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Die Wütigen – 16 Frauenportraits

Die Fotografin Mara Truog und die Autorin Gina Bucher haben zusammen am Frauenstreiktag Frauen porträtiert. Entstanden ist dabei das Projekt «Die Wütigen».
19. Juni 2019

Hunderttausende Frauen gingen letzten Freitag für Gleichberechtigung auf die Strasse. Der Frauen*streik 2019 wurde noch am selben Tag für historisch erklärt. Anders als 1991 liefen bei den zahlreichen Kundgebungen viele junge Frauen und Männer mit. Es waren viele, sie sind schön und wütend.

Ein Blick in die Kommentarspalten der Zeitungen in den Tagen danach zeigt aber auch: Etliche haben noch immer nicht verstanden, woher die Wut der Frauen kommt – und dass sie bleiben wird, wenn sich nicht bald etwas ändert.

Heike, 40, freischaffende Regisseurin und Kostümbildnerin: «Seit 1991 hat sich wenig getan. Wütend macht mich überhaupt die grundsätzliche Unterscheidung von Männern und Frauen, wo wir doch erst einmal einfach alle Menschen sind.»

Gaia, 24, Studentin Religionswissenschaft und Philosophie: «Die Ungleichheit, die mich wütend macht, sieht man nicht, wenn man sie nicht selbst erlebt. Die Wissenschaften sind nach wie vor stark männerdominiert. Das heisst konkret: Die Männer reden in den Seminaren, die Frauen hören zu.»

Mey, 22, Buchhändlerin: «Ich bin heute hier, weil es in feministischen Diskussionen noch immer zu wenig Platz für Women of Color gibt. Meine Erfahrungen als schwarze Frau mit muslimischem Hintergrund werden von weissen Frauen oft als eine andere Geschichte gewertet.»

Mirjam, 35, Künstlerin und künstlerische Leiterin Shedhalle: «Ich bin wütend, weil ich dreissig Jahre alt werden musste, um mich für meinen Körper nicht mehr zu schämen. Und es dauerte lange, bis ich merkte, dass auch ich Männer und Frauen mit einem anderen Kriterienset beurteilte.»

Rakhel, 27, stellvertretende Geschäftsführerin eines Fachgeschäfts für Delikatessen: «In männerdominierten Branchen wie der Gastronomie müssen Frauen sich um einiges mehr beweisen als Männer. Abgesehen vom Service, bei dem die Frau grundsätzlich als Objekt angesehen wird, findet man sie ansonsten meist nur in stellvertretenden Positionen. Die Anzahl weiblicher Lokalbesitzer in Zürich ist peinlich gering. Frauen, zeigt den Männern, dass wir mehr sind, als nur gut fürs Trinkgeld und für den Look – Männer, macht Platz!»

Simone, 39, Grafikerin und Mutter: «Wütend bin ich wegen so vielem. Obwohl die Gesellschaft auf Kinder angewiesen ist, wird Familie als Privatsache behandelt. Als ob Kinderkriegen für die Frauen ein Hobby wäre! Wie sie sich im Alltag organisieren, wird komplett den Frauen überlassen. Wir sind in der Schweiz nicht ansatzweise dort wo wir sein sollten.»

Maneva, 44, Sekundarlehrerin für Sprachen: «Ich streike als schwarze Frau, Lehrerin und Familienfrau. Es ist anstrengend, extra nicht gehört zu werden. Zum Beispiel an der Basler Fasnacht oder im Lehrpersonenzimmer, wenn ich von einer erfahrenen Lehrerkollegin gefragt werde, ob Rassismus in der Schweiz tatsächlich existiere?»

Jalscha, 29, Grafikerin: «Wütend macht mich soviel. Am meisten die unterschwellige Unterdrückung, die man immer noch zu oft erklären muss. Ständig muss man Beispiele bringen und das nervt. In meinem Leben sind das die kleinen Details im Alltag: Ich verstehe nicht, warum ich mehr Prämie für meine Krankenkasse bezahlen muss, nur weil ich eine Gebärmutter habe; warum pinke Rasierer teurer sind als solche für Männer; warum Tampons teurer besteuert werden als Katzenstreu; warum Kinderkriegen eine reine Frauensache sein soll; warum Frauen durchschnittlich 37% weniger Rente erhalten als Männer ... – ach, die Liste ist unendlich.»

Jeannine, 38, Grafikerin: «Ich streike heute, weil es 2019 tatsächlich immer noch Lohnungleichheit gibt! Ich lese die Zahlen und kann sie nicht glauben.»

Caroline, 24, Studentin Religionswissenschaft: «Über 60 % der Studierenden der Theologischen Fakultät sind Frauen, aber nur drei von fünfzehn Professuren sind von Frauen besetzt. Der Frauenanteil verringert sich mit jeder Qualifikationsstufe. Dieses Problem darf nicht ignoriert werden.»

Yvonne, 25, Studentin Religionswissenschaft: «Freitags lerne ich jeweils. Heute nicht, denn vieles macht mich wütend. Zum Beispiel, wenn ich höre: Sie ist intelligent und auch noch schön. Als ob Frauen nicht beides gleichzeitig sein könnten.»

Julia, 34, selbständige Grafikerin und Illustratorin und Mutter: «So vieles ist ungerecht. Alleine der Begriff „Mutterschaftsurlaub“ ist eine Frechheit. Warum gibt es bei uns keine anständige Elternzeit? Ihr Fehlen zementiert ein völlig überholtes Familienmodell: als ob Väter und Mütter nicht gleichwertig für Familien- und Erwerbsarbeit zuständig wären. Weil Familie in der Schweiz als Privatsache gilt, müssen Frauen jedes Detail für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hart verhandeln.»

Piera, 35, selbständige Grafikdesignerin und Art Director: «Ich bin heute hier, weil die Schweiz mehr Frauen in Führungspositionen braucht, die zum gleichen Salär entlohnt werden wie der Mann: #equalpayforequalwork.»

Alexandra, 23, Studentin Religionswissenschaft: «Ich bin wütend, weil ich ernsthaft gefragt werden: Kannst du das überhaupt, ein Transparent aufhängen?»

Nicole, 37, Anwältin mit eigener Kanzlei: «Ich bin wütend, weil ich schon als junge Anwältin gefragt wurde: Kannst du das denn, streiten vor Gericht? Ich gebe mir genauso Mühe wie alle anderen auch. Und wenn ichs nicht kann, dann hat das nichts mit meinem Geschlecht zu tun.»

Marilyn, 33, Studentin und Künstlerin: «Ich bin müde, so müde. Wenn ich über einen rassistischen oder sexistischen Kommentar nachdenken muss, ist das Zeit, die mir niemand jemals zurückgeben wird. Rassismus und Sexismus werden in der Schweiz zwar von allen debattiert, aber wenn es um Bekämpfung und Aushandlung geht, dann wird die Verantwortung gerne weitergeschoben.»

Redaktorin und Fotografin

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