Bullshit-Job? 💩

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Du bist nicht sicherer unterwegs, wenn du einen Velohelm trägst

Die explodierende Wassermelone aus der Präventionskampagne ist nicht alleine: Lehrpersonen, Eltern, Gesundheitsämter und weitere behaupten, dass Velofahrer*innen ohne Helm ihr Leben gefährden. Doch dies stimmt nicht unbedingt, sagen Studien und Expert*innen.
30. Juli 2019
Chefredaktor

Hier der dramatische Clip mit der Wassermelone:

So wie die Melone will bestimmt niemand enden. Wie aber Velofahrende sicher unterwegs sein können und wie sie ihren Kopf schützen sollen, da gehen die Meinungen auseinander. Die erste und gängigste Schutzmassnahme ist der Velohelm. Bei uns in Zürich und der Schweiz gibt es für die normalen Velos keine Helmpflicht, für die schnelleren E-Bikes (jene mit der gelben Nummer, zum Beispiel Smide) hingegen schon.

Der Touring Club Schweiz teilt auf Anfrage mit, dass er grundsätzlich das Tragen eines Velohelms empfiehlt, «auch bei konventionellen Velos und langsamen E-Bikes wo es keine Helmpflicht gibt.» Von einer Ausweitung der Helmpflicht könne aus Sicht des TCS abgesehen werden, «da Verkehrserhebungen und Befragungen zeigen, dass die Eigenverantwortung bereits sehr gut spielt und der grösste Teil einen Helm trägt.»

Ob und wie zuverlässig Velohelme tatsächlich vor Kopfverletzungen schützen, ist hingegen nicht so ganz klar. Es gibt einige Studien und Experimente, welche den Verdacht erhärten, dass es sogar gefährlicher ist, sich mit dem Helm auf die Strasse zu wagen.

1. Mehr Risiko dank sicherem Gefühl

Eine norwegische Studie zeigt auf, dass Velofahrer*innen, welche immer einen Helm tragen, oft schneller unterwegs sind und somit risikoreicher fahren, als Fahrer*innen ohne Helm; dieses Verhalten nennt sich Risikokompensation.

2. Autos kommen näher

In einem Selbstexperiment des Verkehrspsychologen Ian Walker zeigte sich, dass nicht nur die Velofahrer*innen mit Helm riskanter fahren, sondern auch die überholenden Autofahrer*innen Helm-Tragende gefährden: Sie fahren deutlich näher.

Doch Walkers Experiment lieferte noch erstaunlichere Resultate: Velofahrer*innen ohne Helm, aber mit langem blonden Haar sind in Bezug auf überholende Autos am sichersten unterwegs; sie werden in grossem Bogen umfahren.

3. Je mehr Velos, desto sicherer

Als in Australien die Helmpflicht eingeführt wurde, schoss die Zahl der Helmträger*innen in die Höhe, während sich die Zahl der Velofahrenden um fast die Hälfte reduzierte. Gleichzeitig stieg die Quote der Kopfverletzungen an. Auch in anderen Städten dieser Welt zeigt sich: Das Velofahren ist gefährlicher, je weniger Menschen Velo fahren. Gleichzeitig sind die einzelnen Velofahrer*innen sicherer, je mehr Menschen Velo fahren.

Auf Anfrage schickt die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich folgende Zahlen zu Unfällen mit und ohne Helm. Allerdings lassen diese Zahlen alleine keine Aussage darüber zu, ob das Fahren mit oder ohne Helm sicherer ist. Unklar ist zum Beispiel auch, wie viele Velofahrer*innen in Zürich tatsächlich einen Helm tragen.

Ob Helm oder nicht, die wichtigste Präventionsmassnahme für die Sicherheit der Velofahrenden ist eine gut ausgebaute Infrastruktur: Breite Velowege und Schnellrouten durch die Stadt führen einerseits zu mehr Abstand zwischen Autos und Velos und andererseits zu mehr Velofahrer*innen. Beides hat weniger Kopfverletzungen zur Folge.

Da es in Zürich mit der Veloinfrastruktur höchstens im Millimeterbereich vorwärts geht, müssen sich die Individuen um ihre eigene Sicherheit kümmern: Helm auf, vorsichtig fahren, viel befahrene Strassen meiden.

Und, so sexistisch es auch ist: Ein Helm mit einer blonden Perücke wäre wohl am effektivsten.


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