«Die Stadt würde ohne freiwilliges Engagement nicht funktionieren.»

Willst du dich für den guten Zweck engagieren oder hast du Fragen, wie du die vielen Helfer in deiner eigenen Organisation am besten koordinierst? Benevol ist die Kontaktstelle für Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Die Informationsdrehscheibe bietet Antworten rund ums Thema. Wir sprachen mit Romana Benedetti, der Verantwortlichen in der Stadt Zürich.
16. Februar 2017

Was sind die häufigsten Beweggründe für Freiwillige sich zu engagieren?
Romana Benedetti:
Ganz, ganz viele wollen etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Viele sagen sich «ich hatte Glück im Leben und jetzt ist der Moment da, wo ich Gutes tun und mein Glück teilen will». Oft aber suchen viele auch eine Beschäftigung oder eine Aufgabe. Gerade wenn Leute auf Arbeitssuche sind, gibt ihnen eine karitative Beschäftigung Halt, Struktur und eventuell auch Einblicke in eine neue Tätigkeit.

Wie viele Freiwillige vermitteln Sie an Organisationen in der Stadt Zürich?
Durchschnittlich bearbeiten wir 400 bis 500 Anfragen pro Jahr. Etwa Drei Viertel davon sind von Freiwilligen, die sich engagieren möchten. Ein Viertel sind Anfragen von Organisationen betreffend Koordination und Management von Freiwilligen oder von Firmen, die sich mit ihren Mitarbeitenden engagieren möchten.

Ist das genug?
In der Stadt Zürich haben wir beeindruckend viele Freiwillige. Es ist sehr bemerkenswert, wie viel Engagement vorhanden ist und wie vielfältig dieses ist. Trotzdem: Es braucht immer neue Freiwillige. Die Stadt würde ohne freiwilliges Engagement nicht funktionieren. Alle Vereine, auch kleine non-profit Organisationen brauchen immer wieder Leute, die ihre Zeit schenken um andere zu begleiten, die gerade in einer nicht so glücklichen Lage sind. Bei der Freiwilligenarbeit geht es letztendlich meistens um Unterstützung von Menschen, die weniger Glück hatten – um Kinder von unteren Einkommensschichten, um Kranke, um Migranten, die sich am neuen Ort noch nicht zurechtfinden. Es gibt immer sehr viel zu tun. Glücklicherweise sind Zürcher und Zürcherinnen sehr aktiv.

Jedes Engagement ist ein extrem schönes Zeichen der Solidarität.
Romana Benedetti

Für welche Art von Organisationen vermitteln Sie Freiwillige?
Die Kontaktstelle Freiwilligenarbeit ist Anlaufstelle für alle, die in der Stadt Zürich mit Freiwilligenarbeit zu tun haben. So zum Beispiel auch für Organisationen, die Unterstützung in der Begleitung und Betreuung von Freiwilligen wünschen, ohne dass sie per se auf der Suche nach neuen Helfenden sind. Wir beantworten querbeet alle Fragen über Freiwilligenarbeit. Am häufigsten melden sich Personen, die sich engagieren möchten. Ich versuche dann die richtige Person mit der richtigen Organisation zusammenzubringen.

Wie sieht das dann aus?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Hat jemand noch gar keine Idee darüber, was er oder sie gerne machen will, verweise ich in den meisten Fällen auf die Plattform benevol-jobs.ch. Dort suchen Organisationen ihre Freiwilligen und publizieren Inserate, in denen die Aufgaben, Voraussetzungen und Erwartungen beschrieben werden. Auf diese Weise erhalten die zukünftigen Freiwilligen ein Bild über die grosse Vielfalt an Möglichkeiten in der Freiwilligenarbeit. Hat jemand schon klare Vorstellungen über den Bereich, in dem er oder sie tätig werden will, stelle ich ihm konkrete Angebote vor und übermittle die entsprechenden Kontakte. Man kann aber auch für eine persönliche Beratung vorbeikommen. Gemeinsam stecken wir dann mögliche Einsatzfelder ab.

Was bringt die perfekte Freiwillige mit?
Spass, Motivation und den Willen, etwas längerfristig zu tun. Langfristiges Einbringen ist wichtig. Doch unbedingt sollte man Freude haben und sich bewusst sein, dass man selber genau so viel profitieren kann wie die Person, für die man sich engagiert.

Jede Freiwillige sollte sich überlegen: Welche Art von Betreuung brauche ich als Helferin und was ist mein Pensum, das ich regelmässig aufbringen kann?
Romana Benedetti

Was springt für die Freiwilligen aus dem Engagement heraus?
Die Freiwilligenarbeit bringt eine Erweiterung von Kompetenzen und Fähigkeiten. Und man lernt viel Neues. Migrantinnen und Migranten beispielsweise engagieren sich oft freiwillig, um ihr Deutsch zu üben und Vernetzungsmöglichkeiten zu nutzen. Natürlich bringt es immer bereichernde Begegnungen und ein gutes Gefühl.

Die Milizfeuerwehr sucht beispielsweise permanent nach neuen Feuerwehrleuten. Wie stellen Sie sicher, dass Freiwillige auch geeignet sind für die Tätigkeit?
Es gibt schweizweite Richtlinien, in denen die Bedingungen der Freiwilligenarbeit festgehalten sind. Jede seriöse Organisation hält sich an diese. Spezielle Organisationen wie die Feuerwehr führen die notwendigen Schulungen selber durch. Gerade bei der Feuerwehr gehe ich davon aus, dass sie ein sehr gutes Freiwilligenmanagement haben. Führungsarbeit bei Freiwilligen ist nämlich oft schwerer als bei bezahlten Mitarbeitenden. Man muss sie motivieren, ihre Anliegen ernst nehmen und eine offene Ansprechperson zur Verfügung stellen.

