DJ Bobo lebt! Und ich besuchte seine Show 😳

Über 15 Millionen verkaufte Alben und etliche Auszeichnungen – DJ Bobo gehört zu den erfolgreichsten Musikproduzent*innen der Schweiz und ist eine Ikone im Eurodance. Mit seiner aktuellen Show MYSTORIAL feiert er 25 Jahre DJ-Bobo-sein. Nach all den Jahren fĂŒllt er damit spielend das Hallenstadion in ZĂŒrich.
16. Juni 2017

Als eines der glĂŒcklichen Kinder, die die blendende Zeit der 90er-Jahre mit all ihren (pop-)kulturellen Errungenschaften miterleben durfte, blieb DJ Bobo fĂŒr mich stets nur ein Name. Ein Name, den ich wohl schon seit Jahren nicht mehr zu hören bekam. Eine Haltung ihm gegenĂŒber konnte ich noch nie einnehmen und lediglich die Referenzen Pray – das ich allerdings nur aus der wagen Erinnerung an einen Sketch der Bullyparade, in dem DJ Bobo auftrat, kenne – und Chihuahua blieben in meinem in die Jahre gekommenen GedĂ€chtnis. Bei Chihuahua, einem Song den ich noch nie mochte, dachte ich immer an Chiwauwau. Als letztes Fragment meines brĂŒchigen Wissens bleibt noch, dass Bobo auf Japanisch Vagina und in mehreren Sprachen Idiot bedeutet.

Dann aber stiess ich auf seine aktuelle Tour MYSTORIAL, in deren Rahmen er auch im Hallenstadion in ZĂŒrich auftreten sollte. Ich wollte mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, organisierte prompt ein Ticket und war eifrig, auf drei Fragen Antworten zu finden:

  1. Wer ist eigentlich DJ Bobo?
  2. Wer geht im Jahre 2017 an ein DJ Bobo Konzert?
  3. Und schliesslich: Kann ich an einem DJ Bobo Konzert Spass haben?

DJ Bobo war schon immer ein Freund Darwins

Einlass

Es ist etwa 17:00 Uhr und ich setze (zum allerersten Mal) einen Fuss in das Hallenstadion. 60 Minuten bis zum Beginn der AuffĂŒhrung, professionelle Kameras und TonaufnahmegerĂ€te sind nicht erlaubt. Mein Sackmesser darf ich behalten. Aus den Lautsprechern dröhnt 2 Unlimited – No limit gefolgt von Culture Beat – Mr. Vain. Unweigerlich bewegt eine gehörige Portion 90er-Nostalgie meine HĂŒfte rhythmisch und ich tĂ€nzle zur Bar. WĂ€hrend mein Bier gezapft wird, lasse ich meinen Blick schweifen und staune nicht schlecht ĂŒber all die Menschen, mit denen ich den Abend verbringen werde. Meines Wissens ist der Event praktisch ausverkauft, was das Beisein von 15’000 Menschen bedeutet. Allerdings rĂŒhrt mein Erstaunen daher, wie durchmischt das Publikum ist – unmöglich erscheint es mir einen DJ-Bobo-Fan-Archetypus zu definieren. Weiter fĂ€llt mir eine Gruppe Menschen auf, die alle weisse T-Shirts mit der Aufschrift «I <3 Curtis» haben. «Wer zum TĂŒĂŒfel isch denn dr Curtis?», frage ich ausversehen laut. Da ich alleine da bin, bekomme ich keine Antwort.

Ich schlĂ€ngle mich durch die Massen. Überall essen Menschen Pommes Frites und Popcorn. Pommes und Frites und Pop und Corn. DarĂŒber muss ich kurz schallend kichern, da es wie zwei Vor- und Nachnamen klingt. Ich gehe weiter zum Merchandising-Stand und bin (abermals) erstaunt darĂŒber, womit DJ Bobo alles wirbt. Es gibt Taschen, Feuerzeuge, SchlĂŒsselanhĂ€nger, CDs und das Buch Popstar – Der ganz normale Wahnsinn, welches DJ Bobo selber in Zusammenarbeit mit Judith Langhans schrieb. Auf der RĂŒckseite steht: «Frauen kreischen, MĂ€nner wackeln mit den HĂŒften: Selbst Boybands haben nicht so enthusiastische Fans wie DJ BoBo», SĂŒddeutsche Zeitung (25.05.2014). Ich lege das Buch wieder hin und mache ein Foto von seinem Tour-Angebot.

