Ich wollte wissen, warum immer mehr Mädchen skaten

13. Januar 2016
«Von zehn Skateboards, verkaufe ich mit Sicherheit drei bis vier an Frauen», meint Tim Linsi, der Filialleiter der Zürcher «Snowboard Garage». «Seit etwa vier Jahren  nimmt die Anzahl der skatenden Frauen extrem zu.»

Stimmt also der Trend der skatenden Frauen in Zürich, den ich in letzter Zeit zu beobachten glaube? Wenn ja, wie sieht das an den Hotspots der Zürcher Skaterszene aus? Stehen da tatsächlich mehr Frauen auf dem Brett? Und warum ist das so? Ich hatte keine Ahnung. Denn ich war schon immer mehr der Typ, der sich auf das Skateboard gesetzt hat, statt wirklich damit zu skaten.

Skaten heutzutage mehr Zürcherinnen als früher? Mehrere Verkäufer aus Skateshops bestätigten meine Vermutung. Und die «Sk8school» verzeichnete in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an Anmeldungen von Frauen für Skatekurse. Auch Bettina Luginbühl, Filialleiterin des Zürcher «Rollladens», beobachtet einen enormen Boom der skatenden Frauen. Sie ist selber, wie auch Tim Linsi fest in der Zürcher Skaterszene verankert und hat bereits am Weltcup geskatet. Seit sechs Jahren leitet sie ausserdem das Sport-Ferienlager Fiesch: «Am Anfang waren jeweils etwa zwei bis drei Mädchen für die Skatekurse angemeldet, das waren auch vom Typ her eher die Haudegen. Mittlerweile bestehen die Anmeldungen zum Teil aber fast zur Hälfte aus Mädchen. Und zwar auch vermehrt aus solchen, die sich sorgfältig die Fingernägel lackieren und zierlicher gebaut sind.»

Longboard Girls Crew - Fun sessions in the desert. Cindy Zhou performing some of her magic. Daniel Etura photo.

Skaten, trotz allem noch eine Männerdomäne? «Ich würde Skaten als Skaten sehen und nicht als Männersport. Wir Skater sind wie eine grosse Familie», sagt Tim. Wenn er sich mit anderen Leuten zum Skaten verabredet, seien eigentlich immer Frauen mit dabei. «Ich verhalte mich genau gleich, ob ich mit Männern oder Frauen skate», meint Galli, vom Skateshop «doodah». «Das Level des Skatens ist da viel ausschlaggebender bei der Auswahl der Skatepartner, als das Geschlecht oder auch das Alter.» Tamara Prader, die wohl bekannteste Downhill-Longboarderin der Schweiz, will nichts von einem Männersport wissen: «Schubladen und strikte geschlechterspezifische Sportarten, Berufe, etc. gibt es in meinem Universum nicht.»

Grundsätzlich ist bei Frauen das Longboard am beliebtesten, vor einigen Jahren habe eine Art «Longboard-Trend» eingesetzt. «Das Longboarden trauen sich immer mehr, da man sich hierbei auch mit sehr weiblichen Moves und Turns fortbewegen kann», erzählt mir Tanja Angst von der Organisation «Chixxs on Board».

Emanzipation in Zürich erreicht? Tim sei überzeugt, dass die meisten Zürcher Skater kein Problem mit Skaterinnen haben. «Leider hört man trotzdem selten mal abschätzige Kommentare, von wegen, dass man das nicht schön finde und es unpassend sei, wenn eine Frau auf dem Brett steht. Das kommt auf jeden Fall weniger vor als früher, aber trotzdem gibt es solche Kommentare noch», sagt er.

Longboard Girls Crew - Cami Best in Jerusalems rooftops. photo Katie Neilson.

«Es gibt leider immer noch Männer, die abkotzen, wenn eine Frau mit ihnen skaten will. In der Longboard- und Downhillszene kommt das zum Glück fast nie vor. Bei den Streetskatern war das leider länger so, es wendet sich jetzt aber Gott sei Dank. Ich denke, dass sich das auch vor allem auch durch die Mädchencrews in Zürich geändert hat», sagt Bettina.

Die Skaterin in den Medien Die Medien spielen bezüglich Gleichstellung der skatenden Frau eine ambivalente Rolle. Während das Cover der aktuellen Ausgabe des «Longboard Magazin Schweiz» eine Frau ziert, sind die Frauen in vielen Skate-Medien immer noch unterrepräsentiert. Vermehrt arbeiten Medien in dem Kontext auch mit einer Sexualisierung: «Ich habe Mühe damit, wenn in einigen Skatemags halbnackte Frauen mit Skateboards posieren», erzählt mir Bettina dazu.

Genau hier setzt auch die grösste Longboard-Community der Welt an. Die «Longboard Girls Crew» wehrt sich gegen eine Sexualisierung der Frau im Sport seitens der Industrie. Das Bild der Frau soll authentisch sein und nicht von knapp bekleideten Models repräsentiert werden. Nicht das Aussehen, sondern die Leidenschaft zum Sport soll im Vordergrund stehen. Die  Crew wurde 2010 mit dem Ziel gegründet, mehr Frauen für das Skaten und Sport generell zu begeistern. Mit Videos aus aller Welt, die mittlerweile zusammen mehr als 14 Millionen Klicks verzeichnen, animieren sie Frauen zum Skaten.

