Alle Fotos: Steffen Kolberg

Die skurrilsten Zürcher Läden

Alteingesessene Zürcher Geschäfte hatten es schon vor der Coronakrise schwer, gegen die hippen neuen Boutiquen und Manufakturen zu bestehen. Viele Ladenbesitzer*innen wissen nicht, wie lange sie noch durchhalten. Wir haben sieben der skurrilsten Läden Zürichs besucht, bevor es manche vielleicht bald nicht mehr gibt.
19. März 2021
Freier Autor, Journalist und Lektor

Kleine Brockenstube, Escher-Wyss-Platz

Die kleine Brockenstube ist wirklich klein. Ihr einziges Schaufenster ist so vollgestopft, dass man befürchtet es könne jeden Moment bersten und seinen Inhalt über das Trottoir ergiessen. Ist der Laden geöffnet, markiert Besitzer Hamid einen kleinen Bereich davor mit Verkaufsware. Diesmal unter anderem mit zwei Büchern zum Thema Knigge und gutes Benehmen, einem zusammengerollten Teppich und einem Blumentopf. Sobald ich mich nähere, tritt er aus seiner Nische im Ladeneingang heraus ins Freie. Ich frage ihn nach einer Spätzlepresse. Hamid geht ans Schaufenster und zeigt auf einen Nussknacker, der zwischen Scheibe und Regalbrett eingeklemmt ist: «Das da nicht, oder?» Sonst habe er leider nichts in dieser Richtung. Wie es mit dem Geschäft im Moment laufe? Es sei mühsam, sagt er und schaut zum Himmel. Immer wieder regne es, und dann müsse er die ganzen Sachen wieder in seinen kleinen Laden räumen.

Pusterla Elektronik, Ecke Hohlstrasse / Kernstrasse

CD-Brenner, Karaoke-Sets, Discokugeln, Modellflugzeuge, Programmierplatinen und alle nur erdenklichen Formen von Steckern, Kabeln und Leuchtmitteln stapeln sich in diesem aussergewöhnlichen Geschäft in der Nähe der Bäckeranlage bis zur Decke. Inhaber Jörg Loser steht im blauen Kittel hinter der Theke und schraubt an Platinen. «Wir haben ein breites Spezialsortiment. Bei uns gibt es vieles, was es sonst nicht gibt», erklärt er. Anders als in den anderen Läden dieser Tour herrscht hier ein wenig Betrieb: Immer wieder tröpfeln einzelne Kund*innen herein, lassen sich ausführlich zu ihren elektronischen Spezialproblemen beraten und nehmen die benötigten Teile gleich mit. Trotzdem sei es gerade nicht leicht, meint Loser. Denn die gewerblichen Kunden kämen vor allem aus der Veranstaltungs- und Lichttechnik: «Und da ist ja gerade alles down.»

Radio- und TV-Service Zapparrata, Stauffacherstrasse 115

«Jemand hat mir mal geschrieben, dass ich den perfekten Namen für meinen Beruf habe», lacht Carmelo Zapparrata, zeigt auf die umstehenden Fernsehgeräte und imitiert eine Fernbedienung: «Zapp, Zapp!» Viele der Apparate sind schon älter, auch ein Modell «90er-Jahre Jugendzimmer» mit Videokassetten-Einschub ist darunter. Sollte jemand das Gerät ausprobieren wollen, hat Zapparrata auch noch ein paar Dutzend originalverpackte leere VHS-Kassetten parat. Ausserdem finden sich DVDs, ältere Stereoanlagen und ein Walkman im Schaufenster gegenüber der Bäckeranlage. «Das hier ist ein Arbeiterquartier», erklärt der freundliche Herr. «Die Leute kaufen hier Geräte, die sie sich leisten können. Und sie lassen sie hier reparieren.» Er glaubte, dass sein Geschäft nach der Wiedereröffnung besser laufen würde: «Alle sitzen die ganze Zeit Zuhause und schauen fern. Da gehen die Geräte auch mal kaputt und müssen repariert werden, dachte ich zumindest. Aber leider läuft es sehr schlecht.»

