29. November 2021 um 16:30

Drag Kings und Quings: Mit Humor und Kunst Geschlechterrollen demontieren

Chris Heer aka Chris Cripping und Lovis Heuss aka Justin Bellini Case gehören zum Zürcher Drag-Kollektiv «The Heart Throb Mob». Wir durften sie an das Zürcher Filmfestival Porny Days begleiten, das sich neben Pornos auch dokumentarischen Werken über die Dragkultur widmete.

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Lovis Heuss aka Justin Bellini (links) und Chris Heer aka Chris Cripping (Foto: Isabelle Wachter).

Text: Isabelle Wachter

Am Freitagabend haben wir uns vor der Vorführung des Films «Venus Boyz» mit Chris Heer und Lovis Heuss vom Drag Kollektiv «The Heart Throb Mob» in der Xenix-Bar verabredet, um über Drag-Kinging und -Quinging zu sprechen. Drag Kinging ist eine Performance-Kunst, die mit Maskulinität spielt, indem sich die Künstler:innen wie Männer kleiden, schauspielern, singen und tanzen. Drag Quings kombinieren in ihren Kunstfiguren männliche und weibliche Attribute. Drag ist keineswegs gleichzusetzen mit Trans-Sein.

Unter den Drag Kings gebe es viele Cis-Frauen, die ihren künstlerischen Ausdruck im Darstellen von Männlichkeit gefunden hätten. So seien auch Cis-Frauen Teil des Kollektivs. Chris und Lovis sind beide nicht binäre Personen. Drag Quinging ermöglicht ihnen, einen spielerischen Zugang zu ihrer Geschlechtsidentität zu finden. Zwischen den Drag- und den Trans-Communities besteht seit jeher eine enge Verbindung.

Die Power über die eigene Gestik, Mimik und Kleidung zurückgewinnen. Darum geht es!

Lovis Heuss, The Heart Throb Mob

Parodierte Männlichkeit

«Bei Drag Kinging schwingt auch immer eine grosse Portion Parodie mit. Es gibt uns die Möglichkeit, auch heterosexuellen Cis-Menschen aufzuzeigen, wie absurd das heteronormative Verständnis von Geschlechterrollen ist. Denn was heisst denn eigentlich Männlichkeit?», erklärt Lovis. Typisch männliche Attribute könnten auch von einer Cis-Frau oder einer nicht binären Person so einfach imitiert werden, sodass die Leute plötzlich das Gefühl hätten, einen Mann vor Augen zu haben.

Das führe dann jeweils zu grosser Verwirrung. Denn die meisten Leute seien sich nicht bewusst, dass ein grosser Teil von Geschlecht eine Performance sei, die jeder Mensch tagtäglich zum Besten gebe.

Es gehe auch darum, sich erlernte Genderrollen abzutrainieren. Frauen würden beispielsweise viel öfter lächeln als Männer. Lächeln Frauen mehr, weil sie es wirklich wollen oder ist es ihnen aufgrund des vorherrschenden weiblichen Rollenverständnisses antrainiert worden? Lovis betont, dass auch klassische «feminine» und «maskuline» Verhaltensweisen völlig in Ordnung seien, solange diese aus eigenem Willen entstehen würden: «Die Power über die eigene Gestik, Mimik und Kleidung zurückgewinnen. Darum geht es!»

Ein Raum für anarchistische Kunst

Das im Jahr 2021 gegründete Drag-King/-Quing-Kollektiv «The Heart Throb Mob» ist das einzige ihrer Art in Zürich. In Bern, Basel und Lausanne gibt es weitere Drag Kollektive oder einzelne Kings und Quings. Einem breiteren Publikum bekannt wurde «The Heart Throb Mob» mit dem Video «Ehe für Alle». Darin tritt jede:r King beziehungsweise Quing in einer anderen Regenbogen-Farbe der LGBTQIA+-Flagge auf.

Das Drag Kollektiv besteht aus sechs bis acht Personen. Sie treten bei queeren Partyreihen, für künstlerische Auftritte aber auch an Demonstrationen und in Videos auf.

«Unsere Ideen beziehen wir unter anderem aus der Popkultur. So haben wir kürzlich ein Video gedreht, in dem wir eine 90er Boygroup spielen. In der Regel machen wir gemeinsam ein Brainstorming und einigen uns auf ein Thema. Innerhalb des Themas soll sich jedes Mitglied frei entfalten können», erklärt Chris.

«Wir stellen in unserem Kollektiv keine fixen Drag Personas dar. Wir haben zwar alle Künstlernamen, aber unsere Figuren sind sehr wandelbar. Im Gegensatz zum Ballroom, wie es beispielsweise in der Netflix-Serie ‹Pose› gezeigt wird, gibt es bei uns keine Kategorien und Regeln. Wir machen eher sowas wie Kunst-Anarchie», präzisiert Chris.

