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Die Papikolumne – Komsumtreiber Kind

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne geht es um die «Kinderzubehörindustrie», die in den letzten Jahren zu einem riesigen Wirtschaftszweig angewachsen ist.
20. Juli 2019

Titelbild: Unsere Blätzsammlung, mit der wir die Kleider von L. flicken (Antoine Schnegg)

Vor kurzem hat mir der Vater meines Göttibubes A. mitgeteilt, dass er das komische dreieckige Kissen gebrauchen konnte, als A. einen fiesen Husten hatte und schlecht schlief. Ich dachte mir: «Schön! Findet der unnütze Scheiss doch eine Anwendung!» Ich hatte dieses Ding in Panik angeschafft, als L. ebenfalls einen solchen fiesen Husten hatte.

Dieses Beispiel illustriert eines der Probleme, die das Kinderkriegen in unserer westlichen Gesellschaft mit sich bringt: Sobald das Kind auf der Welt ist, schaffen wir uns einen Haufen Sachen an, die wir vielleicht gar nicht brauchen. Mit Hormonen zugedröhnt und durch Schlafentzug malträtiert ist im Zustand des Elternwerdens und nach der Geburt etwa so brauchbar wie nach einem saftigen Rave. Die Kinderzubehörindustrie nutzt das entsprechend aus und ist in Deutschland zu einem Markt von zehn Milliarden Euro angewachsen.

Brauchen wir das wirklich?

Jetzt, wo L. schon zweieinhalb Jahre alt ist stelle ich fest, dass seine Bedürfnisse immer berechenbarer geworden sind. Brauchte er als kleines Baby noch eine Horde von Fläschchen, Nuschis und Bodies, so genügen heute für gute Laune gute Schuhe, gutes Wetter und Menschen, die er gern hat. Mittlerweile kann ich auch ohne Survival-kit mit L. aus dem Haus kann. Wenn ich junge Eltern auf der Strasse sehe, die ihren halben Hausrat mit sich schleppen, frage ich mich erstens, ob ich auch so war und zweitens, ob man den ganzen Kram wirklich braucht.

Wahrscheinlich bin ich gelassener geworden. Wenn mich heute jemand fragt, was man unbedingt noch vor der Geburt kaufen muss, dann lautet meine Antwort meistens: «Nichts. Du kriegst noch alles hinterher geworfen.» So erging es uns und so erging es auch befreundeten Paaren, die unsere ausrangierten Sachen z.T. kofferraumfüllend mitnehmen konnten.

Bewusster Kindersachen einkaufen

Es gibt in Zürich sehr schöne Flohmärkte (an der Kanzlei oder auf dem Parkplatz), wo man für Kindersachen fündig wird. Und möchte man einem Kind ein schönes Geschenk machen, lohnt sich ein Gang in die zahlreichen Kinder Secondhand-Läden von Zürich. Ich habe das Gefühl, dass diese an jeder Hausecke stehen. Ich mag vor allem den Allerlei an der Nordstrasse und den Kiwi am Röschibachplatz.

Seien es Kleider oder Spielsachen, die L. gefühlt zwei Wochen anzieht oder benutzt: Gebraucht ist besser als neu. Natürlich haben wir auch ein paar wenige neue Sachen angeschafft, aber wir versuchen, für L. unseren und seinen Konsum etwas zu drosseln. Manchmal ist seine Grossmutter in Paris und bringt uns was Schickes für ihn mit, aber sehr oft strickt und näht sie für L. selbst. Und zuhause haben wir eine beeindruckende Blätz-Sammlung, mit der wir (oder eher meine Partnerin, ich habe mir mal in den Finger genäht, und zwar so krass, dass dieser wiederum genäht werden musste) die Kleider von L. flicken, falls sie auf dem Spielplatz oder im Wald mal kaputt gegangen sind.

Bis L. bewusst mit seinen Konsumwünschen umzugehen lernt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Es wird ein langer Prozess und ich muss versuchen, ihm als Vorbild zu dienen. Das wird mir nicht leicht fallen, habe ich doch durchaus auch eine Affinität zu schönen, ausgefallenen Spielsachen . Ich gebe mir Mühe. Der Sommer macht es einem leicht, da man da den ganzen Tag draussen sein und sich in Parks und auf Spielplätzen vertun kann. Da braucht es wirklich nur Sonne und gute Freunde. Und für die Eltern am Rand ein kühles Bier. Aber über die Bar/Spielplatz-Kombo, von der ich ein grosser Fan bin, schreibe ich ein andermal.

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

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