Die Vagina-Monologe: «Das Hässliche ist, dass die Texte nicht fiktiv sind»

«Wenn deine Vagina sprechen könnte, was würde sie sagen?» Seit über 20 Jahren gehört Eve Enslers Theaterstück «Die Vagina-Monologe» zum Kanon der feministischen Literatur. Nun kommt das Stück zum ersten Mal nach Zürich. Im Interview erzählen die beiden Initiantinnen Roberta Spano und Justine Burkhalter, was es mit der Vagina auf sich hat.
19. Februar 2019

Die letzten zwei Jahre wurde das Theaterstück «Die Vagina-Monologe» in Basel aufgeführt – mit grossem Erfolg! Die Zürcherin Roberta Spano (rechts im Bild) hat an der Produktion 2018 mitgewirkt und war begeistert. So begeistert, dass sie das Stück nun mit ihrer langjährigen Freundin Justine Burkhalter in Zürich aufführt. Für beide Frauen ist es das erste Mal, dass sie selbst ein Theaterstück auf die Beine stellen.

«Die Vagina-Monologe» ist eine Episodensammlung von Monologen, welche die New Yorker Autorin und Aktivistin Eve Ensler aus über 200 Interviews mit Frauen aller Welt zusammengestellt hat. Das im Jahr 1998 erschienene Buch legte den Grundstein für den sogenannten «V-Day» – eine globale Bewegung gegen Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. Mittlerweile wurde das Buch in über 48 Sprachen übersetzt und in mehr als 140 Ländern aufgeführt.

Nun kommt das Theaterstück erstmals nach Zürich und wird vom 20. bis 22. Februar 2019 in der Aktionshalle der Roten Fabrik gezeigt. Alle Einnahmen werden der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich gespendet.

Vor der Premiere am Mittwoch hat Redaktorin Florentina Walser die beiden zum Gespräch getroffen über die Entstehung des Stücks, strukturelle Gewalt und wieso Feminismus auch für Männer kämpft.

Wieso sollten die «Vagina-Monologe» genau heute aufgeführt werden?

Justine: Obwohl der Text über 20 Jahre alt ist, existiert immer noch die Gültigkeit, darüber zu reden und dem Thema eine Plattform zu geben. Denn die Unterdrückung von Frauen und Mädchen hat in den letzten 20 Jahren nicht aufgehört.

Wieso gerade feministisches Theater?

J: Wir hätten geradeso gut feministische Cupcakes verkaufen können. Für mich ist das Theater ein Mittel. Es gäbe noch tausende andere Mittel und es gibt auch noch tausende Kämpfe zu führen.

Zum Teil sind die Monologe harte Kost. Viele handeln von Unterdrückung oder Gewalt. Welche Stimmung vermittelt das Stück insgesamt?

J.: Es kommen wirklich alle Emotionen nebeneinander vor. Als Publikum wird man total herausgerissen – aus dem Lachen in eine Trauersituation und im nächsten Moment kommt wieder ein Joke, bei dem man denkt: Ich hatte eben noch Tränen in den Augen, wie soll ich nun darüber lachen können?

Roberta: Man fühlt sich nach diesen 90 Minuten zwar bestärkt, aber das Thema nimmt einen mit, es rattert weiter. Es passiert sehr viel innerhalb dieser Zeit und das Stück ist anspruchsvoll, weil man vor allem zuhört.

Wie habt ihr die Schauspielerinnen ausgewählt?

J.: Sie haben uns ausgewählt! Es gab keinen «Wettbewerb um die Rollen». Wir haben das Projekt einfach ausgeschrieben. Jede, die wollte, konnte kommen – und jede, die mitspielen wollte, spielt nun mit.

Das Stück ist mit den Schauspielerinnen zusammen organisch gewachsen.
Justine Burkhalter

Wie werden die Texte gesprochen und inszeniert?

J.: Es sind immer alle Frauen auf der Bühne. Manche Monologe werden von einer einzigen Frau gehalten, manche von mehreren. Dies entspricht dem, was die Schauspielerinnen wollten und auch vortragen können. Es gab auch Frauen, die sich an gewissen Monologen nicht beteiligen wollten, weil ihnen das zu viel und zu intensiv gewesen wäre. Es war nicht die Regie, die vordiktiert hat; das Stück ist während der Proben zusammen mit den Schauspielerinnen organisch gewachsen.

Geht es um eine Bestärkung des Frauseins, der weiblichen Genitalien – oder des Menschseins?

J.: Eher des Menschseins. Und dass man sich gegen Ungerechtigkeiten wehren soll.

Wie mächtig ist die Vagina?

R.: Um diese Frage zu beantworten muss man klar definieren, ob man über die Vagina als Symbol oder Geschlechtsteil an sich spricht. Aber der Titel ist nun mal die «Vagina-Monologe» und es ist eine Vorgabe, dass man Text und Titel so übernimmt. Es wäre aber eine enorme Verkürzung, wenn man das Stück auf die Vagina reduzieren würde. Wir machen hier kein Sex-Theater.

J.: Man könnte auch Frauen-, Vulva-, Nippel-Monologe sagen. Wir haben nicht diejenige Form des Feminismus ausgewählt, die die Frau als Zentrum der Fruchtbarkeit, Kraft und Naturpower mystifiziert. Ich bin verleitet zu sagen: Die Vagina hat null Power. Sie ist nichts weiter als ein Teil von uns, genauso wie wir Finger und zwei Augen haben. Sie ist ein Repräsentationszeichen und so glaube ich, hat Eve Ensler es auch gewählt. Die Power entsteht dann, wenn sich Frauen* darüber austauschen, welche eindämmenden Strukturen es gibt und wie man diese aufbrechen kann – aber nicht, weil sie dasselbe Geschlechtsteil haben.

