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Die Papi-Kolumne: Mehr Urlaub für Väter!

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne geht es um die Unterstützung, die ein Staat und eine Gesellschaft frischgebackenen Vätern gewähren – oder eben nicht.
11. Februar 2019

Der Vaterschaftsurlaub ist in aller Munde und fast im Wochentakt in den Medien. Die Stadt Zürich hat beschlossen, ihren bezahlten Vaterschaftsurlaub auf 15 Tage zu erweitern, da das Budget 2019 dies zulässt. Der Kanton Neuenburg gewährt frischgebackenen Vätern 20 Tage Urlaub. EU-weit soll ein Vaterschaftsurlaub von mindestens 10 Tagen gewährleistet werden. Auf Bundesebene hat ein Gegenvorschlag zur Volksinitiative von Travail Suisse gute Chancen, der einen Vaterschaftsurlaub von 10 Tagen vorsieht.

Die ganze politische Diskussion verkommt zu einem Schachern zwischen Gegner*innen und Befürworter*innen um einzelne Tage. Selbstverständlich ist es gut, wenn in gewissen Branchen oder Orten Fortschritte gemacht werden, doch die zugestandenen Urlaubstage werden heutzutage mehrheitlich Vätern gewährt, welche eine höhere Ausbildung vorweisen und gut verdienen. Die Idee einer solidarischen Urlaubsgewährung, wie sie beim gesetzlichen Mutterschaftsurlaub der Fall ist, geht hierbei komplett verloren.

Heute regelt Artikel 329 des Obligationenrechts die sogenannte «übliche Freizeit», welche ein Arbeitnehmer bekommen muss, wenn spezielle Umstände eintreffen. Also diesen einen Tag für die Geburt des eigenen Kindes. Sollte ein Kind tot auf die Welt kommen, kann dieser Urlaub um einen Tag verlängert werden. Mehrlingsgeburten führen zu keiner Urlaubskumulierung. Das ist nicht zynisch, sondern traurige Wahrheit in einem der reichsten Länder der Welt.

Und ohnehin ist die Bezeichnung «Vaterschaftsurlaub» fehl am Platz (Vivienne Kuster thematisierte dies schon im November 2018 für Tsüri.ch). Hat doch die Anfangszeit mit einem neugeborenen Kind nichts mit Urlaub zu tun. Auch die Vorstellung, dass Mütter am Anfang einfach die bessere Fürsorge für ein Kind bieten können, gehört ins Reich der Ammenmärchen (ha!). Diese Vorstellung zementiert nämlich nur überholte Rollenbilder.

Wir Väter sind nicht die schlechteren Mütter und können das mindestens genauso gut. Der biologische Vorteil einer Frau beim Stillen kann bei der Fütterung mit dem Fläschchen relativiert werden. Klar müssen sich Frauen im Gegensatz zu Männern nach einer Geburt erholen. Aber Männer können hier Frauen unterstützen und sie in dieser anstrengenden Zeit auch entlasten.

Kinder kriegen ist keine Privatsache

Die Galle kommt mir richtig hoch, wenn ich solche asozialen Vorschläge von Politikern wie FDP-Ständerat Andrea Caroni sehe, welche die Möglichkeit schaffen wollen, den Mutterschaftsurlaub zugunsten eines Vaterschaftsurlaubs zu kürzen. Der Vorschlag wurde zum Glück abgeschmettert. Allerdings sieht man, welche Wertschätzung Politiker*innen jungen Eltern entgegenbringen: Bürgerliche Politiker*innen beten das Mantra, dass Kinderkriegen Privatsache sei.

Doch dem ist einfach nicht so! Wenn wir uns Modelle in Skandinavien oder auch in Deutschland anschauen, die eine Auszeit für Vater und Mutter vorsehen, stellen wir fest, dass Frauen dort häufiger wieder in die Arbeitswelt eintreten, Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau kleiner sind und Familien in Gesellschaft und Politik einen höheren Stellenwert haben. Eine Unterstützung von Familien ermöglicht es, dass das Potenzial ihrer Mitglieder optimal ausgeschöpft wird.

Gleichberechtigung statt Vaterschaftsurlaub!

Der Vaterschaftsurlaub ist im Kern ein feministisches Anliegen, indem er die Vaterrolle der Mutterrolle näherbringt. Ein Vaterschaftsurlaub von 10 oder 20 Tagen erscheint in diesem Lichte etwas unbeholfen. Die Frage, die sich aufdrängt, ist doch die: Wollen wir wirklich Gleichberechtigung oder wollen wir einfach Wähler*innen mit ein paar Urlaubstagen abspeisen?

Die Konsequenz meiner Antwort auf diese Frage ist, dass sowohl Mütter als auch Väter gleich viel Zeit zur Verfügung gestellt kriegen müssen, um sich um den Nachwuchs gleichberechtigt zu kümmern. Zu dieser Erkenntnis kommt erfreulicherweise auch die Eidgenössische Kommission für Familienfragen EKFF in ihrer Stellungnahme zu oben genannter Initiative.

Mich hat das Modell eines befreundeten Paares aus Deutschland überzeugt, bei dem sich die Mutter die ersten sechs Monate um das Kind gekümmert hat. Im Anschluss hat sich der Vater bis zum ersten Geburtstag um den gemeinsamen Sohn gekümmert. Beide Elternteile haben sich gleichberechtigt und gleich lang im ersten Lebensjahr des Kindes engagiert. Das Argument hiesiger Politiker*innen, wonach der Wirtschaftsstandort Schweiz eine solche Einbusse nicht verkraften kann, bin ich nicht bereit zu akzeptieren. Ich habe im Militär während 300 Tagen den schwarzen Gürtel im Jassen und Saufen erlangt, der Schweizer Wirtschaft geht es blendend.

Ich werde nicht mehr von einer grosszügigen Regelung des Vaterschaftsurlaubes profitieren können. Ich hoffe jedoch, sollte mein Sohn L. eines Tages Kinder kriegen, dass er von der Gesellschaft Wertschätzung und Anerkennung erhält. Die Gesellschaft würde sich einen Gefallen tun.

Titelbild: Kelly Sikkema

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

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