Diese 12 Städte haben ihr eigenes Syndrom. Und Zürich?

Von Stockholm bis Lima
01. März 2015


 

Es gibt viele Kriterien, nach denen man die Relevanz einer Stadt bestimmen kann. Richtig angekommen in den oberen Rängen der Topstädte scheint mir eine Stadt aber erst, wenn ein Syndrom nach ihr benannt wurde. Eine Liste der Städte mit eigenen Syndromen:

1. Paris

Das Paris-Syndrom trifft hauptsächlich japanische Touristen, welche sich das erste Mal in der französischen Hauptstadt aufhalten. Diese haben romantisierte Vorstellungen der so genannten Stadt der Liebe, welche in der Realität dann auf ein keineswegs perfektes Paris treffen: Die Stadt ist laut und dreckig und die Pariser gelten weithin als nicht besonders touristenfreundlich. Fantasie und Realität driften auseinander und es kommt zum Paris-Syndrom: Angstzustände und Halluzinationen sind dabei nicht seltene Symptome. Das Symptom betrifft jährlich schätzungsweise zwölf japanische Touristen (Viala et al. 2004).

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2. Florenz



Das Florenz- oder auch Stendhal-Syndrom wurde in den 80er-Jahren das erste Mal von Dr. Graziella Magherini medizinisch dokumentiert, der französische Schriftsteller Stendhal hatte die Symptome jedoch schon 1817 in seinem Tagebuch festgehalten: Er klagte über zeitweiliges Herzrasen und Atemprobleme. Es sind hauptsächlich Künstler, bei denen diese Symptome auftreten. Deshalb wird vermutet, dass den Künstlern ob all der alten hochstehenden Kunst bewusst wird, wie bedeutungslos das eigene Schaffen doch ist, was zu den genannten Symptomen führt (Magherini und Zanobini 1987).



3. Jerusalem

Das Jerusalem-Syndrom ist eines der bekanntesten Städte-Syndrome: Jährlich kommt es bei ungefähr 100 Touristen zu psychotischen Schüben beim Besuch Jerusalems, wo sie dann in den Strassen biblische Verse schreien und sich für eine religiöse Figur wie Jesus, Maria oder Moses halten. Ähnliche Begebenheiten sollen sich auch im Vatikan oder in Mekka abspielen, jedoch ist die Symptomatik in keiner Stadt so präzise dokumentiert wie in Jerusalem. Ein erster Beschrieb des Syndroms verfasste in den 1930er-Jahren Heinz Herman, eine Statistik wird aber erst seit den 70er-Jahren geführt (Bar-El et al. 1991).


4. Venedig



Das Venedig-Syndrom steht für die Entscheidung einer Person, sich explizit in Venedig das Leben nehmen zu wollen. Eine Mehrheit dieser Personen stammt aus Deutschland. Nicht wenige sind dabei von Thomas Manns Buch «Tod in Venedig» inspiriert worden. Suizidale, bei denen der Versuch misslungen ist, gaben an, sich Venedig als Sterbeort ausgesucht zu haben, weil Venedig ein Symbol für Untergang und Dekadenz sei (Johnston 2000).



 

5. New York



In einem Artikel in der «New York Times» von 1984 beschreibt Daniel Goleman das New-York-Syndrom als Ergebnis enttäuschter Erwartungen: Meist junge (Lebens-)Künstler kommen vom Lande nach New York, weil man es dort scheinbar einfacher zu etwas bringen kann (Frank Sinatra lässt grüssen). Sie bemerken jedoch nach kurzer Zeit, dass dies nicht so einfach ist in einer Stadt, in der Hundertausende nach demselben Erfolg streben. Das Ergebnis sind Existenzängste und Depressionen (Goleman 1984).