Frei Occasionen, Badenerstrasse 262

«Sehr schlecht» ist für Ismail Alhas noch gar kein Ausdruck für seine Lage. Der Inhaber von Frei Occasionen in der Nähe des Locherguts zeigt einige beschriebene Din-A4-Seiten. Es sind seine täglichen Umsätze. Über 50 Franken gehen sie selten hinaus. Hilfeleistungen seien bei ihm nie angekommen, stattdessen stecke er mit seinen Anträgen in der Bürokratie fest, erzählt er. Die Leute seien vorher vor allem für TV-Geräte und Games gekommen, erklärt Alhas. Dabei bietet Frei Occasionen noch viel mehr. Von Dia-Brillen im 70er-Stil zu Hightech-Weltzeit-Radioweckern aus den 90ern über ein aufblasbares Ballerina-Kleid bis zu einem riesigen Tonbandgerät findet sich in Alhas' Laden allerhand Kurioses. Sogar eine ausführliche Bernsteinketten-Sammlung beherbergt er: Sie nimmt gleich ein ganzes der insgesamt vier Schaufenster ein.

Elektro-Caprez, Josefstrasse 104

Auch Elektro-Caprez war bislang ein Anlaufpunkt für Kurioses im weiten Feld der Haushaltselektronik. Das blassgelbe Haus mit der leeren blauen Werbetafel des italienischen Haushaltsgeräte-Herstellers Zanussi wirkt wie ein Überbleibsel einer Zeit, in der die Gegend um den Limmatplatz dem Namen Industriequartier noch gerecht wurde. Heute ist nicht mehr viel Arbeitersiedlungs-Charme übrig, die Nachbarschaft besteht aus schicken Restaurants und Yoga-Studios. Und auch Elektro-Caprez wird nicht bleiben: Ein Blick ins Ladeninnere, an den seit Jahren immergleichen Wohnzimmerlampen und vergilbten Tapeten des Schaufensters vorbei, offenbart leere Regale. Ein Schild verweist auf den gleichnamigen Velo-Laden eine Ecke weiter. Dort gibt es noch eine Ecke mit Haushaltswaren, die man weiter abverkaufe, erklärt ein Mitarbeiter. Den Elektro-Laden aber gebe der Inhaber altersbedingt auf.

Atelier Bucher, Birmensdorferstrasse 257

Auf seiner Homepage heisst das Atelier Bucher seine Besucher*innen mit einem eleganten blauen Feuerwerk willkommen. Das Ladengeschäft dagegen übersieht man an der viel befahrenen Birmensdorferstrasse leicht. Dabei hat man sich bei der Schaufensterdekoration viel Mühe gegeben: Eine riesige aufblasbare Rakete schwebt hinter einem Fächer von Silvesterraketen, davor eine übergrosse Rundbatterie, Vulkane, Bienen, Böller. Es geht um Feuerwerk, so viel ist klar. Aber auch diverse Flaggen, Scherzartikel und Verkleidungen hat es im Sortiment. Wer dringenden Bedarf an Partyhüten hat, wird hier fündig. Aber nach Party ist der Besitzerin nicht zumute: «Wir sind gerade alle ein bisschen am motzen», meint sie, denn Geld gebe es gerade keins. Und letztes Silvester? Darüber brauche man gar nicht erst reden.

Arthur Gross Gravuren, Idaplatz

Im Biomarkt am Idaplatz herrscht reger Betrieb. Schräg gegenüber, in einem Laden, der wie aus der Zeit gefallen scheint, herrscht dagegen gähnende Leere. Durch die matten Schaufenster des grosszügigen Ecklokals blitzen goldene und silberne Pokale in den unterschiedlichsten Formen: Fussbälle, Hunde, Sterne, klassische Schalen. Die gläsernen Modelle gibt es auch in ausgefallenen Dreiecks- oder Würfelformen. Bis der Sportbetrieb wieder richtig anläuft, harren drinnen glänzende Ballspieler, Medaillen und Meisterschaftskübel regalweise ihrer Bestimmung. Vielleicht finden so lange ja die metallenen Trinkbecher und gläsernen Bierkrüge Abnehmer? Haushaltswaren gehen in Pandemiezeiten ja schon eher.

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