Faire Preise fĂŒr ausrangierte DatentrĂ€ger

Beginn der Show

Nach etlichem Hin- und Herlaufen und nach einiger Fragerei, finde ich endlich meinen Platz. Verkrampft setze ich mich hin und frage mich, ob ich die 2 1⁄2 Stunden aushalten werde. «Wotsch au es Pommes Frites?», fragt der sympathische Mann neben mir, den ich etwas jĂŒnger als mich schĂ€tze. Ich lehne dankend ab. In einem Videos das abgespielt wird – Vorband gibt es keine – gratulieren die Backstreet Boys DJ Bobo zum Erfolg, im nĂ€chsten hĂŒpft Otto Waalkes, der im Videoclip life goes on mitgespielt hat, ĂŒber die BĂŒhne. Ich widme mich der Zeitschrift, die vorher noch auf meinem Stuhl lag – 25 Jahre DJ Bobo. Wir sagen danke! Unter anderem stehen darin seine Meilensteine: Special Guest im Vorprogramm der Backstreet Boys, der ESC 2007, sein Auftritt in Tirana (Albanien) am 15. August 1999 mit 150’000 Besucher*innen und eine kurze Liste mit seine weltweiten Auftritte.

Der Countdown neigt sich langsam dem Ende zu und ich spĂŒre (und teile) die Aufregung des Publikums. Gleich geht es los. Noch einmal wird DJ Bobo, der fĂŒr diese Tour mit schief sitzendem, schwarzen Hut, Brille mit einem Hauch von Steampunk und elegantem Western-Anzug posiert, gezeigt. Dabei muss ich immer wieder an Will Smith in Wild Wild West denken. Der Countdown steht auf Null und das Publikum beginnt zu toben. Ein kurzer Action-Trailer gibt DJ Bobos Werdegang wieder und dann erscheint der Mann, der als Peter RenĂ© Cipiriano Baumann weniger bekannt ist, auf der BĂŒhne mit dem Eröffnungssong Mytorial. Ich bin leicht irritiert: FĂŒr mich klingt es so, als ob DJ Bobo gar nicht so gut singe. Danach einfĂŒhrende Worte. DJ Bobo fordert alle dazu auf, die Nachbarschaft zu begrĂŒssen. Ich gebe dem freundlichen Mann neben mir die Hand – eigentlich hĂ€tte ich ihn gerne umarmt, aberdas habe ich mich nicht getraut. Mario, der Nachbar zu meiner Linken, ist mit seiner Freundin Natalina hier. Zu meiner Rechten sitzt Cejana mit Tochter Ajuna und Mann Peter. WĂ€hrend DJ Bobo bereits den nĂ€chsten Song einleitet – das Setting ist aus irgendeinem Grund Paris 1887, erkennbar am Eiffelturm, der gerade erst gebaut wird, beginnt eine Diskussion zwischen Mario, Natalina und einem Ă€lteren Herr mit schwarzem Hemd, der direkt hinter ihnen sitzt. Ich beachte die Situation nicht weiter, nicke leicht mit wĂ€hrend together gespielt wird.

Together in Paris

Mario bietet mir einen Kaugummi an. Ich nehme dankend an. «HĂ€sch das vo vorher mitĂŒbercho?» «Nei, was isch gsi?» «Ich und mine FrĂŒndin hĂ€n kschmuset und denn hĂ€t dr Typ hinter eus kseit mier sölled ufhöre, er ksĂ€he nĂŒt und hĂ€t eus beleidigt.»

Anscheinend passt der Herr, der ein ausgesprochener DJ-Bobo-Fan zu sein scheint (er hĂŒpfte sofort auf und kreischte lauthals mit), nicht richtig, wenn DJ Bobo «Everybody here tonight / We will never start a fight» oder «love is all around» oder irgendein anderer Song singt, denn schliesslich handeln ja alle von Frieden, Liebe und einer tollen Zeit. «Weisch mich stressts huere nöd aber assi isch es scho!», ergĂ€nzt Mario. Ich rate ihm, das Ganze zu vergessen und die Show zu geniessen. Wir plaudern noch ein bisschen weiter. Mario ist aus dem Aargau, ganz aus der NĂ€he von dort, wo DJ Bobo aufgewachsen ist. Mario selbst wuchs auf einem Bauernhof auf und weiss ĂŒber DJ Bobo etwa so viel wie ich. «Weisch du wer dr Curtis isch?», frage ich scheu. «Ey, imfall chei ahnig», gibt Mario als Antwort.