Sexuelle Gewalt ist nicht ein Frauen*problem, sondern etwas, was auch Männer*, was alle Menschen betrifft. Wie ist es mit den Übernamen der Geschlechtsteilen?

R.: Dass man Probleme damit hat, das weibliche Geschlechtsteil zu benennen, ist klar historisch gewachsen. Deshalb gab es früher so seltsame Ausdrücke wie zum Beispiel «Vorderfüdli» – weil man einfach nicht darüber redete und sich trotzdem irgendein Instrument aneignen musste, es anzusprechen.

Wie ist es, wenn Männer die Monologe sehen?

J.: Das werden wir sehen!

R.: Wir merken aber schon, dass es schwieriger ist, Freunde zu mobilisieren als Freundinnen. Einige haben mich auch gefragt, ob sie überhaupt kommen dürften.

Dürfen sie denn kommen? Sollen sie kommen?

R.: Sie müssen kommen! Es ist eine billige Ausrede zu sagen, es interessiere sie nicht. Männer* sind von stereotypen Geschlechtervorstellungen genauso betroffen wie Frauen* und müssen aktiv an der Diskussion teilnehmen.

J.: Es stimmt auch nicht, dass das Stück nur «Frauen»-Frauen anspricht. Genauso gibt es Textstellen, welche queer- oder transfeministische Anliegen ansprechen. Das Thema geht über die Vagina hinaus.

Was können Männer* dazu beitragen, dass das Thema präsent bleibt – gerade wenn sie meinen, es ginge sie nichts an?

J.: Offen sein für diese Anliegen. Wir sind nicht von Antifeminismus befreit und sind uns bewusst, dass nicht alle toll finden, was wir tun.

R.: Es gibt immer noch sehr viele Menschen, Männer und Frauen, die daran festhalten, dass alles gut ist, wie es ist. Und meinen, wir stilisieren eine Diskussion, die es nicht gibt. Oder sie sagen, wir machen Frauen* zu Opfern. Eigentlich müssten genau diese Leute solch ein Theater besuchen.

J.: Das Hässliche am Text ist, dass es nicht ein Spiel ist, eine Erfindung oder etwas Fiktives. Man weiss: Es sind Texte, die Frauen* erzählt haben und dann verdichtet worden sind. Diese Tatsache macht das ganze viel härter. Für mich ist es ein Stück Aufklärung.

Es geht im Feminismus nicht darum, den Männern etwas wegzunehmen.
Roberta Spano

Es gibt geschlechtliche Unterschiede, die man nicht negieren kann: Frauen können Kinder kriegen, Männer nicht.

R.: Wenn ich mich mit meinem Partner dafür entscheide, ein Kind zu wollen, wäre zwar ich neun Monate schwanger. Er hat aber auch mitgemacht. Es ist eine Entscheidung, die beide tragen müssen. Das Problem ist, dass für viele Männer die Möglichkeit der Teilzeitarbeit schlicht nicht besteht. Dies ist ebenfalls eine Ungleichheit. Es geht im Feminismus nicht darum, den Männern etwas wegzunehmen. Wir kämpfen für eine Gleichstellung von allen, die auch ihnen zugute kommt.

Könnte man mit einer anderen Erziehung die Welt verändern?

J.: Wenn man die gesellschaftliche und politische Struktur verändern kann, werden die Eltern auch ihre Kinder anders erziehen. Es ist aber nicht das Versagen einer Einzelnen, wenn sie unter Rollendruck leidet. Es ist eine systemische Frage. Im westlich geprägten Feminismus vergisst man gerne einmal, dass es auch nackte, harte Frauenwelten gibt. Es gibt so viele verschiedene Frauenrealitäten, dass für mich diese Frage immer damit verknüpft ist, wo gibt es soziale Unterschiede, wer ist wie betroffen?

Trotzdem ist das Thema in die Breite gegangen, insgesamt präsenter geworden. Ist dies für den Kern des Feminismus positiv oder schadet es ihm, wenn man oberflächlich bleibt?

R.: Ich finde es schwierig, wenn ich mir bei Tally Weijl für 19 Franken eine Hose kaufen kann, bei der auf einem Bein «Feminist» aufgedruckt steht, die Hose aber unter was weiss ich für Bedingungen produziert wurde. Und ich finde es schwierig, wenn jede Influencerin unter jeden ihrer Posts #girlpower schreibt, bloss weil es sich gut verkauft.

J.: Die Politik auf Instagram ist eine Verzerrung. Etwas auf Instagram zu posten, ist so leicht – man braucht dafür nicht einmal aufzustehen! Aber wenn man aktiv sein will, muss man sich bewegen.

Was könnt ihr Frauen* raten, die mit Männern konfrontiert sind, die finden, das Thema sei Schnee von gestern?

J.: Wenn du die Power hast, konfrontieren! Wenn nicht, nimm dich zurück. Du musst die Welt nicht alleine verbessern.

R.: Man muss pragmatisch sein. An gewissen Tagen gelingt es einem bessern, an anderen weniger. Wenn man aber an eine Wand redet und sich das Gegenüber nicht auf ein Gespräch einlässt, kann man sowieso nichts ausrichten.

Titelbild: Florentina Walser

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Alle Bilder: Florentina Walser

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