 

6. Stockholm



Das Stockholm-Syndrom ist wohl eines der bekanntesten Städte-Syndrome und beschreibt den Fall, wo eine Geisel bei einer Geiselnahme positive Gefühle für den Geiselnehmer entwickelt. Der Name stammt vom Psychiater Nils Bejerot, welcher 1973 bei einer Geiselnahme die Polizei beim Kontakt mit den Geiselnehmern beriet. Sechs Tage waren vier Mitarbeiter einer Bank in Geiselhaft gewesen. Nach der Rettung der Mitarbeiter waren diese nicht fähig, vor Gericht gegen die Täter auszusagen und eine Mitarbeiterin begann gar ein Verhältnis mit einem der Bankräuber. Es wird davon ausgegangen, dass bis zu einem Viertel aller Geiseln dem Stockholm-Syndrom erliegen (Namnyak et al. 2008). Teilweise ist das Stockholm-Syndrom auch als Helsinki-Syndrom bekannt: Das liegt daran, dass in Hollywood-Filmen wie «Die Hard» von ebendiesem die Rede ist; Schweden oder Finnland scheint für Hollywood hierbei einerlei zu sein.



 

7. Lima



Das Lima-Syndrom kann getrost das umgekehrte Stockholm-Syndrom genannt werden, denn es beschreibt den Fall, wo die Geiselnehmer mit den Geiseln zu sympathisieren beginnen. So geschehen beim Überfall auf die japanische Botschaft in Lima 1996 (Kato et al. 2006). Am anschaulichsten dargestellt wird das Lima-Syndrom im Bond-Film «The world is not enough», wo sich der Geiselnehmer und Bösewicht Renard in seine Geisel Elektra King verliebt.



 

8. London



Das London-Syndrom widerum ist das Gegenteil des Lima-Syndroms: Die Geisel nervt die Geiselnehmer so sehr, dass diese erschossen wird. Den Namen erhielt das Syndrom bei der Geiselnahme in der iranischen Botschaft in London 1981, als die Geiselnehmer nach einigen Tagen eine Geisel erschossen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ausgesucht hatten sie explizit die Geisel, welche schon seit Beginn der Geiselnahme ständig versucht hatte mit den Geiselnehmern zu diskutieren und auch auf Anraten der anderen Geiseln nicht damit aufhörte (Hall 2003).



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9. Berlin

Es gibt ein Berlin-Syndrom, welches eine Krankheit mit Haarausfall beschreibt, diese ist aber nach einem Herrn Berlin benannt und nicht nach der deutschen Hauptstadt. Auf der Online-Seite von «Die Welt» beschreibt Jennifer Wilton jedoch ihr eigenes Berlin-Syndrom als Krankheit, welche Touristen befällt, die von weither nach Berlin reisen, dann aber nicht mehr nach Hause gehen wollen; stattdessen lassen sie sich Bärte wachsen und spazieren mit Jute-Beutel durch «Prenzlberg» (Wilton 2014). «Berlin Syndrome» ist zudem eine Band aus Magdeburg.

10. Amsterdam

Das Amsterdam-Syndrom ist eine Schöpfung der italienischen Sexforscherin Chiara Simonelli, welche damit das Verhalten von Männern beschreibt, die ohne das Einverständnis oder das Wissen der Ehepartnerin Bilder oder Filme ebendieser online stellen, welche diese bei sexuellen Handlungen zeigen. Bisher gibt es aber keine Forschungsartikel zu diesem Thema, Simonelli hatte darüber auf einem Sex-Kongress in Amsterdam (daher der Name) referiert (Lawrence Abel 2014: 180).

11. Detroit

Das Detroit-Syndrom beschreibt den Umstand, dass ältere Mitarbeiter in Firmen durch jüngere, schnellere und stärkere Mitarbeiter ersetzt werden. Detroit-Syndrom wird es genannt, weil in der «Motor City» die alten Modelle auch stets ziemlich rasch durch neue ersetzt wurden (Hillier & Barrow 2011).