Nach einigen Songs, die ich nicht kenne und die mich zwar zum Aufstehen aber nicht zum Tanzen bringen, Ă€ndert sich das historische Pariser Setting zu einem kitschigen Herz mit der Aufschrift «love is all around». Dabei frage ich mich, ob es an meinem Zustand liegt oder, ob dieses Zeitreise Konzept – im Beschrieb steht, dass DJ Bobo von Ă€gyptischen Pharaonen bis zu den Göttern der Zukunft reise und dabei seine grössten Songs passieren wĂŒrde – einfach nur zusammengeschustert wurde. FrĂŒher war DJ Bobo ja mal Pirat und dann ein Vampir. Nun ist er ein etwas betagter Zeitreisender. «Geile Siech! Jetzt spielt er Chlavier!» ruft Mario. Er hat Recht. DJ Bobo nimmt an einem weissen FlĂŒgel Platz und kĂŒndigt eine dreistĂŒndige Sonate an. GelĂ€chter des Publikums. Ein paar Tasten werden angetippt – Chihuahua. Kreischen und Getobe. Darauf reisen wir weiter nach Ägypten.

Pyramiden in Flammen

Als Eurodance-Freund (ich mag ja Novaspace, was nicht fĂŒr meinen Geschmack spricht) mochte ich bei Pray doch etwas mehr mitwippen. Was das alles mit dem alten Ägypten zu tun hat und weshalb dieses in Flammen steht, bleibt mir dennoch schleierhaft. «Hey, söll ich dier öppis z trinke bringe?», fragt Mario, dieser wirklich ĂŒberaus nette Mensch. Ich schlage vor, dass ich ihn begleite. Wir holen uns ein köstliches, kĂŒhles Bier (0,4dl fĂŒr 5.50 CHF) und rauchen noch eine Zigarette. «So guys, hĂ€nner fun?», fragt ein Mann mittleren Alters mit gepflegtem Bart, langen braunen Haaren und Tribal-Tattoos. Wir bejahen, worauf Mario erzĂ€hlt, dass ihn seine Freunde ausgelacht haben, als er erzĂ€hlte, dass er ans DJ-Bobo-Konzert gehen wĂŒrden. Eine ZigarettenlĂ€nge lang reden wir zu dritt ĂŒber DJ Bobos Bezug zu unserer Kindheit. Ich halte mich eher ruhig. Auf dem RĂŒckweg in die Halle macht Mario nochmals seinem Ärger ĂŒber den kurzen Streit mit dem Mann hinter ihm Luft und bestĂ€tigt nochmals, dass es ihn aber auch wirklich nicht stresse. Wir kommen rechtzeitig zu Everybody (diesen Song mag ich und er wird mich, wie sich spĂ€ter herausstellen wird, noch als Ohrwurm begleiten) zurĂŒck. Anscheinend sind wir inzwischen schon in der Steinzeit angekommen, denn die BĂŒhne erinnert mich stark an Bedrock. Kurz wundere ich mich ĂŒber die DJ Bobo’sche Zeitreisetechnik und deren eigenwillige Chronologie. Darauf erklĂ€rt DJ Bobo kurz eine Choreographie und alle beginnen zu tanzen.

