Drei Schwestern stören den Verkehr im Kreis 5

Die ersten zwei Tage Pukapuka gehörten der ZHDK und die veranstaltete Chaostage! „ZÜRI BRÄNNT!“
23. Mai 2015

Tag 3: Vice-Redaktor Benjamin von Wyl lebt eine Woche draussen hinter der Pukapuka-Bar des Theater Neumarkts und schreibt täglich auf tsüri.ch.

Disclaimer: Der Schreibfluss in diesem Beitrag wurde von meinem Chef beeinträchtigt, der mir eine Konfettikanone vorbeibrachte und wartete bis ich für die zweite Lektion im Meditieren bereit bin. Die erste Lektion gab er mir gestern. Sie dauerte allerdings nur fünf Minuten, da er schon etwas beeinträchtigt war («Ich bi tipsy 1.5!»).

Der Name der Pukapuka-Bar stammt von der Cook-Insel Pukapuka. Pukapuka ist eigentlich die Insel der sexuellen Freizügigkeit. Derart leichtbekleidete Freuden sind bei diesem Wetter allerdings rar. Ich hatte in den drei Tagen, die ich jetzt schon hier bin, kaum einmal halbwegs motiviert an Sexuelles gedacht, denn wie bereits gestern ausgeführt, geht der Aufenthalt hier irgendwann immer ins Zähneklappern über. Eigentlich sollte die Pukapuka also eher Spitzbergen heissen. Mein täglicher Kurzaufenthalt in der Limmat fühlt sich auch jedes Mal wie ein Eisbad an.

Obwohl es hier also nicht auf erotische Weise frivol ist, sind die Tage doch recht mediterran. Meine Texte entstehen meist auf dem Vorplatz, unterbrochen von brühend heissem Mate und Lungenzügen Parisienne Ohne (Sorry, Mami, i ha widr agfange). Passanten benutzen das Klo oder fragen, was denn das genau für ein Bau sei. Und immer wieder kommen Besucher zu mir, manche bringen Curry-Mahlzeiten und klauen dafür mein Handwaschmittel (Alex, du hesch gseit, du bringsches zrugg!), da sie ihre Jacke aus Versehen in meinen Kleister tunken. Oder sie wollen mit mir über mein Ausgesetztsein in Bezug auf Foucaults Philosophie der Existenz diskutieren (Leidr abr immer i de blödischte Momänt!). Am Abend sammelt sich dann das Zuschauervolk und die exotischen Minderheiten, die hier selbst Programm machen.



[caption id="attachment_2237" align="alignnone" width="640"]Die Curryspender und Waschmitteldiebe Die Curryspender und Waschmitteldiebe[/caption]

Die ersten zwei Tage waren Chaostage, zwar ohne (guten) Deutschpunk und/oder grosse Schäden, aber trotzdem machten die Regie- und Schauspielschüler der ZHDK den Platz beide Tage zum Wimmelbild: Da fanden Podiumsdiskussionen statt, die aus Programmzwängen vier Mal zügeln müssen, musikalisch nicht wirklich überzeugende Megafon-Versionen von «Züri brännt!» übertönen alle Gespräche und plötzlich stehen die Postpunk-Performer schon weit über dem Geschehen auf einem Baugerüst und schreien Jelinek-Texte. Zelte werden aufgebaut, ziehen zwischen die Tramgleise und werden wieder abgebaut (Debi hani gmeint, i bechum Mitstriiter, wo über Nacht blibe.), Piratenfahnen werden an Verkehrsschilder gehängt und während dem Umbau geklaut (Schuldigi bitte vorträte. Wenn Sie morn widr do isch, gihts Stroffreiheit.) und – und vor allem stolperten drei Frauen etwa eine Stunde lang zwischen den Autokolonnen und Strassenzügen durch, setzten sich auf Verkehrsinseln, posierten wie zum Stuhlgang und boten sich als Pseudo-Strassenprostituierte an.



