DJ Auntie Flo im Interview: «Mir geht es um das Zeug, das zwischen den Ritzen sitzt.»

Diesen Freitag legt der DJ Auntie Flo aus Glasgow am Alors auf. Ich hab mich im Vorfeld schriftlich mit ihm unterhalten. Das Resultat ist ein Portrait einer reflektierten und engagierten musikalischen Persönlichkeit.
12. November 2017

Brian D’Souza, besser bekannt als Auntie Flo, lässt sich nur ungern einordnen. Vielleicht ist sein Sound, wenn überhaupt, mit dem Stichwort «Afrofuturismus» zu umschreiben: Ein Mix aus diversen kulturellen Einflüssen mit Blick auf den globalen Süden; zukunftsgerichtet und doch auch der Vergangenheit verhaftet. Auntie Flo vergisst dabei nicht die eigene zeitliche und räumliche Situiertheit. Es ist eine Musik, die nicht den Anspruch erhebt, global zu sein, sondern ein intimer Ausdruck eines ganz persönlichen musikalischen Universums ist. In seinen Tracks verwickeln sich, umgarnt von satten Bässen, psychedelische Pads, hypnotische Vocals und bissige Perkussionen in- und teilweise auch gegeneinander. Daraus entsteht ein Klangbild, das schwer zu fassen ist. Ein Sound, der stets in Bewegung ist, immer auf der Suche nach einem neuen, überraschenden Zwischenraum.

Brian, du bist Musiker, DJ, Party Promoter, Radio Host, kurz: dein ganzes Leben dreht sich um Musik. Schon ziemlich früh in deiner Karriere hat sich ein spezifischer Mix aus verschiedenen Genres zu einem Charakteristikum deiner musikalischen Herangehensweise entwickelt. Was hat dich überhaupt zu dieser Musik getrieben und was treibt dich immer noch an, dein Leben der Musik zu widmen?

In den vergangenen Jahren habe ich angefangen, Musik auf einer viel tieferen Ebene zu verstehen. Es geht mir nicht mehr um den blossen Kick, neue Musik zu entdecken. Versteh mich nicht falsch, ich liebe es nach wie vor, neue Musik zu entdecken aber ich begreife jetzt, dass Musik mich auch auf einer kulturellen, soziologischen und psychologischen Ebene interessiert.

Kannst du das ausführen?

Musik öffnet Türen zu unterschiedlichen Kulturen, Szenen und Gruppen – ein nicht-verbaler Einblick in die Kultur, die sich oft um diesen Einblick herum formiert hat oder geholfen hat, ihn zu erzeugen. Soziologisch interessiert mich die Art und Weise, wie Musik Menschen untereinander verbinden kann. Eine Form der Musik verbindet mich mit meinen Freund*innen, entweder durch geteilte vergangene Ereignisse oder neue musikalische Entdeckungen. Wenn ich auflege, helfe ich Menschen, durch die geteilte Erfahrung der Musik, die ich spiele, sich mit mir aber auch untereinander zu verbinden. Ich interessiere mich auch noch für den Affekt der Musik in einem psychologischen und physiologischen Sinne. Ich habe Musikpsychologie studiert und mich hat immer die Frage interessiert, wie Musik unser Bewusstsein und Unterbewusstsein affiziert, wodurch unser Verhalten und unsere Bewusstseinszustände auf verschiedene Arten beeinflusst werden, die wir gerade erst zu verstehen beginnen.

Hypnotisierende Vocals und verspielte Drumlines gehören zum musikalischen Repertoire Auntie Flos. Wie hier im Track «Highlife», erschienen 2011 auf dem Label Huntleys & Palmers.

Als Musikproduzent verfolgst du ein sehr diverses Spektrum, nicht nur in Bezug auf Genres, sondern auch im musikalischen Ausdruck: Roh, minimal, oft sehr deep, manchmal eher smooth und teils sehr noisig. Ungeachtet dieser Diversität, würdest du sagen, dass es eine Art roten Faden gibt, der sich durch deine Tracks hindurchzieht?