Tanzend im PalÀolithikum

Ich scheitere beim Versuch mitzutanzen klĂ€glich, da ich völlig ĂŒberfordert bin. Und auch bei Cejana, die prĂ€zise und locker mithalten kann, abzuschauen, nĂŒtzt mir nichts. Mario und Natalina verlassen ihre PlĂ€tze und gehen nach vorne. Sie wollen DJ Bobo noch aus der NĂ€he betrachten. Dabei fĂ€llt mir auf, dass praktisch kein Sicherheits-Personal zugegen ist und es in der Tat möglich ist, einfach nach vorne zu gehen und sich ins GetĂŒmmel zu stĂŒrzen. Ich fĂŒr meinen Teil fĂŒhle mich auf meinem Platz wesentlich sicherer. Zudem fĂ€llt mir nochmals auf, dass DJ Bobo wirklich kein begnadeter SĂ€nger ist – soweit ich das beurteilen kann –, dafĂŒr aber rappen kann. Auch scheint es mir, dass er in fast jedem Rap das Publikum dazu auffordert die HĂ€nde zu heben, als ob das einen nicht kĂŒmmern wĂŒrde. Da abermals ein Song kommt, der mich wenig zum tanzend anregt, blĂ€ttere ich wieder etwas in der Zeitschrift. Dort erhalte ich einige spannende Informationen. DJ Bobo hat den Jahrgang 1968, absolvierte eine Lehre als BĂ€cker-Konditor, war DJ im Jugendhaus Tuchlaube in Aarau, BoBo war sein Graffiti-Tag und er ist verheiratet mit Nancy. Nancy Baumann, ehemals Nancy Rentzsch, ist eine hervorragende TĂ€nzerin, SĂ€ngerin und KostĂŒmbildnerin. Und (Achtung!) war mit Haddaway auf der BĂŒhne! Das muss ich allerdings spĂ€ter nachrecherchieren. Aber ernsthaft, Haddaway, ich meine DJ Bobo war im Vorprogramm der Backstreet Boys als diese noch keiner kannte, aber Nancy war bei Haddaway! Auch entnehme ich dem Heft, dass Nancy ebenfalls auf der BĂŒhne mitsingt (womöglich besser als Bobo) und fĂŒr die KostĂŒme zustĂ€ndig ist. Ich blĂ€ttere noch etwas weiter und als ich lachen muss ab dem Bild von DJ Bobo in jungen Jahren mit schulterlangem Haar, der auf vielen PlĂŒschtieren sitzt, merke ich, dass ich das Heft wieder weglegen sollte. Auf der BĂŒhne schlagen einige Menschen auf Trommeln. Dann Spotlight und DJ Bobo steht in der Mitte der Halle. Ich staune nicht schlecht ĂŒber diesen Trick. Er motiviert das Publikum zu einer La-Ola-Welle und dann zu einer Slow-Motion-La-Ola-Welle. Ich habe wirklich den Eindruck, dass DJ Bobo die Zeit verlangsamt. Darauf sollen wir unsere iPhones hervornehmen und die Taschenlampen einschalten. FĂŒr eine iPhone-Taschenlampe-Slow-Motion-La-Ola-Welle.

Finale

Die Reise geht weiter und zwar in die Zukunft, die abermals die PharaonenbĂŒste, diesmal in silber, und fliegende Pyramiden zeigt. So stellt sich also DJ Bobo die Zukunft vor. Spannend! Und schliesslich weiter (oder zurĂŒck) nach ZĂŒrich in den 90er-Jahren. Dort steht an einer Ziegelsteinwand Somebody Dance. Damit neigt sich auch alles langsam dem Ende zu. Mit den Songs Somebody Dance with me und there is a party beginne auch ich ausgefallen zu tanzen. Tosender Applaus. DJ Bobo stellt seine Crew vor und der Name Curtis fĂ€llt. Curtis! «Soso, endlich isch das Gheimnis klĂŒftet!», sage ich wieder zu laut und zu mir selber. Curtis Burger ist ein TĂ€nzer, Choreograf, Produzent mit internationalem Erfolg und charismatischer Persönlichkeit (das steht zumindest auf seiner Homepage). Anscheinend war er ein langjĂ€hriger Begleiter Bobos und, wenn ich das nicht missverstanden habe, ist dies seine letzte Tournee mit DJ Bobo.

Nach weiterem Applaus und der obligatorischen Zugabe gehen die Lichter wieder an und rasch drĂ€ngen die Massen in alle Richtungen. Ich warte noch auf Mario und Natalina, da beide ihre Jacken liegen gelassen haben. «Und wia isch vorne gsi?» «Huere geil! So es geils Konzert!», geben mir beide als Antwort. FĂŒr mich war es kein Konzert, sondern eine Show. Eine Show, wie die Blue Man Group oder Riverdance oder eine Art Musical ohne Figuren, ohne Handlung dafĂŒr mit Zeitreise von und mit DJ Bobo und seinen legendĂ€ren Hits und neueren Songs. Die eigentliche Zeitreise war eine nostalgische in die 90er. Und um wirklich ehrlich zu sein, weiss ich nicht, was ich davon halten soll. Sein Erfolg ist sicher verdient, Charity-Organisationen beteiligt er sich auch, seine Absichten sind wohlwollend, Spass hatte ich auch, sogar bewegen wollte ich mich von Zeit zu Zeit und es ist schön, wieviel unterschiedliche Menschen Freude an seiner Musik und seiner Show haben konnten. DJ Bobo ist und bleibt ein Jahrmarkt oder noch besser ein wandelnder Europa-Park. Am 9. Juni 2019 ist DJ Bobo wieder im Hallenstadion ZĂŒrich mit seiner nĂ€chsten Tournee.

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