Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

In diesem Zürcher Film reist du mit einem «biederen» Jus-Studenten durch die Nacht

Andreas Elsener macht seit bald zehn Jahren leidenschaftlich Kurzfilme. Mit Durch die Nacht entstand nun sein erster Langspielfilm, welcher noch bis am 24. Juni im Kino Riffraff läuft. Der 25-jährige Archäologie- und Filmwissenschaftsstudent geht im Moment seiner anderen Leidenschaft nach und nimmt in Sizilien an einer Ausgrabung teil. Für ein Interview mit Tsüri fand er trotzdem ein bisschen Zeit.
22. Juni 2017

Ihr habt es geschafft! Die Vorstellungen waren bis jetzt gut besucht, warum kommt der Film so gut an?

Durch die Nacht spricht eine Thematik an, welche Leute in meinem Alter, also die sogenannte Generation Y, ziemlich gut kennen. Die urbane, junge Bevölkerung findet sich im Film auf eine Art wieder, die anders ist, als in den amerikanischen Filmen, die momentan in den Kinos laufen. Durch die Nacht spielt wirklich im Hier und Jetzt. Es ist ein kleiner Aspekt vom täglichen Leben. Der Film hat surreale Elemente, aber es macht ihn nicht völlig absurd – Er wird nie zu einem Fantasy Film. Bei Durch die Nacht hätte alles so passiert sein können.

In deinem ersten Spielfilm geht es um Generation Y Fragen: Partys, unklare Beziehungen, Studium.

Alex, der Protagonist ist sehr zurückhaltend, fast bieder. Er ist ein vereinfachtes Klischee eines Jus-Studenten, wahrscheinlich tue ich ihnen damit unrecht. Es ist aber egal, was er studiert: es geht darum, dass er zurückhaltend und introvertiert ist und eine passive Rolle einnimmt. Ich denke nicht, dass das auf unsere Generation zutrifft – das Typische ist das Sich-nicht-festlegen-Wollen, eigentlich doch ein passives Treiben-Lassen, weil keine starke Meinung da ist. Im politischen Sinn oder in einer Beziehung: Ich sehe ein sehr relativistisches Anything-goes-Prinzip.

Zählst du dich auch zur Generation Y?

In dieser Hinsicht würde ich mich nicht als Teil davon bezeichnen; ich habe klare Ansichten zu den meisten Angelegenheiten. Wenn es darum geht, Partynächte zu erleben, dann bin ich dabei: ich kenne es gut und mache es gerne, schliesslich habe ich ja einen Film darüber gedreht.

Diese Bohème-Party, wo der Höhepunkt der Geschichte stattfindet, war ja ziemlich crazy, von wo hast du diese Inspiration? Gibt es sowas in Zürich?

Während dem Schreiben des Drehbuchs war ich an verschiedenen Studi-Partys, da habe ich mir einzelne Elemente geschnappt und etwas verdreht. Die Inspiration kam also schon vom realen Leben, aber leider gibt es keine konkrete Bohème-Party an der ich mal war, es ist wohl eher meine Wunschvorstellung. The Lautsprechers, die Band die dort gespielt hat, ist ziemlich cool und hat schon einen richtigen Fanclub. Im Skript sollte es eigentlich eine richtig schlechte, trashige, 0815 Band sein, schlussendlich war es einfach eine Band, die guten Sound macht. Ich weis, dass klingt ein bisschen nach Promo, aber ich finde die wirklich cool (lacht).

Was ist denn in der Villa, in der die Party stattfand?

(Lacht) Die Villa gehört im Moment zur Kanti Stadelhofen. Sie ist in einem kleinen Park direkt über dem Bahnhof, sehr idyllisch. Innen sieht es mehr nach Schulhaus aus, aber dank unserer Szenenbildnerin hat es ganz gut geklappt, aus ein paar Klassenzimmern eine Partylocation zu basteln. Es ist wirklich super geworden! Sogar Schüler*innen und Lehrer*innen der Kanti haben die Villa nicht wiedererkannt: Waas, das isch det dreiht worde?

Du machst seit etwa 10 Jahren Filme: Wann und wie ist das Projekt für den ersten Spielfilm entstanden?