Rückzugsorte sind wichtig

Nicht binäre Menschen müssten sich im Alltag sehr oft erklären und würden oft Diskriminierung erfahren. Als nicht binäre Person mit Behinderung ist Chris Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt: «Manchmal lasse ich die Leute auch einfach gewähren, wenn sie mich als Frau ansprechen, da ich mich einfach nicht immer erklären mag.» Vor allem unter Alkoholeinfluss würden die Menschen umso mehr unangebrachte und intime Fragen stellen, sagt Chris.

Daher ist das Kollektiv für Chris ein Rückzugsort: «Die Subkultur ist für uns wichtig. Aber wir wollen uns auch zeigen und heissen heterosexuelle cis Personen als Zuschauer:innen willkommen. Aber wir würden es schätzen, wenn auch die Zuschauer:innen Drag für sich selbst ausprobieren würden. Ansonsten kann es leicht ins Voyeuristische kippen», ergänzt Lovis.

Während des Festivals zeigen die Veranstalter:innen unter anderem den Film «Venus Boyz» aus den 1990er-Jahren. Damals war die Szene noch viel weniger sichtbar als heute. Alecs Recher ist der erste Schweizer Transmann, der sich im Jahr 2008, mit Beginn seiner Transition, öffentlich outete. Der Heilpädagoge und Jurist erinnert sich gut an diese Zeit: «Als ich mich in den 00er-Jahren in der Drag-King-Szene bewegte, war Transmaskulinität in der Schweiz noch so gut wie kein Thema, geschweige denn Non-Binarität.»

Transfrauen hatten viel früher begonnen, sich zu vernetzen und sichtbar zu werden, erklärt Recher: «Mit dem Kinging schufen wir uns emanzipatorische Räume, die ein gemeinsames Ausprobieren und Hinterfragen von Maskulinität ermöglichten, auch über Landesgrenzen hinweg. Diese Zeit hat viele von uns stark geprägt und verbindet bis heute.» Im Jahr 2009 gründete Recher die Organisation Transgender Network Switzerland, die Transmenschen verschiedene Vernetzungs- und Beratungsangebote macht. Dort ist er heute noch als Leiter der Rechtsberatung tätig.

Nur dank dem langjährigen Austausch in Gruppen konnte ich bei mir selbst ankommen.

Alecs Recher, Transgender Network Switzerland

Kategorisierungssysteme leisten Übersetzungsarbeit

Bei all den Begriffen wie cis, nicht binär, trans oder genderfluid kann man leicht den Überblick verlieren. Dies wirft die Frage auf, ob es sich nicht wieder um eine Form der Einordnung handelt, von der man eigentlich wegkommen möchte?

Chris und Lovis lehnen eine Kategorisierung nicht grundsätzlich ab. Schliesslich sei die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft mit einem binären Verständnis von Geschlechtsidentität sozialisiert worden. Eine Einordnung helfe bei der Sensibilisierungsarbeit. Ziel sei es aber, dass Geschlecht irgendwann gar nicht mehr so wichtig sei. «Vieles habe ich vor 20 Jahren auch noch nicht gewusst», sagt Rechner.

Er habe jedoch gespürt, dass ihm Konzepte, Begriffe und Vorbilder fehlten, um sich selbst ganz zu verstehen: «Nur dank dem langjährigen Austausch in Gruppen konnte ich bei mir selbst ankommen. Heute erlaubt uns das Verständnis, dass Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und körperliche Geschlechtsmerkmale weder kausal zusammenhängen noch binär begrenzt sind, viel differenzierter zu denken und zu handeln.»

Diese Begriffe und Kategorien seien auch hilfreich, um Wissen weitergeben zu können, erklärt Recher: «Damit die nächsten Generationen darauf aufbauen können – so wie wir auf den Errungenschaften queerer Menschen vor uns aufbauen durften.»

Geschlechtsausdruck, Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsidentität
Der Geschlechtsausdruck ist das Geschlecht, das eine Person in Form ihres Erscheinungsbildes, ihrer Kleidung und ihres Verhaltens präsentiert. Die Geschlechtsmerkmale sind die körperlichen Eigenschaften einer Person bezüglich des Geschlechts, wie Chromosomen, Hormone, Genitalien, Fortpflanzungsorgane oder sekundäre Geschlechtsmerkmale. Die Geschlechtsidentität hingegen ist das tiefe innere Wissen über die eigene Geschlechtszugehörigkeit. Die Geschlechtsidentität muss nicht mit dem körperlichen oder dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmen. So kann sich beispielsweise auch eine Person mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen mit dem männlichen Geschlecht identifizieren.

Transmenschen sind Personen, die sich nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Es gibt sowohl Transmenschen mit einer binären als auch Transmenschen mit einer nicht binären Geschlechtsidentität. Binäre Transmenschen sind Transmänner und Transfrauen. Als nicht binär werden Transmenschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität sich ausserhalb des binären Geschlechtersystems (männlich, weiblich) befindet.

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