Jedes Mal, wenn ich eine Platte produziere, versuche ich ein anderes Studiosetup zu kreieren – ich benutze andere Instrumente, Hardware, Software oder was auch immer. Das hält mich immer auf dem Sprung und bedeutet auch, dass sich jede Platte von der nächsten ziemlich unterscheidet. Manchmal brauche ich nur Hardware, manchmal nur Software, manchmal beides. Ich vermute, das spiegelt sich auch in meiner Herangehensweise als DJ wieder – immer anders, stets auf der Suche nach etwas Einzigartigem.

Hast du dennoch versucht, über die Jahre hinweg eine musikalische Identität zu entwickeln?

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich in Bezug auf meine Produktionen nie wirklich einen Masterplan. Ich sehe sie eher als Experimente. Wie ich oben bereits sagte, mein Ziel ist es, weiterhin meinen Platz in der Underground-Musik Community zu rechtfertigen, indem ich weiterhin Musik veröffentliche, die niemand sonst macht.

«Future Rhythm Machine» war dein erstes Album. Für mich klingt es wie das Resultat eines Experiments in der Verarbeitung verschiedener musikalischer und nicht-musikalischer Einflüsse. Du sagst beispielsweise, dass die Schriften des Britisch-Ghanaischen Schriftstellers Kodwo Eshun und sein Begriff der «futurhythmachine» für dich wichtig waren. Was ist darunter genau zu verstehen?

Dieses Album wurde 2012 veröffentlicht, es ist also eine Weile her, seitdem ich darüber nachgedacht habe! Damals las ich gerade Eshun und mich interessierte vor allem der Afro-Futurismus. Meine Interpretation davon bestand darin, sich selbst als von der Vergangenheit beeinflusst zu betrachten, während man gleichsam etwas Neues kreiert, etwas Futuristisches, das dennoch in der Vergangenheit verwurzelt ist. Ich verwendete für dieses Album viele Samples. Das war meine Art, etwas der Vergangenheit zu «entlehnen», um dann meinen eigenen Sound darauf zu stempeln, wodurch etwas Neues entsteht.

Deine DJ-Sets setzen sich aus einem eklektischen Mix aus unterschiedlichen Genres zusammen. Nichtsdestotrotz vereint sich alles zu einem einzigen kontinuierlichen Mix. Afrikanische Rhythmen gehen zu knallendem Techno über, der sich dann wiederum ziemlich abrupt in einen funkigen Disco-Tune transformiert. Hier noch den Überblick zu behalten und zu wissen, welche Tracks gut mit welchen passen, scheint ziemlich schwierig zu sein. Vor allem dann, wenn alles doch zu einem kohärenten Ganzen gemischt werden sollte. Wie bereitest du dich für einen Gig vor?

Als DJ habe ich die Aufgabe, zu unterhalten. Aber ich sehe diese Aufgabe auch darin, den Dancefloor herauszufordern, indem ich Musik spiele, die das Publikum noch nicht gehört hat. Jedes Set, das ich spiele ist unterschiedlich und ich versuche jedes durch Einbezug mehrerer Faktoren zu kuratieren – ich schaue mir das Marketingmaterial an, die Gast Line-Ups, meine Spielzeit, wie ich portraitiert wurde sowie weitere Informationen die mir bei der Wahl der Richtung helfen können. Wenn ich ankomme, hilft es, die Organisator*innen und ihre Crew kennenzulernen. Ich versuche besonders zu verstehen, was ihre Erwartungen sind und welche Musik sie anspricht.

«Wenn ich auflege, helfe ich Menschen, durch die geteilte Erfahrung der Musik, die ich spiele, sich mit mir aber auch untereinander zu verbinden.»

All diese Elemente beeinflussen meine Entscheidung bezüglich der Musik, die ich spielen werde. Das alles bezieht sich jedoch nur auf die allgemeine Stossrichtung. Letztlich versuche ich, ohne ein völlig vorgefertigtes Wissen darüber, welche Tracks ich genau spielen werde, den Gig zu betreten – ich habe vielleicht schon eine Idee bezüglich des Vibes, aber am Ende versuche ich einfach, im Moment mit dem Publikum zu connecten und für sie etwas Spezielles zu kreieren.

Ein kleiner Vorgeschmack dessen, was diesen Freitag im Stall6 zu erwarten ist.

