Die Papi-Kolumne: Sollen wir Kinder haben?

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg nennt sich zwar nicht Experte im Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. Dieses Mal erzählt die Papi-Kolumne von der Frage «Kinder: Ja oder Nein». Eine Frage, die der Autor nicht auf Anhieb positiv beantworten konnte.
03. September 2018

Die Frage, ob man Kinder in die Welt setzen möchte, ist für viele Menschen existentieller Natur. Oft werden Paare (und vor allem Frauen) subtil und weniger subtil von Freunden, Familie und wildfremden Leuten unter Druck gesetzt, kleine Rotznasen in die Welt zu setzen. Der Entscheid, ein Kind zu kriegen, hat jedoch weitreichende Folgen für den Lebenslauf und den eigenen Lebensstil.

Vor ein paar Jahren machte der Hashtag #regrettingmotherhood die Runde. Unter diesem Tweet machten Mütter publik, dass sie es bereuen, Kinder gekriegt zu haben. Diese Mütter wurden oft als Rabenmütter bezeichnet. Der Begriff ist hochgradig irreführend. Ornithologisch gehören Raben zu den sogenannten Nesthockern und verlassen das Nest aus eigenem Antrieb. Leider gab es keinen entsprechenden Hashtag für bereuende Väter, vermutlich ist es gesellschaftlich kein Tabu, wenn ein Vater das Kinderkriegen bereut – und sich aus dem Staub macht.

Kinderkriegen ist für Väter genauso einschneidend wie für Mütter

Wenn sich ein Vater aber dazu entscheidet, ein für Kinder präsenter und aktiver Vater zu sein, hat das ganz radikale Veränderungen zur Konsequenz. So ist die Situation Vaterwerden im männlichen Berufsleben nicht vorgesehen: so müssen sich Väter selber arrangieren, um ihrer Familie Raum einzugestehen.

Ferner wird man vom kosmopolitischen DINK-Paar (Double Income No Kids) plötzlich zu einer wirtschaftlichen Kleinsteinheit, welche sich ganz neuen finanziellen, emotionalen und auch sonstigen Herausforderungen stellen muss. Mir war es schon als werdender Vater klar, dass ich eine massgebliche Rolle im Heranwachsen von L. (hier mehr zu L.) spielen möchte und einen Grossteil meiner Freizeit mit ihm verbringen würde. Deshalb musste ich mein Leben in gewissen Dingen ändern und Prioritäten in meinem Leben neu setzen. Ich bereue es keine Sekunde, Vater geworden zu sein, kann aber jeden Menschen verstehen, der sich dagegen entscheidet.

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Eine Pro- und Contra-Liste bringt zur Beantwortung der Frage, ob man Kinder haben möchte, nicht viel. Während meine Partnerin schon länger einen Kinderwunsch hegte, habe ich sie gebeten, als sie mir diesen offenbarte, etwas Zeit zum Überlegen zu geben. Warum ich schliesslich zum Schluss gekommen bin, dass ich ein Kind haben möchte, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir das jetzt machen sollten und ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir das ganz gut machen.

Das Kind ist da, mein Leben ist weg

Das Schöne an einer Schwangerschaft ist für uns Väter, dass diese neun Monate dauert. Frauen sehen das wohl anders. Diese neun Monate habe ich einerseits genutzt, um noch mit Krethi und Plethi einen zu heben, möglichst viel Kultur und Festivals zu besuchen und noch etwas zu schlafen. Andererseits habe ich mich tatsächlich mit dem Vaterwerden auseinandergesetzt und konnte mich auf das Vaterwerden auch von Tag zu Tag mehr freuen.

Ich würde lügen, wenn ich schreiben würde, dass es in meiner Haltung keine Dämpfer gab. Ich werde mich mein Leben lang an eine Windel, die bis zu den Ohren überquillt, und an meinen schreienden L., der um drei Uhr morgens in der Scheisse steckt, erinnern. Auch wenn dieser Moment rückblickend völlig banal ist und ich Windeln in der Zwischenzeit einhändig, blind und die Marseillaise pfeifend wechseln kann, war ich in diesem Augenblick emotional ziemlich am Ende. Ich fragte mich, warum ich mir das antue und stellte mir vor, dass mein Leben in Zukunft aus vollgeschissenen Windeln bestehen würde.

Ein Kind grosszuziehen ist kein Zuckerschlecken. Es ist anstrengend, man schläft anfangs wenig und man fühlt sich in seiner Rolle als Vater unsicher. Nicht nur das neu entstandene Verhältnis zum Kind, sondern auch zur Partnerin ist schwierig auszuloten. Plötzlich spielen Väter ganz klar die zweite Geige neben einem kleinen Menschen, der ausser Kotzen, Furzen, Weinen und Scheissen nicht viel kann.

Die Frage, ob man Kinder haben soll, kann ich nicht für andere beantworten. Jedoch sollten wir alle etwas entspannter sein, wenn es darum geht, Lebensentwürfe anderer Menschen zu beurteilen. Wird einer mit 60 Papi, adoptiert er das Kind seiner Partner*in (ist endlich für alle möglich!) oder entscheidet er sich einfach, keine Kinder in die Welt zu setzen: Dies geht uns Aussenstehenden eigentlich nichts an. Und ob die Menschen mit oder ohne Kinder glücklicher oder unglücklicher sind, ist schlussendlich ihnen überlassen.

Für mich selbst kann ich die Frage allerdings sehr gut beantworten: Wenn ich beobachten kann, wie L. die Welt entdeckt und ich ihn dabei begleiten, mit ihm spielen, ihn trösten kann und ihn ganz fest in meinen Armen halten darf, freue ich mich, dass ich mich entschieden habe, Vater zu werden. Ich habe tolle Dinge in meinem Leben gemacht, gesehen und erreicht, aber Vater zu werden, war in jeglicher Hinsicht das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Auch wenn mein altes Leben nun vorbei ist, L. bringt mir jeden Tag so viel neue Sachen bei, dass ich in meinem neuen Leben sehr glücklich bin. Und mit Krethi und Plethi gehe ich immer noch ab und zu einen heben.

Titelbild: Takahiro Taguchi, Unsplash

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

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