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Illustrationen: Artemisia Astolfi

Yuppie-Kolumne: Sind wir die 99%?

Unser Kolumnist blickt zurück auf eine Zeit, in der die linken Parteien der Schweiz noch echte Arbeiter:innenparteien waren und sinniert über intellektuelle «Altbaulinke», die zu Tausenden fröhlich klingelnd durch die Strassen Zürichs radeln, um die Strasse «zurückerobern» und dabei nicht vergessen sollten, dass nicht alle im Kreis 4 leben können.
19. Juni 2021
Freier Autor

Letzte Woche trieb ich mich in einem wunderschönen Villenviertel im Herzen Zürichs rum. Beim Bestaunen der lauschigen Gärten an der ruhigen Strasse sah ich an einer mit Glyzinien behangenen Terrasse eine rote Flagge mit der Aufschrift: «We are the 99%». Mir wurde schlecht.

Schlecht? Um das zu erklären, muss ich kurz 50 Jahre zurückspulen. Denn damals waren die linken Parteien der Schweiz noch echte Arbeiter:innenparteien. Während sich die Konservativen in den Städten für niedrige Unternehmenssteuern und gegen Mindestlöhne aussprachen, kämpften Industriearbeiter:innen für Gesamtarbeitsverträge, Kündigungsschutz und Mindestlöhne. Wer hart schuftete und wenig verdiente, wählte links. Wer viel besass und noch mehr wollte, wählte rechts.

Spätestens seit den 90er-Jahren bildete sich dann in allen westlichen Industrienationen eine neue Bevölkerungsschicht, die bald schon das politische Geschehen dominierte: Städtische Intellektuelle, die im Wohlstand aufgewachsen waren und sich durch sehr progressive Meinungen auszeichneten. Es waren die Vorläufer der heutigen Yuppies. Stets unter ihresgleichen verkehrend, sprachen diese urbanen Intellektuellen bald schon eine völlig andere Sprache als das ländliche Arbeiter:innenmilieu. Während also auf den Balkonen der urbanen Altbauwohnungen über Postmaterialismus und globale Interdependenzen diskutiert wurde, hatten die meisten Industriearbeiter:innen nach einer neunstündigen Fliessbandschicht unter Neonröhren keine Lust, Judith Butlers Gedanken zur Performativität der Sprache nachzulesen.

Natürlich fanden die linken Parteien diese neuen städtischen Intellektuellen sexy.

Weltoffen, gebildet und diskussionsfreudig verkörperten diese Grossstadt-Hipster (Sarah Wagenknecht nennt sie in ihrem neuen Buch die «Lifestyle-Linken») ihre feuchtesten Träume. Schnell begannen sie deshalb, ihre Sprache und Agenda auf diese neue Elite auszurichten. Was Letzterer natürlich schmeichelte. So entstand eine innige Liebesbeziehung zwischen linken Parteien und der städtischen Oberschicht, die noch bis heute anhält und wortwörtlich blind machte. Blind für die 99 %.

Springen wir zurück ins Jahr 2021: Wir Lifestyle-Linke setzen uns für grünere Städte, höhere Benzinpreise, grosszügige Kulturgelder und offene Grenzen ein. Wir sprechen fliessend Englisch, sind international vernetzt und haben über viele Jahre hinweg eines der weltweit besten Bildungssysteme genossen. Unsere «wilden» Zwanziger wurden uns von wohlwollenden Eltern finanziert, deren Immobilien unseren leeren Kontostand am Monatsende zu einem Synonym für «das Leben geniessen» machten.

Das Arbeiter:innenmilieu auf der anderen Seite, enttäuscht vom fehlenden Verständnis und Respekt aus den Städten, ist unlängst rechts abgebogen. Heute gelten urbane Intellektuelle mit Teilzeitstellen und lauschigen Innenhöfen (aka die Leser:innen dieser Kolumne) als links, während sich konservative Parteien wie die SVP im Arbeiter:innenmilieu etablieren konnten. Als Resultat davon bekämpft das Arbeiter:innenmilieu mittlerweile nicht nur staatliche Unterstützungen für die Schwächsten, sondern auch sechs Wochen Ferien oder kleinere Lohnscheren. Völlig absurd! Viele linke Anliegen scheiterten in den letzten Jahren an ihrer eigenen Zielgruppe!

Es ist deshalb wichtig, dass wir Lifestyle-Linke uns an das erinnern, wofür linke Politik mal stand.

Nämlich für die Anliegen des Arbeiter:innenmilieus. Und wenn wir zu Tausenden fröhlich klingelnd durch die Strassen Zürichs radeln, uns die Strasse «zurückerobern» und alle vorbeifahrenden SUVs bespucken, sollten wir nicht vergessen, dass nicht alle im Kreis 4 leben können. Dass nicht alle mit dem Velo zur Arbeit fahren können. Dass es Menschen aus der Agglo sind, die unsere Strassen reinigen, unsere Bäume pflegen und unsere Rohre entstopfen. Dass es Menschen vom Land sind, die uns frisches Biogemüse auf den Helvetiaplatz liefern und den Hafer für unsere veganen Cappuccinos anbauen. Und das Wichtigste: Dass diese Menschen die grosse Masse sind.

Nun kann es natürlich gut sein, dass die hinter den Glyzinien lebenden Menschen mit der roten Flagge am schmiedeeisernen Terrassengeländer nicht zu den privilegiertesten 1 % der Schweiz gehören. Aber ich finde es schon ein starkes Stück, diese Botschaft an die Fassade einer Zürcher Villa zu hängen. Denn wir intellektuellen Altbaulinken gehören definitiv zu den Privilegierten und nicht zur grossen Masse. Let’s be realistic: «We are not the 99%».

Kolumnist DJ Restaurant
DJ Restaurant glüht für gesellschaftliche Brennpunkte. Deshalb sinniert er als freier Autor und Kolumnist regelmässig über die kleinen Flammen des Alltags. Über die grossen Brände dieser Welt forscht er als Klimawissenschaftler an der Uni Bern. Abends ist DJ Restaurant oft in seinem Zürcher Musikstudio anzutreffen, wo er stundenlang an winzigen Knöpfen herumdreht. Seit er vor fünf Jahren ein Schwein hinter dem Ohr gekrault hat, träumt er von seinem eigenen Bauernhof. Wie naiv. Doch für nichts auf der Welt würde er seinen Leichtsinn hergeben.
Yuppie-Kolumne
Die neue urbane Elite wird in jüngster Zeit als aspirational class bezeichnet. Während früher teure Autos und schicke Uhren als Statussymbol galten, braucht es für die Aneignung moderner Statussymbole nicht viel Geld, sondern Insiderwissen. Billige Digitaluhren, zerrissene Hosen, Adiletten, wackelige Tattoos auf den Fingern, Drehtabak – alle diese Statussymbole sind nicht teuer. Ihre Träger:innen müssen sich aber das nötige Wissen für deren Aneignung erarbeiten. Gerade in einer so unglaublich wohlhabenden Stadt wie Zürich, wo sich die städtische Elite (und damit sind nicht bloss die Google-Mitarbeiter:innen aus der Europaallee gemeint) seit Kindesbeinen an alle Requisiten des «guten Lebens» leisten kann, sind solche neuartigen Statussymbole allgegenwärtig. Diesen Symbolen und Manifestationen möchte DJ Restaurant mit seiner Kolumne auf die Spur gehen.

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