Manche bezeichnen deinen Musikstil als «World Music». Wenn man diesen Begriff hört, dann denkt man oft an «traditionelle» Musik, die in einem exotisch fantasierten Orient lokalisiert ist. In gewisser Hinsicht ist der Begriff das europäische Konstrukt eines Anderen. Angesichts dieser impliziten und problematischen Binarität, die im Begriff «World Music» enthalten ist, wie würdest du deine Musik bezeichnen?

Musikalische Genre-Bezeichnungen werden immer obsoleter. Wir verhalten uns nicht mehr tribalistisch in Bezug auf die musikalischen Genres, mit denen wir uns assoziieren – wir vermischen verschiedenes und kreieren unsere eigene persönliche kulturelle Identität durch die Musik, die wir mögen und die Musik, die wir persönlich ‚playlisten’. Gleichzeitig ist durch die Tatsache, dass es für uns viel einfacher geworden ist, um den ganzen Globus verteilt Zugang zu verschiedenen Genres zu finden, der Begriff «World Music“»ziemlich sinnlos geworden. Als der Begriff in den 80er Jahren erstmals aufkam, hatte er vor allem einen gewissen Wert als Marketing Tool.

Was bedeutet diese kritische Haltung bezogen auf deine Tätigkeit als DJ und Radio Host?

Aus der Sicht eines DJs könnte man vermutlich argumentieren, dass die meisten DJs heutzutage ihre eigene «World Music» spielen. Das ist einer der Gründe, warum ich versuche, nicht mehr so bezeichnet zu werden. Als ich beispielsweise eine Kurzbio für meine Worldwide FM Show schreiben musste, habe ich die Show als Einsicht in «mein persönliches musikalisches Universum» bezeichnet und nicht bloss als Einsicht in «Musik aus der ganzen Welt». Durch diese subtile Veränderung wird die Show eher als Verlängerung meiner eigenen musikalischen Identität und nicht als definitive Einsicht in obskure globale Musik oder was auch immer präsentiert.

«Die Frage, die sich dann stellt, ist folgende: Darf ein DJ Musik spielen, die ausserhalb seiner eigenen kulturellen Referenzsphäre liegt?»

Diese Hinterfragung der im Begriff «World Music» implizit enthaltenen Binarität führt uns zu einem weiteren interessanten Thema. Vor allem auch in der elektronischen Musikszene ist in den letzten Jahren das Interesse an Musik aus Teilen Afrikas gewachsen. Es werden beispielsweise Remixes oder Edits von Tracks aus den Kap Verden veröffentlicht,und viele europäische Produzenten gehen in den globalen Süden, um nach neuen Rhythmen zu suchen. Gleichzeitig ist in Bezug auf Kultur im Allgemeinen die Rede von kultureller Appropriation virulenter geworden. Wenn westeuropäische Subjekte verschiedene kulturelle Ressourcen aufgreifen, um etwas Neues zu kreieren, dann wird dies manchmal als eine Form kultureller Dominanz wahrgenommen. In gewisser Hinsicht kann man ja erst aus einer Machtposition heraus kulturelle Grenzen transzendieren. Wie empfindest du diese Diskussion? Wie kann man im Gegenzug eine Form des kulturellen Austausches fördern, der marginalisierte Positionen stärkt und Formen kultureller Dominanz dekonstruiert.