Was ist gelungene Freiwilligenarbeit für Sie? Können Sie uns ein Beispiel geben?
Jedes Jahr gibt es die Auszeichnung zum «Freiwilligen des Jahres». Als Organisation kann man seine eigenen Freiwilligen, deren Beiträge man ausserordentlich schätzt, vorstellen. Doch eigentlich gibt es immer wieder Sachen, von denen ich sehr beeindruckt bin und einfach nur denke: «wow». Da gibt es zum Beispiel Leute, die Sterbende nächtelang betreuen, weil die Angehörigen eine Pause benötigen oder es gar keine Angehörige gibt. Das braucht viel Kraft und Mut. Im Grunde genommen verdient es jede und jeder, für das anerkannt zu werden, was sie oder er macht. Jedes Engagement ist ein extrem schönes Zeichen der Solidarität.

Was macht Freiwilligenarbeit schwierig? Gibt es Fälle, bei welchen die Zusammenarbeit abgebrochen werden musste?
Das gibt es immer wieder. Wenn beispielsweise jemand ein neues Engagement anfängt und dann merkt, dass man mit seiner Aufgabe überfordert ist. Gerade habe ich den Fall erlebt, bei dem eine Freiwillige eine Alzheimer-Patientin unterstützen wollte. Doch die Stimmungsschwankungen und die Traurigkeit der Patientin wurden für die Freiwillige mit der Zeit belastend, so dass die Tätigkeit nicht mehr tragbar war. Es ist wichtig, dass man sich meldet, wenn die Aufgabe zur persönlichen Belastung wird. Denn es sind oft Aufgaben, die menschliche Beziehungen beinhalten und das kann einem nahe gehen.
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist Verlässlichkeit. Die Organisation muss auf den Helfer zählen können. Wenn beispielsweise jeden Donnerstag ein Deutschkurs angeboten werden soll, muss jeden Donnerstag Zeit vom Freiwilligen vorhanden sein. Anderenfalls ist die Planung für die Organisation sehr schwierig. Umso wichtiger ist es, dass Freiwillige als wichtiger Teil der Organisation geschätzt und gefördert werden, zum Beispiel durch regelmässige Weiterbildungsmöglichkeiten.

Ohne Freiwillige wären zahlreiche Angebote nicht möglich, weil die monetären Kosten schlicht nicht zu decken wären. Gerade deshalb ist es genial, dass mit Hilfe von Freiwilligen so viel gemacht werden kann.
Romana Benedetti

Oft wollen sich Leute engagieren doch wissen sie nicht genau, wie sie einsteigen können. Wie kann dies erleichtert werden?
Wichtig ist, dass man ein gutes Erwartungsmanagement betreibt. Viele Organisationen haben Schnupperangebote, um die Organisation kennenzulernen. So kannst du zwei, drei Mal vorbei gehen, bis du weisst, ob die Organisation etwas für dich ist. Jede Freiwillige sollte sich überlegen: «Welche Art von Betreuung brauche ich als Helferin und was ist mein Pensum, das ich regelmässig aufbringen kann?» Wenn jemand sagt, ich kann einmal im Monat kommen, ist das völlig in Ordnung. Es muss niemand mehr machen, als er will. Wichtig ist, dass die Organisation und die Freiwillige von Anfang ihre Erwartungen aneinander klar kommunizieren. Eventuell muss man sich auch eingestehen, dass man nicht hier her gehört und sich ein anderes Engagement suchen. Das Solinetz zum Beispiel, ist eher lose organisiert und zieht so auch eine bestimmte Art von Leuten an, die ihre eigenen Ideen einbringen wollen. Wenn ich aber als Helferin lieber ein klares Aufgabenheft mit Supervision habe, dann wende ich mich vielleicht besser an ein Hilfswerk wie die Caritas Zürich, wo es klare Begleitung gibt.

Welche Dienste der öffentlichen Hand wären ohne Freiwilligenarbeit nicht realisierbar?
Ohne Freiwillige müsste man in vielen Bereichen schmerzliche Abstriche machen. Die Begleitung vor Schwerkranken in Spitälern beispielsweise wäre in diesem Umfang nie realisierbar oder der Kioskwagen, der zu den Patienten ins Zimmer kommt, würde wegfallen. Aber auch soziokulturelle Angebote, wie jene der Gemeinschaftszentren (GZs) oder der Vereine, wo das meiste auf freiwilliger Basis organisiert wird, wären nicht vorhanden.

Worin sehen Sie den Vorteil, dass solche Arbeit von Freiwilligen verrichtet wird anstatt von regulär Angestellten? Gibt es weitere Vorteile, als dass durch Freiwilligenarbeit geringere Kosten für die Organisation anfallen?
Gratis ist sie ja nicht, die Freiwilligenarbeit. Der organisatorische Aufwand darf nicht unterschätzt werden. Auch Dinge wie Kommunikation und Koordination erfordern Ressourcen. Ohne Freiwillige wären aber zahlreiche Angebote nicht möglich, weil die monetären Kosten schlicht nicht zu decken wären. Gerade deshalb ist es genial, dass mit Hilfe von Freiwilligen so viel gemacht werden kann. Vor kurzem suchte ein Altersheim jemanden, der mit einer älteren Dame Schach spielt – jemanden, der diese Passion mit ihr teilt. Ein wunderbares Engagement, das so viel bewirkt... Es gäbe auch viel weniger Veranstaltungen ohne Freiwillige. Denken Sie an all die Quartierfeste. Ohne persönliches Engagement wäre das Stadtleben viel weniger farbig.

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