Bullshit-Job? 💩

Die Schweiz braucht ein härteres Waffengesetz

Am letzten Freitagmorgen wurde Zürich von einer Bluttat erschüttert. Ein Mann hat zwei Frauen erbarmungslos erschossen und sich daraufhin selbst gerichtet. Für Redaktor Philipp zeigt die Tat erneut, dass das aktuelle Schweizer Waffengesetz verheerende Risiken birgt und der Besitz von Schusswaffen strenger reguliert werden muss.
04. Juni 2019

Kurz nach 9 Uhr im Zürcher Kreis 3. Ein 60-jähriger Mann nimmt am frühen Morgen in einer Wohnung zwei Frauen als Geiseln. Er bedroht sie mit einer Schusswaffe. Die Polizei rückt aus, sperrt das Areal weiträumig ab. Doch obwohl die Interventionseinheit mit dem Geiselnehmer verhandelt, können die zwei Frauen nicht gerettet werden. Plötzlich fallen Schüsse – und als die Wohnung von der Polizei gestürmt wird, sind alle drei Personen bereits so stark verletzt, dass sie noch an Ort und Stelle versterben. Zuvor hat der Geiselnehmer der Interventionseinheit noch versichert, er würde sich zehn Minuten später der Polizei stellen. Momentan weiss man nur, dass es sich um ein Beziehungsdelikt handelte.

Die Geiselnahme wirft viele Fragen auf. Wie ist der Mann an die Waffe gekommen? War er im Besitz eines Waffenscheins? Und welche politischen Massnahmen wären nötig, damit die Schweiz nicht weiterhin auf Platz zwei der Länder mit den meisten Schusswaffentoten rangiert?

Die meisten Suizide in der Schweiz werden mit Schusswaffen begangen

Gerade bei suizidgefährdeten Menschen scheinen das hiesige Recht und die notwendigen Abklärungen, die den Besitz einer Schusswaffe erlauben sollen, nicht zu genügen. Gemäss dem aktuellen Schweizer Waffenrecht darf nur eine Schusswaffe besitzen, wer nicht «zur Annahme Anlass gibt, sich selbst oder Dritte mit der Waffe zu gefährden». Dies wird allerdings in keiner Weise sichergestellt. Jedenfalls nahmen sich trotz dieser Vorgabe zwischen 1995 und 2008 rund 4’500 Menschen in der Schweiz mit einer Schusswaffe das Leben. Das entspricht etwa einem Viertel aller Selbstmorde.

Selbst der Bundesrat bestätigte den Zusammenhang zwischen der einfachen Verfügbarkeit von Schusswaffen und der hohen Suizidrate, wie Chantal Galladé, damalige SP-Nationalrätin, bereits im Jahr 2010 in einer Parlamentssitzung zitierte. Zu viele Schusswaffen werden dabei nach wie vor im Affekt benutzt. Wäre der Geiselnehmer von Zürich beispielsweise nur mit einem Messer bewaffnet gewesen, hätte die Polizei sicherlich einfacher intervenieren können.

Die Macht der Schusswaffen

Eine Schusswaffe ist der Inbegriff von Macht. Wer eine Schusswaffe und Munition besitzt, kann mit einem einzigen Finger nicht nur über das eigene, sondern auch über das Leben anderer verfügen. Gemäss einer Studie von «Small Arms Survey» sind rund 3.4 Millionen Waffen in Schweizer Privatbesitz. Schätzungsweise 1.5 Millionen weitere Waffen sind nicht registriert. Und der Wunsch von Herrn und Frau Schweizer, privat eine Schusswaffe zu besitzen, ist in den letzten Jahren stark gewachsen: Die ausgestellten Waffenscheine stiegen zwischen 2013 und 2017 von rund 25’000 auf rund 38’000 pro Jahr. Eine höchst beunruhigende Entwicklung.

Mehr Waffen bringen nicht mehr Sicherheit

Viele meinen, sie fühlten sich sicherer, wenn sie eine Schusswaffe zu Hause haben. Beispielsweise, wenn ein*e Einbrecher*in versuche, sich Zugang zur Wohnung zu verschaffen. In einem solchen Fall Gebrauch einer Schusswaffe zu machen, ist aber strafbar. Zumal gemäss einer Studie der Basler Versicherung Einbrecher*innen höchst selten bewaffnet oder gewaltbereit sind. Wenn nun also jede*r Schweizer*in bei einem Einbruch gleich wild um sich ballerte, hätte dies selbsterklärend eine Abnahme der allgemeinen Sicherheit zur Folge. Die Eidgenossenschaft braucht ergo nicht mehr, sondern weniger Schusswaffen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Ferner ist es Gegenstand der Justiz und nicht die Verantwortung Einzelner, Verbrechen zu bestrafen.

Ein gutes Rechtssystem braucht keine Selbstjustiz

Der Wunsch nach Selbstjustiz entsteht meist dort, wo keine Sicherheit garantiert werden kann. In der Stadt Zürich zumindest müssen wir uns weder gegen wilde Tiere noch gegen Kriminalität mit einer Schusswaffe schützen. Umso unverständlicher sind die Aussagen der Waffenbefürworter*innen. Sie schüren Ängste, verunsichern die Bevölkerung, predigen die Apokalypse unter Verteidigung der Milizarmee. Wirklich in Gefahr ist lediglich die Wahrnehmung der Schweizer*innen im Bezug auf Schusswaffen.

Der Kriminologe Martin Kilias stellte bereits 2016 fest, dass ein Teil der Bevölkerung Gewalt verherrlicht und eine Affinität zu Waffen hat. Und während der Präsident der USA Schulkinder bewaffnen möchte und behauptet, dies wäre im Sinne der Sicherheit, werden spätestens nach der Geiselnahme von letztem Freitag immer mehr Stimmen laut, die psychologische Gutachten für alle Waffenbesitzer*innen oder ein absolutes Verbot von Schusswaffen fordern. Darüber hinaus müssten der illegale Besitz und Handel von Schusswaffen härter bestraft werden – in vielen Fällen wird der illegale Besitz von Waffen in der Schweiz nur mit einer Busse bestraft. Wäre es in der Schweiz also schwieriger an eine Schusswaffe zu kommen, hätte das Drama in Wiedikon vielleicht verhindert werden können. Für eine sichere Schweiz braucht es nämlich nicht mehr bewaffnete Privatpersonen, sondern mehr Vertrauen in die Polizei und Justiz.

Titelbild: Philipp Mikhail

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