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Hier steht sie am liebsten: Hinter dem DJ Pult. Bild: zVg

DJ Playlove: «It's time for change!»

Seit 21 Jahren legt DJ Playlove auf. Mit dem Verein «Les Belles de Nuits» setzt sich die 38-Jährige für mehr Frauen hinter den Turntables ein und denkt selbst noch lange nicht ans Aufhören.
21. Juli 2020
Praktikantin Redaktion

Seit 1999 bringt Nathalie Brunner als DJ Playlove Menschen zum Tanzen. Das treibt sie so stark an, dass sie ihr Leben dem Auflegen und damit dem Nachtleben verschrieben hat. Und der Repräsentation von Frauen darin. Wieso? «Weil ich selber eine Frau bin und mein Leben seit 21 Jahren vor allem im Nachtleben stattfindet, in dem Frauen, egal ob in der Musik oder im Management, immer noch stark unterrepräsentiert sind.»

Als sie begonnen hat Musik zu machen, sei die einzige Möglichkeit weiter zu kommen gewesen, Dinge selber in die Hand zu nehmen und mit viel Mut und Herzblut Partys zu veranstalten und eigene Formate zu kreieren. 2013 gründete sie deshalb den Verein «Les Belles de Nuit» mit. Der Verein setzt sich für die Sichtbarkeit von Frauen und Queers im Nachtleben ein, veranstaltet Partys und ein Festival pro Jahr. Als Vereinspräsidentin ist Nathalie dort stark involviert. «Der Spass an der Sache ist uns als Kollektiv wichtig, dass man gemeinsam dafür sorgt, dass der Platz und die Aufmerksamkeit entsteht, andere zu fördern.» Da auch heute weltweit nur knapp 10 Prozent der Acts in Clubs und an Festivals Frauen sind, gebe es immer noch grossen Handlungsbedarf. Es fehle an Vorbildern und einer Struktur, in der Frauen sich gegenseitig unterstützten.

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Liebesfalle Schweiz

Nathalie ist 1981 in Wien geboren und in Nigeria aufgewachsen. Mit 16 ging sie zurück nach Wien, stieg in die dortige Technoszene ein und wurde – wie sie sagt – nicht mehr vom Bann des hypnotischen 4/4 Rhythmus losgelassen. Ihr bester Freund DJ Ingrid habe sie damals mit Vinyl versorgt, ihr das Auflegen beigebracht. Gemeinsam mit ihm habe sie auch ihre ersten Partys veranstaltet. Danach ist sie von München über Berlin nach Zürich gekommen. Geblieben ist sie aus einem naheliegenden Grund: Wegen der Liebe. «Ich bin in die Liebesfalle Schweiz getappt und bis heute glücklich an der Seite der Liebe meines Lebens.» Über die Jahre ist sie zu einer elementaren Figur im Nachtleben der Stadt geworden. Zum Zeitpunkt dieses Portraits, befindet sie sich in den Dolomiten – wandern und Familie besuchen. Am Telefon ist sie wortgewandt, weiss was sie sagen möchte und redet nicht lange um den heissen Brei herum. Von ihren Liebsten wird sie als vielschichtig und widersprüchlich, schlau und temperamentvoll, als Menschen mit einem grossen Herz und viel Energie zum Einhörner stehlen, beschrieben.

Als DJ Playlove prägt Nathalie das Zürcher Nachtleben. Bild: zVg

«Buddies buchen Buddies»

«Man muss sich nur mal das Line-up aller Clubs und Festivals in Zürich anschauen und sich selbst ein Bild machen: Es liegt ein strukturelles, soziales Problem vor, das dazu führt, dass man als Frau gar nicht auf die Idee kommt DJ zu werden», sagt sie. Es gebe zum Beispiel keine einzige – ihr bekannte – Clubbesitzerin in Zürich.

Aber woran liegt das? Sie hätte schon Podiumsdiskussionen mitgehört, an denen Musiker davon erzählt haben, dass ihnen gar nie aufgefallen sei, dass in ihrer Band nur Männer sind. Oder die Booker in den Clubs, die eben vor allem Männer kennen, die Musik machen und diese dann auch buchen. «Dieses Verhalten ist meiner Meinung nach nicht böse gemeint, es ist eine strukturelle Angelegenheit: Nach dem Prinzip Buddies buchen Buddies», sagt Nathalie. Viele Booker verstehen mehr und mehr, dass es wichtig sei, auch junge Frauen zu fördern. Gerade das Nachtleben und die Klubkultur sollten nicht nur auf der Tanzfläche von Diversität, Awareness und Gemeinschaftssinn geprägt sein. Deshalb sei die Existenz von Vereinen wie «Les Belles de Nuit» so elementar, sie weisen auf die Ungleichheit hin und sagen: «Hey it’s time for change.»

Portraitserie – Frauen des Nachtlebens
Das Nachtleben gilt als Männerdomäne – zu Recht: Der Frauenanteil in den Bar- und Club-Berufen ist sehr gering. Wir haben sieben Frauen getroffen, die die Nächte in der Stadt prägen. Die Frage «Was magst du am Zürcher Nachtleben, was nicht?» haben wir jeder gestellt. Ansonsten haben wir mit ihnen über Platten, Wein und den Alltag fernab der Nacht geplaudert.

