Mitorganisator Styro2000 über die Lethargy: «Inzwischen gehören auch wir zum Establishment.»

Dieses Jahr geht die Lethargy in die 23. Runde. Wie immer wird ein saftiges Line-Up aufgetischt und wie gewohnt wird das ganze abgerundet mit einer ausgeschweiften Sonntagspredigt. Marcel Ackerknecht aka Styro2000 ist seit den Anfängen der Lethargy als Mitorganisator und DJ dabei. Tsüri.ch erzählt er von seiner anfänglichen Vision einer alternativen Party und dem Versuch, dieser noch heute treu zu bleiben.
08. August 2017

«Inzwischen gehören auch wir zum Establishment»

Ursprünglich als einmaliger Spass angedacht, konnte sich die Lethargy über die Jahre hinweg fix im Zürcher Nachtleben einnisten. Ihren Anfang nahm sie jedoch unter einem anderen Namen. 1993 veranstaltete Styro zusammen mit Michael Schuler auf dem Areal der Roten Fabrik die «Gigantomania 3.5». Der Name war eine ironisierende Antwort auf die durchkommerzialisierten Megaraves im Umfeld der Street Parade. Im darauffolgenden Jahr prangte dann der Name «Lethargy» auf den Flyern. Es war eine direkte Persiflage der von Technopabst und Erotikkönig Arnold «Nöldi» Meyer organisierten Energy Party.

2002 kam dann der Knaller: rund 12'000 Partygäste stürmten auf das Areal der Roten Fabrik. Die Kapazitätsgrenze war erreicht und das Discogrüppli fassungslos. Wie weiter? Anstatt einem immer grösseren Profit nachzujagen, entschied man sich für eine Verschnaufpause. Im folgenden Jahr fand der Event nur am Freitag in einem viel kleineren Rahmen statt – getreu dem Motto «Destroy the brand in order to keep the spirit!». Ab 2004 machte man wieder volles Programm. Dazu gesellte sich nun auch eine offiziell angekündigte Afterhour, an der, nebst einem Auftritt von «Die galoppierende Zuversicht», auch Sonja Moonear, P.Bell und Rino an den Stöpseln drehten.

Mittlerweile gehört die Lethargy zu den etabliertesten Streetparade-Afterparties. Mehr noch: Nachdem Megaevents in den letzten Jahren nur noch finanzielle Defizite aufwiesen, konnte sich die Lethargy als krisenresistent gegenüber den Fluktuationen der elektronischen Musikindustrie beweisen. Ironischerweise scheint gerade der Verzicht auf eine kommerzielle Ausrichtung ökonomisch am nachhaltigsten zu sein. Die Lethargy ist finanziell selbsttragend und kommt ohne grosse Sponsorengelder aus. Das Organisationsteam zahlt sich wohl einen Lohn aus, doch der Grossteil des Gewinns wird reinvestiert und dient als Risikoschutz für kommende Events.

Seit den Anfängen mit Herzblut dabei, Marcel Ackerknacht aka Styro2000. Quelle: Lethargy.ch

«Wir hätten nie damit gerechnet, dass so viele Leute erscheinen. Die erste Lethargy war von der Roten Fabrik eigentlich nicht erlaubt. Wir machten diese einfach im Rahmen des ‘Discogrüpplis’ an einem Samstag. Dass die Lethargy nun immer noch existiert, während all diese Grossraves verschwunden sind, ist eigentlich leicht irritierend», meint Styro, der seit der ersten Stunde der Lethargy als DJ und Mitorganisator dabei ist. Sein Erfolgsrezept? «Gutes Preisleistungsverhältnis, gutes Programm, und kein Scheiss halt.» «Und klar», fügt er mit er mit leisem Lächeln hinzu, «inzwischen gehören auch wir zum Establishment, das muss man natürlich eingestehen.»

Die Lethargy ist gewachsen und in gewisser Hinsicht ist sie zu einem professionell organisierten Grossereignis mutiert. Das führt zu notwendigen Kompromissen: «Wir können uns nicht gegen alles stemmen», meint Styro. Auch die Lethargy musste in den letzten Jahren die Eintrittspreise erhöhen. Dies vor allem, weil Künstler und Bookingagenturen immer mehr verlangten. Doch grundsätzlich können sie ihre Vision – eine Alternative mit guter Musik – immer noch verwirklichen, versichert Styro: «Dazu stehen wir heute noch!»

Ohne musikalische Scheuklappen

Das Line-Up ist auch dieses Jahr eklektisch zusammengestellt. Eklektisch ja, aber keineswegs willkürlich. Hier sind engagierte Leute am Werk, die mit feinem musikalischen Gespür ein exquisites musikalisches Bouquet zusammenstellen. Genremässig darf man sich gewohntermassen auf einen bunten Stilmix freuen: Von trashigem Punk, Lo-fi Gangsta Rap, Indie-Electronica bis hin zu wuchtiger Bassmusik und Berghain Techno ist nahezu alles Erdenkliche dabei.