[caption id="attachment_2239" align="alignnone" width="640"]Zwei Schwestern verstört beim Tramdepot Zwei Schwestern verstört beim Tramdepot[/caption]

Die drei Verwirrten folgten einem Tram bis zum Depot. Die Produktionsleitung bekam kurze Zeit Angst, dass sie ein Tram an der Abfahrt hinderten und ging dem nach. Die drei Frauen waren Teil einer explorativen Outgoing-Variante von Tschechows «Drei Schwestern» und boten auch völlig unbeteiligt Trinkenden und Kiffenden einige Performance-Eindrücke. Die Trinkenden und Kiffenden malten währenddessen Kreidekreise umeinander, schrieben «Fehlbar» an den Rand, sperrten die Drinnenstehenden auf diese Weise ein und hingen wohl irgendeiner kruden Vorstellung von Goethes Faust nach – bevor sie wieder von Megafons unterbrochen wurden, vielleicht «Züri brännt», vielleicht vom «Rauch-Haus-Song» der Scherben, Ton Steine Scherben. Andere Trinkerrunden fabulierten indessen darüber, Kresse im Öko-WC der Pukapuka zu pflanzen. «Reizüberfluetig! Puri Reizüberfluetig», gellte ein JUSO mal über den Platz (Är isch underanderem cho, zum übermi Artikel «5 Dinge, die ich an der Schweizer Linken hasse» z rede. S einzige, woni vonem ghört han, isch aber nur: «Absolute Blödsinn, alles absolute Blödsinn.»).

Die Reizüberflutung griff auf alle Sinne über, unter anderem kochte eine sehr ausdauernde Erzählinszenierung gemeinsam mit ihren Zuschauern eine reichhaltige Gemüsesuppe, die dann unter die Leute verteilt wurde und so die um sich greifende einseitige Ernährung – überall lagen Kokosnüsse rum – bekämpfen konnte.



[caption id="attachment_2238" align="alignnone" width="640"]Meditationsseminar 101, Dauer: Fünf Minuten. Meditationsseminar 101, Dauer: Fünf Minuten.[/caption]

Als das Getümmel grösser wurde, blieben auch die Zufallspassanten länger. Ein Pärchen, das gleich hinter dem Tramdepot wohnt – aber leider zu weit entfernt, um mir Wlan zu leihen - erzählte mir davon, dass sie mal an einem Sonntagmorgen, auf dem Heimweg vom Flughafen um 6 absolut nüchtern ins Hive gegangen seien. Das mache ich morgen früh vielleicht auch, denn wegen der Kälte und den Trams bin ich heute wieder um 5:00 Uhr aufgewacht und hab dann bei Tageslicht zwei Gipfeli im Happy-Beck gekauft. Und irgendwie ist es so falsch, bei Tageslicht – und auch noch nüchtern – im Happy-Beck zu sein, dass ich meinen einmalig-eigenartigen Tagesrhythmus auch ausnutzen muss, um die verstrahlt-besoffenen Massen im Hive zu observieren.



[caption id="attachment_2240" align="alignnone" width="640"]Da war es noch verhältnismässig gesittet. Da war es noch verhältnismässig gesittet.[/caption]

Vielleicht kommen ja die drei Schwestern von gestern mit. Nach sehr langem, lemminghaftem Durch-die-Gegend-stolpern fanden sie irgendwann wieder in der Pukapuka zueinander, sagten Dinge wie «Denn wir müssen leben» und kicherten erlöst los. Dazu lief «Girls just want to have fun» (Was wiederum ehner en Hiwiis druf isch, dass sie zu de verstrahlt-bsoffene Masse ghöre wärded, woni chan beobachte).

Hier liest du von Tag 1 & 2 draussen auf dem Escher-Wyss-Platz:

Ich bin letzte Nacht fast erfroren - und fühle mich gut!

Tsüri ist auch nicht besser als der Aargau!

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