1. Zarina Friedli – Kollektiv F96
2. Zinet Hassan – DJ Verycozi
3. Nathalie Brunner – DJ Playlove
4. Jenny Kamer – DJ und Bookerin Zukunft
5. Timea Horváth – Selekteurin Gonzo
6. Vera Widmer – Besitzerin Playbar
7. Valentina – DJ MS HYDE und Veranstalterin Konzerte Bar3000

In der eigenen Veranstaltungsreihe im Kauz buchen sie bewusst nur weibliche Acts aus der ganzen Schweiz, um diesen eine Plattform zu bieten und den Austausch der Städte aktiv zu pflegen. Bei den Festivals wird der Fokus auf internationale Netzwerke gelegt und somit auf die Sichtbarkeit von Frauen, Queers und People of Colour. Daneben ist der Verein aber auch eine Ansprechpartnerin: «Andere Clubs in Zürich, die gerne etwas ändern würden, suchen den Austausch mit uns und fragen, wen sie buchen könnten oder ob wir mit ihnen zusammen etwas veranstalten.»

«Heute ziehen Ältere die Jüngeren mit und diese bilden Banden»

Vor einigen Jahren sei das Ziel des Vereins gewesen, vor allem jüngere Frauen für das Auflegen zu begeistern, in der Zwischenzeit hätten sich aber junge Kollektive wie F96 gebildet, die eine Anlaufstelle für Jüngere darstellen. Der Verein «Les Belles de nuit» vertrete mittlerweile die etwas ältere Generation. Die Zusammenarbeit mit jüngeren Kollektiven sei aber wichtig. Es gehe um Austausch, Skills und Erfahrung. «Heute ziehen Ältere die Jüngeren mit und Jüngere bilden Banden.» Es hätte sich diesbezüglich einiges getan. Man sehe nun mehr junge Frauen, die sich für das Metier begeistern.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Nathalie mitverantwortlich für das Kulturprogramm des Kosmos. Für dessen Eröffnung 2017 sei sie mit der Co-Produktionsleitung beauftragt worden. «Seither bin ich Feuer und Flamme für den universellen und spannenden Ort.» Nach Abschluss ihres Studiums «Master Kulturmanagement» an der Uni Basel war sie auf Jobsuche, als dann gerade im Kosmos ihr Traumjob ausgeschrieben wurde. Der Rest sei kosmische Geschichte.

Aufhören ist keine Option

Dass sie jetzt für den Kosmos arbeitet, heisst aber nicht, dass sie das Auflegen an den Nagel hängt. «Ich stehe seit 1999 hinter den Turntables und ich bin definitiv nicht müde.» Es gäbe viele Leute die 50, 60+ sind und immer noch hinter dem DJ Pult stehen und die Tanzfläche bereichern. Schlussendlich gehe es um die Musik und das Zusammenkommen. Es kommt nicht in Frage für sie, damit aufzuhören, solange das Musikmachen ihr solchen Spass bereitet. «Das Nachtleben ist nicht jederfraus und jedermanns Sache, es ist schwierig mit etwas Anderem zu vereinbaren. Aber es ist ein Ort der Freiheit und des Ausgelassen-Seins. Ein gesellschaftliches Fenster, das einem für ein paar Stunden die Möglichkeit bietet, zu sein, wer man möchte und das innere Kind zu pflegen.»

Ich tanze lieber mit Maske und Abstand als gar nicht.
Nathalie Brunner

Die Corona-Zeit hält auch Nathalie in Atem. Nach den Lockerungen hatte sie drei Gigs in drei Wochen. «Nach dem Ansteigen der Fallzahlen habe ich mit Maske aufgelegt und kam mir vor wie auf einer Fetischparty.» Das sei eine seltsame Erfahrung gewesen. «An einem Ort der Freiheit und der körperlichen Bewegung Abstand zu halten, ist paradox. Aber ich tanze lieber mit Maske und Abstand als gar nicht.»

Was gefällt dir an Zürichs Nachtleben, was nicht?

«Es ist toll am Zürcher Nachtleben, dass kein Kästchendenken herrscht. Ich habe Gigs im Klaus, Kauz aber auch im Hive – an Partys, wo ich musikalisch hinpasse. Ich muss nicht nur in dem Club spielen, in dem ich Resident bin, wie es in anderen Städten, in denen ich gelebt habe, zum Teil der Fall ist. Auf der Tanzfläche kommen alle von jung bis alt zusammen. Dies ist speziell in Zürich sehr ausgeprägt. Den generationsübergreifenden Austausch schätze ich sehr. Viel hat sich im Nachtleben nicht geändert, abgesehen davon, dass es leider weniger illegale Clubs und mehr Reglementierung gibt.

Momentan hoffe ich vor allem, dass das Nachtleben überlebt. Ich wünsche mir mehr Freiraum und Orte, die auch mit wenig Geld existieren und funktionieren können, mehr Liebe und mehr Diversität. Durch die momentane Situation entsteht aber ein Zusammenhalt, der sehr schön ist. Vor allem aber wünsche ich mir, dass das Nachtleben offen bleibt: Es ist in Zürich etwas eintönig geworden. Das Clubbüro der Roten Fabrik könnte ein Ort sein, der eine Änderung bringt. Das Clubbüro organisiert seit einem Jahr unkommerzielle Partys und könnte ein Gegenpol zur kommerzialisierten Zürcher Nachtkultur sein. Ich hoffe, dass die über die Landesgrenzen hinaus berühmte Zürcher Subkultur ein solides Nest bekommt und dies auch trotz der paar Kilometer über den See hinaus genutzt wird.»

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