Vielleicht lässt sich der Erfolg der Lethargy gerade auch an dem dadurch entstehenden Publikumsmix erklären. Denn jede Stilrichtung bringt, freilich etwas überspitzt formuliert, eine bestimmte Sorte Publikum mit sich.Es gibt die Technoheads, die sich gerne ein wie auch immer geartetes Pülverchen durch die Nase ziehen und dann in teilweise etwas epileptisch anmutenden Bewegungen über den Dancefloor schwirren. In den frühen Morgenstunden werden die Bewegungen etwas lethargischer dafür die Gesichter umso verzogener. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die irgendwelchen Bands zuhörenden Hippies und Yuppies, die gegen drei Uhr nach Hause wollen, damit sie am nächsten Tag ihre frühmorgendliche Yogasession nicht allzu verkatert durchstehen müssen. Die Lethargy, indem sie diesem breiten Spektrum einen Raum bietet, leistet also wichtige interkulturelle Mediationsarbeit zwischen den musikalischen Subkulturen.

Diversität herrscht auch in Bezug auf die Geschlechterverteilung. Ein Blick ins Line-Up verrät, hier findet definitiv keine Penisparty hinter den Decks statt. Styro meint dazu: «Wir wollen, dass die Party in dieser Hinsicht auch divers ist. Man sieht, dass in den Zürcher Clubs der Anteil an XY-Chromosomen immer massiv höher ist und das finden wir ziemlich scheisse. Wir schauen deshalb, dass wir viele Frauen auf dem Line-up haben. Es gibt sehr viele talentierte Frauen, die auflegen, Musik machen und produzieren. Die sollte man auch hören können.» Zu den Highlights gehören sicher Kim Ann Foxman aus New York oder Elliver aus Berlin. Dazu gesellen sich einige Lokalmatadorinnen, darunter das feministische Dj-Kollektiv Les Belles des Nuits.

Die Bernerin Princess P. an der Lethargy 2016. Quelle: facebook.com/LethargyFestival

Nebst einer Vielzahl kleinerer Acts treten auch gestandene Grössen auf wie Roman Flügel, Bonaparte, Argenis Brito, Matrixxman oder Convextion. EDM_Kommerz à la David Guetta – der 2013 an der Energy für läppische 100’000 Franken auflegte – sucht man allerdings vergeblich. Die Lethargy richtete sich vor allem gegen dieses musikalische Sell-out. Diese «Anti-Haltung» ist aber nicht im Sinne einer offenen Feindschaft zu verstehen. Arnold Meyer wirkte anfangs selbst an der Lethargy als Chill-Out-DJ und umgekehrt war Styro an der Energy hinter den Tellern zu sehen. Das Statement der Lethargy sollte als Aufruf verstanden werden, das ganze Getue rund um die Streetparade nicht allzu ernst zu nehmen. Für Styro war es vor allem auch eine Einladung, sich von den gängigen musikalischen Scheuklappen zu befreien: «Wir sehen uns nicht unbedingt als konträr zu etwas. Das schöne an der Lethargy ist letztlich, dass es Leute anzieht, die musikalisch open minded sind, sich gerne auf etwas Neues und Spezielles einlassen und nicht einfach jedem angesagten Trend hinterher rennen.»

Opfer des eigenen Erfolgs?

Zum ersten Mal ist dieses Jahr die Party am Sonntag nicht kostenlos. Styro findet das eigentlich blöd: «Die Sonntagsparty ist inzwischen so gross geworden, dass wir für die Sicherheit nicht mehr garantieren können. Deshalb müssen wir sie dieses Jahr abriegeln, was uns natürlich total anscheisst. In gewissem Sinne sind wir hier Opfer unseres eigenen Erfolges geworden.» Ferner gab es früher viel mehr vereinzelte Soundsystems rund um den See. Dadurch verteilte sich auch das Publikum besser. «Ich fand es irgendwie geil, dass Zürich für drei Tage in Anarchie, Schutt und Asche versinkt. Das ist jetzt nicht mehr ganz so. Alles ist viel reglementierter geworden und die Fabrik ist jetzt fast der einzige Ort, an dem am Sonntag noch draussen geraved werden kann.»

Tausende strömen zum mittlerweile legänderen Sonntagsgebet auf dem Gelände der Roten Fabrik. Quelle: facebook.com/LethargyFestival

Vielleicht wäre es also an der Zeit, die Lethargy selbst zu veräppeln, denn der König hat bekanntlich keine Freunde. Styro lacht, auch das wurde bereits gemacht: «Vor über zehn Jahren, als der Ziegel noch nicht im Programm der Lethargy integriert war, veranstalteten diese am Samstag ihre eigene Party. Sie nannten sie Liturgie.»

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Titelbild: Nicht nur was für die Ohren. Für das Visuelle sorgt seit 2005 Syntosil. Quelle: facebook.com/LethargyFestival

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