsstand können heutzutage jedoch nur die wenigsten das ehemals schlechte Standing des Quartiers nachvollziehen. Vielmehr schwärmen sie alle von den zahlreichen Grünflächen, den günstigen Mieten und dem kurzen Weg ins Stadtzentrum.

Fairerweise muss festgehalten werden, dass dem schlechten Ruf Schwamendingens immer eine leicht mythische Note zukam. Völlig unwahr waren die dem Quartier zugeschriebenen Probleme jedoch nicht – was ich als Schwamendinger seit 27 Jahren bestätigen kann. So kam es während Jahren zu relativ vielen gewaltsamen Auseinandersetzungen, etwa in den Badeanstalten, an der «Schwamendinger Chilbi» oder auf dem Schulhof. All diese Dynamiken sind natürlich in einen grösseren Kontext einzuordnen, gab es doch vor zehn bis fünfzehn Jahren generell mehr Jugendstraftaten, was auf verschiedene Gründe zurückzuführen ist. Doch es war eben nicht nur die Gewalt, sondern vor allem die fehlende Chancengleichheit, unter der Schwamendingen stärker als andere Stadtzürcher Kreise litt.

Die generell geringeren Aufstiegschancen lassen sich statistisch nachweisen. Im Jahr 2018 zeigte die NZZ in einem Artikel auf, dass der prozentuale Anteil der Übertritte ins Gymi in Schwamendingen signifikant tiefer ist als in besser situierten Quartieren. Eine Person, die viel über diese Thema zu berichten weiss, ist mein ehemaliger Primarlehrer Markus Müller*, der noch heute im Schulhaus Saatlen in Schwamendingen unterrichtet. Bereits im Artikel der NZZ erwähnt, weist dieses Schulhaus eine relativ tiefe Gymiquote von 10 Prozent auf.

Schulhaus Saatlen
Betrachtet man nur die Schulanlage, würde man nicht darauf schliessen, dass die Schüler*innen hier generell weniger Chancen haben: Die beiden Hauptgebäude aus den fünfziger Jahren sind gut erhalten, neuere Pavillons ergänzen das Gelände. Der Aussenbereich trumpft ausserdem mit zwei Fussballfeldern und einem kleinen Basketballplatz auf, wobei der grosszügig gestaltete Pausenhof viel Bewegungsmöglichkeiten für die rund 350 Schüler*innen bietet. Ganz in der Nähe der Schule befindet sich ein italienisches Restaurant, wo ich meinen ehemaligen Lehrer zusammen mit weiteren Lehrpersonen treffe, die dort jeden Dienstag zusammen essen.

«Das Bildungsniveau der Eltern, schätze ich, ist tiefer als in anderen Orten in Zürich», erklärt Müller auf die Frage, worauf die tiefere Gymnasialquote zurückzuführen ist. Vor Jahrzenten sei man nicht nach Schwamendingen gezogen, wenn man nicht sonst wo ein «Plätzchen» gefunden habe. Dies wirke bist heute nach. «Mit den Neubauten und der Gentrifizierung wird sich das in Zukunft jedoch ändern», hält Müller fest. Im Konkreten habe das tiefere Bildungsniveau insbesondere einen Einfluss auf das Allgemeinwissen der Kinder. «Auch die Sprache und das Leseverständnis leiden darunter». Zudem vermögen Umstände, wie etwa der fehlende Platz am Küchentisch, um Aufgaben zu machen, oder der Fakt, dass mehrere Geschwister ein Zimmer teilen müssen, die Lernfortschritte der Kinder einzuschränken. «Aus diesem Grund bieten wir seit ein paar Jahren Aufgabenstunden an.» Welche Kinder zu Hause schwierige Lernvoraussetzungen vorfinden, können die Lehrpersonen jedoch nicht wissen. Dies höre man höchstens im Elterngespräch heraus.

Mehr Mittel und Förderung
Die sechs Lehrpersonen am Tisch des Restaurants sind sich jedoch einig, dass man mehr Geld für die Gymivorbereitungskurse benötige. «Die heutigen Kurse fangen erst im Herbst der sechsten Klasse an, was zu spät ist», hält eine der anwesenden Lehrerinnen fest. Von den zusätzlichen Mitteln erhoffen sie sich, dass die Vorbereitung so ausgebaut werden kann, dass auch begabte Kinder mit wenig familiärer und finanzieller Unterstützung den Weg an die Kantonsschule schaffen. Kinder, die sich private Anbieter leisten können, seien heutzutage noch klar im Vorteil. Die Situation hat sich in den letzten Jahren jedoch bereits gebessert: Bis vor zehn Jahren leitete Müller die Kurse noch auf eigene Faust ohne zusätzliche Mittel, um den interessierten Schüler*innen zumindest eine Grundvorbereitung zu vermitteln. Allgemein glaubt er jedoch, dass die ersten fünf Jahre in der Entwicklung eines Kindes entscheidend sind und die Fördergelder deshalb vom Kindergarten bis zur zweiten Klasse gezielt eingesetzt werden sollen.

Darauf angesprochen, ob er eine tatsächliche Chancengleichheit für möglich hält, sagt Müller: «Das duale Bildungssystem und die verschiedenen Möglichkeiten, einen höheren Abschluss zu erlangen, ermöglichen eine gewisse soziale Durchlässigkeit.» Eine ganzheitliche Chancengleichheit hält er jedoch für nicht umsetzbar: Denn egal wieviele Ressourcen man einsetze, die Sozialisierung und die sozioökonomischen Faktoren werden immer einen Einfluss auf den schulischen Erfolg des Kindes haben.

* Name geändert

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