Ich werde an diese Frage aus Sicht eines DJs herangehen. Erstens, es geht um die Balance. Du musst sicherstellen, dass du die Kultur nicht nur für rein persönlichen Profit ausbeutest. Das wird aufgrund der globalisierten Natur unserer Welt problematisch, in der das Internet automatisch eine globale Audienz für deine Musik erzeugt. Als wir unsere «Highlife» Klubnacht in Glasgow starteten, wollten wir zuallererst unsere lokale Community in Glasgow bedienen. Unser Ziel war es nicht, global anerkannt zu werden. Die afrikanische und südamerikanische Musik, die wir spielten, wurde begrüsst, weil es bei uns wenig andere Ort gab, wo man diese Musik hören konnte. Deswegen war es unsere Arbeit als Resident-DJs von Highlife, jeden Monat viel Zeit fürs Entdecken neuer Musik zu investieren, die wir dann an den Highlife Partys unserem Publikum präsentierten, die mit ziemlich grosser Sicherheit diese Musik nicht hätten hören können. Für mich ist das absolut nicht kulturelle Appropriation, im Gegenteil; es zeigt die wichtige Rolle, die DJs spielen können (Siehe meine Antwort zu Frage 1 und der Art und Weise, wie Musik kulturelle Barrieren runterbrechen kann.) In unserer globalisierten Welt kann es jedoch vorkommen, dass jemand ausserhalb unserer lokalen Community von den Highlife Partys hört und voreilig den Schluss zieht, dass wir kein Recht hätten, diese oder jene Musik zu spielen, weil das eine Form der kulturellen Appropriation sei. Ich finde das problematisch und zutiefst enttäuschend – einen DJ daran zu hindern, Musik aus unterschiedlichen Kulturen zu spielen, führt letztlich zu einer homogenen musikalischen Landschaft. Es hat auch negative Effekte auf die Musik selbst. Ich habe den ganzen Globus bereist und immer wieder Leute getroffen, die die Musik produzieren, die ich spiele. Sie sind begeistert zu hören, dass jemand von der anderen Seite des Globus ihre Musik spielt. Dies zu begrenzen ist gefährlich.

In einer idealen Welt würden wir natürlich liebend gerne jeden Monat DJs und Musiker aus der ganzen Welt zu unseren Highlife Partys einladen. Tatsächlich tun wir auch das, so gut es geht. Wir haben viel getan, um DJs und Live-Acts in den Klub zu bringen. Das war stets eine grosse Herausforderung – Visas, Flugkosten, etc. bilden ökonomische und politische Herausforderungen, die diesen Prozess oft verhindern. Dennoch hatten wir das Glück, Musiker wie Charanjit Singh aus Indien, Rebolledo aus Mexiko oder DJ Spoko aus Südafrika zu uns in den Klub zu bringen. Das ist eher eine Liebesaffäre und entspricht nicht gerade einem geschäftlichen Interesse. Die Frage, die sich dann stellt, ist folgende: Darf ein DJ Musik spielen, die ausserhalb seiner eigenen kulturellen Referenzsphäre liegt? Falls DJ Spokos Visa abgelehnt wird, darf ich dann seine Musik dennoch spielen? Ich würde sagen: ja absolut.

«Mir geht es um das Zeug, das zwischen den Ritzen sitzt – dieser nicht-Ort, an dem der meiste originelle Sound zur Welt kommt.»

Am diesjährigen Alors freue ich mich persönlich besonders auf die Band «Kokoko». Für mich stellt diese Band einen entschiedenen Bruch mit europäischer kultureller Hegemonie dar. Denn sie zeigt, dass nicht-europäische Subjekte genauso fähig sind, ihre eigene Form der Modernität zu imaginieren. Ferner auch, dass sie fähig sind, verschiedene Einflüsse anzueignen, wodurch sie ihre eigene kulturelle Hybridität kreieren: Lokale Rhythmen und Klänge, Herumtinkern mit Elektroschrott, eigens gebaute Instrumente, Techno, Synthesizer, etc. vermischen sich. Inwiefern ist es für dich wichtig, einen Sinn gerade für solche Musik zu haben, die sich nicht klar einordnen lässt?

Ähnlich wie das bei «Kokoko» der Fall ist, habe ich eine lange Geschichte der Kollaboration mit Musikern aus Afrika und Lateinamerika. Ich habe immer empfunden, dass der Austausch von Ideen und Inspirationen auf gleicher Augenhöhe geschah. Ich liebe Musik, die eine Fusion verschiedener Stile ist, alt und neu, traditionell und modern. Falls der Austausch reziprok ist, dann wird die Hegemonie zu einem gewissen Grad gebrochen. In meinen DJ-Sets und Radioshows versuche ich sicherlich, Songs zu vermeiden, die zu stereotyp sind. Mir geht es um das Zeug, das zwischen den Ritzen sitzt – dieser nicht-Ort, an dem der meiste originelle Sound zur Welt kommt.

Weitere Infos zum Alors Festival:

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