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Foto: Lara Blatter

Drei Expert*innen über ein velofreundliches Zürich

In einer Welt, in welcher es den CO2-Ausstoss zu minimieren gilt und es der Mehrheit der Bevölkerung an Bewegung fehlt, ist das Fahrrad ein willkommenes Verkehrsmittel. Doch dazu braucht es die passende Infrastruktur. Wie sieht diese im Idealfall aus?
14. Juni 2020
Texterin

In Zürich fehlt es an den meisten Orten an durchgehenden oder breiten Velowegen. So kommt es immer wieder zu schweren oder sogar tödlichen Unfällen; meist im Zusammenhang mit dem toten Winkel eines LKWs. Wie müsste eine idealtypische Veloinfrastruktur aussehen? Drei Expert*innen beantworten die wichtigsten Fragen.

Yvonne Ehrensberger – Pro Velo Kanton Zürich
Seit Juni ist Yvonne Geschäftsführerin bei Pro Velo Zürich. Dort setzt sie sich seit dreieinhalb Jahren mit der Infrastruktur und der Planung von Velowegen in Zürich auseinander. Ziel dabei ist, dass Bauprojekte im Strassenverkehr velofreundlich umgesetzt werden.

Silas Hobi – Verein umverkehR

Der studierte Umweltwissenschaftler setzt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Mobilität auseinander. Heute ist er Geschäftsführer des unabhängigen Vereins umverkehR. Dieser macht sich seit 1992 für eine zukunftsfähige Mobilität stark.

Alice Hollenstein – Urban Psychology Consulting & Research

Die Stadt- und Umwelt-Psychologin befasst sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen in urbanen Gebieten. Dies macht sie einerseits an der Universität Zürich, wo sie den Studiengang in Urban Management und eine Weiterbildung Urban Psychology leitet und andererseits mit ihrem eigenen Unternehmen.

Mindestens 2.5 Meter breit muss er sein. Geteert. Durchgängig, sprich ohne Unterbrechungen. Und ganz klar signalisiert! So wird der perfekte Veloweg von Yvonne Ehrensberger, der Geschäftsführerin von Pro Velo Zürich beschrieben. Während von diesem in Zürich noch geträumt wird, ist er für die Bewohner*innen von Kopenhagen bereits ein Selbstverständlichkeit. Doch weshalb genügt bis heute nicht einmal die Hälfte des Zürcher Velo-Netzes den Minimalanforderungen des Bundesamtes für Strassen (Astra)? Und das, obwohl der Veloverkehr von der Stadt aktiv gepusht wird und er laut des neuesten Verkehrsberichts der Stadt Zürich immer weiter steigt.

Der perfekte Veloweg, eine Utopie?

Autos, Velos, Motorräder, Fussgänger*innen und eines der besten ÖV-Netzwerke der Welt: Die Diversität der Zürcher-Verkehrsteilnehmer*innen ist hoch und so auch die verschiedenen Bedürfnisse auf der Strasse. Das ist einer der Gründe, weshalb die Planung von Radwegen in Zürich so komplex ist, erzählt Yvonne Ehrensberger von Pro Velo. Wenn das Auto immer noch zum priorisierten Verkehrsmittel gehört, wird es schwierig für das Velo, meint sie weiter. Von einem durchgängigen, perfekten Velonetz in Zürich sind wir noch einige komplizierte politische Verhandlungsrunden entfernt.

Wenn in Zürich nicht überall Velowege möglich sind, wie bringen wir dann mehr Menschen dazu, das Velo als Option im alltäglichen Verkehr zu betrachten? Unsere Expert*innen haben folgende Vorschläge dazu:

1. Velostrassen

Grosses Potenzial sieht Silas Hobi von umverkehR in sogenannten Velostrassen. Diese befinden sich in 30-er Zonen und erlassen den Rechtsvortritt. Somit hat jedes Verkehrsmittel – egal ob Velo, Auto oder Motorrad – den durchgängigen Vortritt. Silas hat ein Pilotprojekt einer Velostrasse in Bern getestet und ist positiv überrascht vom entspannten und sicheren Fahrerlebnis. Weiter meint er, dass ein Abbau von Autoparkplätzen auf Velostrassen den Autoverkehr deutlich reduziere – was in den dicht bewohnten 30-er Zonen durchaus wünschenswert ist.

2. Infrastruktur

Eine velofreundliche Stadt bezieht sich für die Psychologin Alice Hollenstein nicht nur auf das Unterwegssein, sondern auf die gesamte Infrastruktur einer Stadt. So sollten genügend Abstellplätze für die Velos vorhanden sein, die es einem ermöglichen, das Fahrrad entspannt abzustellen. Auch Vermieter*innen von Wohnungen seien dazu aufgefordert, ihren Mieter*innen neben Autoparkplätzen auch solche für die Fahrräder anzubieten, fügt Alice hinzu.

Foto: Mark Hourgaard Jensen, CC BY-SA 2.0

3. Zeichen setzen

Es gibt auch Möglichkeiten, den Veloverkehr mit relativ wenig Aufwand sicher zu gestalten. Eine davon ist die Signaletik. Denn dadurch, dass die Wegleitungen von Velos klar ersichtlich sind, kann man sich als Velofahrer*in besser auf den Verkehr konzentrieren, erzählt Yvonne Ehrensberger. Alice Hollenstein fügt dem hinzu, dass durch präsenter gekennzeichnete Velowege auch andere Verkehrsteilnehmer*innen sehen, dass das Velo durchaus als Verkehrsmittel akzeptiert ist und werden darin bestärkt, selbst auf den Drahtesel zu sitzen.

4. Tempo 30 für alle?

Silas Hobi meint, dass Velowege oder -Strassen gar nicht überall nötig seien. Viel wichtiger ist für ihn, dass der gesamte Autoverkehr der Stadt langsamer wird und stark zurückgeht. Dies würde die Situation für die Velofahrer*innen entspannen und ältere oder auch weniger fitte Menschen könnten sich sicherer auf dem Fahrrad bewegen. Zudem wird bei Tempo 30 der Bremsweg kürzer und somit die Unfallgefahr verringert.

Auf die Sättel, fertig, los!

Aber wie lange dauert es noch, bis jede und jeder entspannt durch Zürich radeln kann? Silas Hobi ist zuversichtlich, dass dies eine Frage der kommenden Jahre ist. Er glaubt, dass das klare «Ja» des Volkes im 2018 zum «Bundesbeschluss Velo» die Kantone und somit Zürich dazu bewegen wird, endlich velofreundlicher zu werden. Und auch der Masterplan der Stadt Zürich lässt hoffen, zudem steht im September die Abstimmung über die Velorouten-Initiative an.

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