Für die Kurzfilme habe ich oft die Drehbücher geschrieben, meistens waren es Genrefilme von Western in den Schweizer Bergen über Mystery-Horror. Ich hatte Lust, etwas zu machen das näher an meinem Leben stattfindet. Ende 2012 fing ich an, die ersten Ideen zu sammeln. Wir merkten: Wir haben die Möglichkeiten und trauen uns zu, so etwas machen. Vorher hatten wir erst einen Kurzfilm gedreht, bei dem wir einen Schauspieler gecastet hatten – hier war klar: wir wollen mit Profis zusammenarbeiten. Bei so einem Film kann man nicht die Hauptrollen mit Hobby-Schauspielern*innen und Kolleg*innen besetzen. Anfang 2014 haben wir dann ein Crowdfunding lanciert, zum Glück hat das geklappt!

Über 10’000 Franken habt ihr über das Crowdfunding gesammelt. Das ist nicht sehr viel Geld für einen Film: Wie hat das geklappt?

Der wichtigste Faktor war wohl, dass alle, sogar die Schauspieler*innen die fünf Jahre Ausbildung hinter sich haben, unentgeltlich gearbeitet haben. Es war eigentlich ein Tauschgeschäft: wir kriegen ihre Fähigkeit als Profis, sie kriegen Fame. Weil das Produkt gut geworden ist, sind alle zufrieden und Durch die Nacht macht sich gut in einer Bewerbung für einen bezahlten Job. Wir hatten auch einige Privatsponsoren, das Hiltl etwa hat uns jeden Tag während des Drehs mit Essen versorgt. Für ein Studentenfilm-Projekt war das ein geiles Catering, auch wenn ab und zu ein feines Stück Fleisch dazu nice gewesen wäre (lacht).

Auf der Crowdfunding-Website steht, dass ihr den Film Ende 2015 in die Kinos bringen wollt – jetzt ist 2017. Was ist passiert?

Die Postproduktion für einen Kinofilm ist sehr aufwändig – es zog sich in die Länge. Wir mussten uns immer wieder ums Studium oder darum kümmern, dass von irgendwo Geld her kommt. Die Ende-2015 Marke haben wir auch gesetzt, um uns selbst ein bisschen Druck zu geben.

Was war einfacher und was schwieriger am Dreh als du gedacht hattest?

Wir haben drei Wochen im August gedreht, und es gab ein paar Tage im Winter, an welchen wir die Traumsequenzen und Rückblenden gefilmt haben. Drei Wochen sind wirklich eine kurze Zeit: es waren lange Tage mit sehr wenig Pausen. Alles ist ziemlich perfekt aufgegangen, vor allem dafür, dass niemand vorher an so einem grossen Projekt gearbeitet, geschweige denn organisiert hat. Im Nachhinein bin ich noch beeindruckter wie smooth das Ganze war.

Stehen weitere Langfilmprojekte an?

Ich kann es mir auf jeden Fall vorstellen, falls die Umstände nochmals so passen wie bei Durch die Nacht. Es ist eine Geldfrage: Ich weiss, ich könnte nicht morgen nochmals ein Crowdfunding starten und alles wiederholen. Das war schon eine Once-in-a-Lifetime Situation. Im Moment bin ich gerade sowieso an meiner Master-Arbeit, einen Film über diese Ausgrabungen hier in Sizilien – ich betrete also nochmals Neuland, einen Dokumentarfilm habe ich auch noch nie gemacht.

Die letzte Vorstellung in Zürich ist diesen Samstag, 24. Juni im Riffraff. Kann man den später auch noch schauen?

Es steht noch nichts fest: die Frage ist, ob es sinnvoll ist, ihn nochmals in Zürich zu zeigen, oder ob wir ihn lieber raus aus der Stadt bringen. Klar, der Film dreht sich um Zürich aber wir würden auch gerne hören, was Nicht-Zürcher*innen dazu meinen.

Lustig, dass wir die eigentliche Premiere in Zug an den jungen Zuger Filmtagen hatten: Es ist fast ein Züri-Heimat-Film. Eine Liebeserklärung an Züri. Ja, ich bin Stadtzürcher, falls man das noch nicht gemerkt hat (lacht).

Was wünschst du dir, dass die Kinobesucher*innen vom Film mitnimmt?

Ich denke nicht, dass der Film eine klare Message hat, und man inspiriert aus dem Kino läuft und sich sagt «Mol, das mach ich jetzt so». Es geht darum, sich in kleinen Situationen wiederzufinden, etwa der betrunkene Alte an der Bar oder die Frage nach einer offenen Beziehung. Es sind Dinge, mit denen sich unsere Generation immer wieder konfrontiert sieht. Wenn sie sich im Film wiederfinden und merken, «Hey, es geht nicht nur mir so», dann ist mir das sehr viel wert.


Foto: zvg

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