Longboard Girls Crew

«Chixxs on Board» «Wir wollen inspirieren, motivieren und zeigen, dass jede Frau skaten kann und darf», erzählt mir Tanja Angst, die Gründerin von «Chixxs on Board». Die Schweizer Organisation veranstaltet seit drei Jahren Skate- und Snowboardworkshops für Frauen. Mit Erfolg: Die letzten Workshops von «Chixxs on Board» waren alle ausgebucht. Selbstbewusst und provokant tritt die Organisation auf und war jedem meiner Interviewpartner bekannt und wurde grundsätzlich gelobt. «Ich finde es sehr wichtig, dass es Workshops für Frauen gibt. Ich verstehe aber nicht, wieso Frauen sich selber «Chixxs» nennen. Inhaltlich machen sie einen wichtigen Schritt nach vorne, doch solch ein Name wirft sie dann wieder zurück», meint Bettina.

Es gibt zudem Meinungsverschiedenheiten, wenn es um die Notwendigkeit geht, innerhalb solcher Organisationen skatende Frauen und Männer voneinander zu trennen. Tamara meint dazu: «Im Grundsatz bin ich kein grosser Freund von Segregation. Für mich war es nie ein Problem, manchmal die einzige Frau zu sein. Aber viele sagen mir, dass sie sich wohler fühlen, wenn sie von anderen Frauen umgeben sind. Dann muss man  das natürlich fördern, keine Frage. Hauptsache es geht voran! »

Skaten als Abgrenzung gegenüber dem Mainstream Kann man bei dem beobachteten Anstieg der skatenden Frauen von einem Trend sprechen? Die Kulturanthropologin Yonca Krahn mahnt diesbezüglich zu Vorsicht: Nach soziologischer Auffassung umfassen Trends stets grosse Teile der Gesellschaft, beim Skateboarding handle es sich hingegen um ein Phänomen, dass immer noch als subkulturelles zu bezeichnen ist. Ausserdem reichen einzelne Beobachtungen eines Anstiegs der Skaterinnenzahlen nicht aus, um auf einen Trend zu schliessen. Aber grundsätzlich vollziehe sich in der Gesellschaft ein sogenannter «Gendershift», der Trend, der die Frau immer mehr als gleichberechtigt aufzeigt. Diese Tendenz in Kombination einer gegenwärtig stattfindenden «Versportlichung der Gesellschaft» vermag es vielleicht zu erklären, weshalb die Frauenquote im Skateboard-Sport (vermeintlich) ansteigt.

Skateistan-Helm in Rollladen Zurich

Ein weiterer Punkt, der zur Annahme des Anstiegs der skatenden Frau führen kann, könnte laut Yonca Krahn an den neuen Nachfragen liegen, die der Markt erkannt hat und ausnutzt: «Mode an sich ist primär feminin geprägt. In der Running-Szene beispielsweise kamen vor einigen Jahren speziell für Frauen designte Schuhe auf den Markt. Dieses Phänomen hat seitdem viele Sportarten durchdrungen. So auch die Skaterszene: Bretter und Helme werden feminin designt, gern mit Blumenmustern und in Pink- und Lilatönen, da der Markt danach fragt und es in anderen Bereichen vorgemacht hat. Dass es nun mehr weibliche Produkte gibt kann also auch den Anschein erwecken, dass es mehr Frauen gibt, die den Sport praktizieren.» Laut der Kulturanthropologin könnte der Prozess der Selbstdefinition die Faszination einiger Frauen für das Skaten erklären: «Das Dazugehören zu einer Subkultur ist auch immer ein identitätsstiftender Moment, der umso interessanter erscheint und so stärker fungieren kann, je weniger er dem Mainstream entspricht. Dies sehe ich eher als ein Motivationsfaktor für Frauen, das Skaten zu betreiben: Sie sind dann gewissermassen die Subkultur in der Subkultur. »

Skaten als Symbol der Unabhängigkeit Rund 6‘000 Kilometer von Zürich entfernt dürfen Frauen nicht Fahrradfahren und sind auch sonst in ihren Rechten massiv eingeschränkt – von Gleichberechtigung ist nicht zu sprechen. Öffentlich Sport zu treiben ist für die dortigen Mädchen und Frauen tabu. Der Australier Oliver Percovich reiste 2007 mit seinem Skateboard durch Afghanistan und stiess auf ein enormes Interesse der dortigen Jugendlichen, woraufhin er die erste Skateschule des Landes in der Hauptstadt Kabul ins Leben rief. Denn das Skaten ist in Afghanistan im Gegensatz zu anderen Sportarten kurioserweise erlaubt.  Die Organisation kombiniert das Skateboarden mit Bildung: Es wird in mehreren Fächern wie  in Kunst, Kultur und Gesellschaft oder Englisch unterrichtet. Das Skateboard fungiert als Bindeglied zwischen Jugendlichen mit unterschiedlichen soziokulturellen und ethnischen Hintergründen. Dabei besteht mehr als 50 Prozent der Lernenden Skateistans aus Mädchen. Durch Skateistan wurde das Board vor allem für die Frauen zu einem Symbol der Selbstentfaltung, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit.


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Keep Skateistan Rolling! «Ich finde Skateistan einfach genial! Ich finde es schön, dass so einem vor Augen gehalten wird, dass Mädchen, die keine Rechte haben und ihren Willen nicht frei äussern dürfen, durch das Skaten ausgelassen lachen können», sagt mir Bettina, als ich sie nach ihrer Meinung zu Skateistan befrage.

Die Message von Skateistan hat ist bis nach Zürich durchgedrungen. Jede der Personen, mit der ich gesprochen habe, hat bereits davon gehört, man kennt und lobt Skateistan in der Zürcher Skaterszene. Zudem hat Skateistan hier bereits Aktionen veranstaltet, wie in der Freestyle-Halle und in diversen Skateshops, bei denen man sein altes Skateboard abgeben konnte, damit es in Afghanistan von Jugendlichen gebraucht werden konnte.

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