Die Zukunft masturbiert. Und sie tut es gekonnt

Masturbieren ist gesund und normal. Die meisten tun es, die anderen sollten auch. Ein Plädoyer für die Selbstbefriedigung.
03. Juli 2017

Während, so scheint es, die männliche Masturbation eher mit Schuld behaftet ist, hat es die weibliche noch nicht einmal so weit geschafft: Sie ist gar nicht erst Thema. Wir tun ihr so oder so unrecht.

Dass Selbstbefriedigung auch ein erotischer Akt ist und im Übrigen auch während dem Sex mit dem*der Partner*in nicht zu unterschätzen ist (dazu gleich mehr), hat zu ihrer Tabuisierung beigetragen, wenn nicht sogar gänzlich geführt. Sie aus der dunklen Nische zu holen, in der wir sie alle zuerst suchen mussten, wäre nicht weniger als ein Dienst an die Menschheit. Dafür braucht es das offene Gespräch über Masturbation; ein Gespräch übrigens, das umgangen wird, während dasselbe über Sex langsam aber sicher Eingang in unseren Alltag gefunden hat. Man kann sich fragen, wie’s kommt. Aber wir werden nicht jünger und wollen nicht im Gestern weilen. Die Zukunft masturbiert, und sie tut es gekonnt.

Bevor Masturbation «Sex mit sich selbst» ist, ist sie Selbstentdeckung. Es liegt auf der Hand, dass die Meisterin* auch hier nicht vom Himmel fällt; so berechtigt Masturbation für sich selbst ist, so sehr ist sie doch überaus praktische Voraussetzung für spannenden, befriedigenden und selbstbestimmten Geschlechtsverkehr. Masturbation ist das «Gewusst-wie» zum Sex; und noch viele Gründe mehr sprechen für sie.

Dass sie das Sexleben vereinfacht ist aber bei weitem nicht der einzige Grund zur Masturbation.

Wie jede andere Massage auch ist Masturbation Körperpflege, mit dem unschlagbaren Vorteil, dass sich die Klitoris einfacher als der eigene Rücken massieren lässt. Sie tut gut und ist auch noch portabel (PSA: es lohnt sich, masturbieren im Stehen zu lernen). Bei einem Orgasmus wird Dopamin («Glückshormon») ausgeschüttet, so hat Selbstbefriedigung einen konkreten Einfluss auf unser ganzheitliches Wohlbefinden. Natürlich sind Orgasmen nicht auf Selbstbefriedigung beschränkt oder angewiesen, aber man mag sich erstens nicht immer mit anderen Menschen auseinandersetzen und sich zweitens nicht unbedingt auf sie verlassen (ein Umstand, dem mit Wissen um die eigene Stimulation Abhilfe geleistet werden kann). Ausserdem hilft Masturbation, Menstruationsschmerzen zu verringern. Wenn das kein Argument ist.

Sexuelle, orgasmische Lust ist ein Signal des Körpers, mit dem er uns etwas kommuniziert. Aus dieser Perspektive ist Masturbation das Nachkommen eines Drangs, der vom eigenen Körper formuliert wird und dessen Befriedigung demselben Entspannung verschafft, wie es bei anderen Drängen auch der Fall ist (selbstverständlich kann es sich lohnen, die Befriedigung auf später zu verschieben; Geduld ist allerdings ein rares Gut und Lustempfinden eine grosse Ablenkung. Vodemher).

Selbstbefriedigung als selbstverständliche Befriedigung eines Körpergefühls und als schnell realisierbare Wohltat anzuerkennen, senkt denn auch die Hemmschwelle, sie als spannende Zugabe beim Sex einzusetzen. Masturbieren lässt sich auch zu zweit (oder zu dritt, you do you); durch das Wissen, beobachtet zu werden – oder zu beobachten – kann zusätzlicher Reiz entstehen (und da Sex ohnehin ein ewiges Studium ist; man unterschätze nicht den potentiellen Lerneffekt). Ausserdem – manchmal hat’s nicht sollen sein und die gewünschte Befriedigung tritt beim Sex nicht ein. Es fällt einfacher, sich den eigenen Orgasmus zu verschaffen, wenn man Masturbation als natürlich und nicht als Notlösung empfindet.

Aber zurück zu dir selbst. Selbstbefriedigung ist auch Selbstermächtigung. Bei der Masturbation ist der Consent immer gegeben. Du machst was du willst, wie du willst (gönn dir). Und auf Verhütung muss auch nicht geachtet werden, obwohl der Einsatz von Kondomen seine Berechtigung hat, wenn man mit zusätzlichen Werkzeugen hantiert – Batterien sind nicht nur für Taschenlampen gemacht. Es gilt: Alles kann, nichts muss.

Abschliessend: Manchmal fällt es uns schwer, zwischen körperlicher und emotionaler Lust zu unterscheiden. Eine Faustregel, von der ich wünschte, ich hätte sie schon früher gekannt:

Wenn du ihn immer noch vermisst, nachdem du mastubiert hast, dann gilt’s. Und zwar erst dann. Weil: Du bist nicht du, wenn du durstig bist.

Das Tsüri-Mail kommt garantiert 1 mal pro Woche:

Dieser Text ist der erste Teil der feministischen Sexkolumne auf Tsüri.ch. Im Juli und August wechseln sich die Autorinnen Maaike Kellenberger und Miriam Suter in je fünf Folgen mit ihren Ausführungen zu den Themen Sexualität, Feminismus und allem, was dazu gehört, ab.

Titelbild: Flickr

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