12. Istanbul

Das Istanbul-Syndrom wurde vom Fussballer Andrea Pirlo erfunden. Er beschreibt damit das Gefühl seiner Mannschaft, dem AC Milan, als diese im Champions League Final 2005 in Istanbul 3:0 in Führung lag und am Ende den Titel trotzdem an den Liverpool FC verspielte. Die Symptome beschreibt er wie folgt: Schlaflosigkeit, Wut, Depression; das Gefühl, kein echter Mann mehr zu sein (Pirlo 2015). Von Seiten der Liverpool-Spieler würde dieses Symptom wohl anders beschrieben werden. Falls es dich tröstet, lieber Andrea, you’ll never walk alone! Die Stadt, welche nun in dieser Aufzählung eindeutig noch fehlt, ist unser geliebtes Tsüri! Als Idee und als Anlehnung an das Paris-Syndrom könnte das Zürich-Syndrom Deutsche befallen, welche ein romantisiertes Zürich aus Ferien und Fernsehen im Kopf haben. Diese Vorstellung kollidiert dann mit den teilweisen Anfeindungen aus der heimischen Bevölkerung (siehe zum Beispiel Natalie Rickli), sobald sie längere Zeit hier verbringen. Eine zweite Interpretation des Zürich-Syndroms könnte die masslose Selbstüberschätzung der Stadtzürcher betreffen. Die Vorstellung, dass Zürich der Nabel der Welt sei oder zumindest in der Top-Liga der Städte mitspielt. Nur, um dann auf Städtereisen in Berlin oder New York festzustellen, wie klein Zürich doch eigentlich ist. Allein der Umstand, dass ich für Zürich ein eigenes Syndrom fordere, scheint schon ein Indiz dafür zu sein, dass zumindest ich diesem Zürich-Syndrom verfallen bin. Ganz anders ergeht es da dem Künstler und ZHdK-Unterrichtsassistent Milenko Lazic, welcher ein Buch mit dem Titel «Zürich-Syndrom» geschrieben hat (siehe den Link im Anhang) und das Syndrom, als «subjektive Auseinandersetzung mit der Stadt Zürich, der Kunst und meinem „Rucksack“, den ich als Emigrant in die Stadt mitgenommen habe» beschreibt. In diesem Sinne würde wohl jeder das Zürich-Syndrom für sich ein wenig anders definieren: Ich bin deshalb gespannt auf eure Interpretationen!

Milenko Lazic’s «Zürich-Syndrom» ist im Amselverlag erschienen und kann dort erworben werden: http://amselverlag.ch/webshop/syndrom. Für weitere Informationen zu seinen Auftritten und seiner Kunst: http://www.milenko.ch/.

Verwendete Literatur
  • Bar-El, Y., E. Witztum, M. Kalian, und D. Brom (1991). Psychiatric Hospitalization of Tourists in Jerusalem. Comprehensive Psychiatry, 32, 238–244.
  • Goleman, D. (1984). Analyzing the New York Syndrome. The New York Times. Online zugänglich: http://www.nytimes.com/1984/11/04/magazine/analyzing-the-new-york-syndrome.html (Aufgerufen am 22.02.2015).
  • Hall, H. V. (2003). Terrorism. Binghamton, New York: Haworth Press.
  • Hillier, S. M. und Barrow, G. M. (2011). Aging, the Individual and Society. Belmont, CA: Wadsworth.
  • Kato, N., Kawata, N. und Pitman, Roger K. (2006). PTSD: Brain Mechanisms and Clinical Implications. Tokyo: Springer-Verlag, 148–149.
  • Lawrence Abel, E. (2014). A Note on Psychological Disorders Named After Cities. Names, 62(3), 177-182.
  • Magherini, G. und A. Zanobini (1987). Eventi epsicopatologia:Il perturbante turistico: nota preleminare. Ras segna Studi Psichiatrici, 74, 1–14.
  • Namnyak, M., Tufton, N., Szekely, R., Toal, M., Worboys, S. und Sampson, E. L. (2008). ‘Stockholm syndrome’: psychiatric diagnosis or urban myth? Acta Psychiatrica Scandinavica, 117, 4–11.
  • Pirlo, A. (2015). Ich denke, also spiele ich. München: Riva-Verlag.
  • Stainer, D., F. Ramacciotti, und G. Colombo (2001). Death in Venice. Does a Laguna Syndrome Exist? Minerva Psichiatrica, 42, 125–140.
  • Viala, A., H. Ota, M. N. Vacheron, P. Martin, und F. Caroli (2004). Les Japonais en voyage pathologique à Paris: un modèle originale de prise en charge transculturelle. Neuvure de Journal Psychiatrie, 5, 31–34.
  • Wilton, J. (2014). Berlin-Syndrom. Die Welt. Online zugänglich: http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article127242530/Berlin-Syndrom.html (Aufgerufen am 22.02.2015).
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