Die Papi-Kolumne: Männer sind gesucht und gefürchtet

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne geht es um das Thema Kindsmissbrauch, ein schwieriges Thema, über welches wir nicht nur reden, sondern auch handeln müssen.
03. März 2019

Kindesmissbrauch ist eines der schrecklichsten Themen für Eltern. Hat man noch keine Kinder, ist man oft sehr bestürzt über die krassen Fälle, die es in die Nachrichten schaffen. Sobald man eigenen Nachwuchs hat, gewinnt das Thema an Präsenz, ohne dass man unbedingt davon betroffen ist. Am 8. Februar 2019 bekam ich von der Krippe von L. eine Mail mit dem Betreff «Männer in der Kita». Hätte ich diese nicht erhalten, hätte ich nicht von diesem grausamen Vorfall in einer Krippe in St. Gallen gehört, in der ein Betreuer Kleinkinder missbrauchte, sich dabei fotografierte und die Bilder ins Darknet stellte. Durch diesen Fall entfachte die Diskussion erneut, ob Männer in der Betreuung von Kleinkindern tätig sein sollen.

In der Krippe von L. arbeiten auch Männer. Diese machen sehr gute Arbeit und L. freut sich jedes Mal, wenn er seine Betreuer*innen sieht, unabhängig vom Geschlecht. Die Krippe von L. machte uns in ihrer Nachricht darauf aufmerksam, welche Massnahmen zum Schutz von Kindern getroffen werden. So müssen Mitarbeiter*innen regelmässig Strafregisterauszüge einreichen, die Räume sind nie verschlossen und die Wickeltische stets einsehbar.

Auch schreibt die Krippe den Mitarbeiter*innen den richtigen Umgang mit Mobiltelefonen vor und orientiert sich an den Richtlinien des Branchenverbands Kibesuisse. Zudem verfolgt die Krippe Programme, um den Männeranteil in der Kleinkindbetreuung zu erhöhen und schreibt Weiterbildungen vor, um sexuelle und physische Gewalt zu verhindern. Diese Massnahmen werden völlig unabhängig vom Geschlecht der Mitarbeiter*innen getroffen.

Eine solche offene Kommunikation und insbesondere auch, dass sie den Generalverdacht nicht auf die Männer lenken, haben mich in der Wahl dieser Krippe erneut überzeugt.

Männer unter Generalverdacht

Vorfälle wie der in St. Gallen verunsichern und verändern den Umgang mit männlichen Mitarbeitenden in Krippen. Es kommt vor, dass Eltern ihre Kinder nicht in die Krippe schicken, wenn dort Männer arbeiten. Auch gibt es Krippen, die ihren männlichen Mitarbeitern verbieten, Kinder zu wickeln. Ich möchte mir nicht ausmalen, was das für Rollenbilder und Gleichstellung zwischen Männern und Frauen bedeutet, wenn nur noch Frauen vollgeschissene Windeln wechseln.

Obwohl Männer von Eltern zum Teil gefürchtet sind, investiert Kibesuisse viel Energie, um Männer für die Kleinkindbetreuung zu gewinnen. Eine solche konsequente Haltung – trotz Befürchtungen von Eltern – ist begrüssenswert. Ich bin überzeugt, dass männliche Bezugspersonen für Kleinkinder in der Erziehung essentiell sind. L. begreift den unterschiedlichen Umgang mit den Geschlechtern schon sehr gut. Deshalb erachte ich es als wichtig, dass er früh damit konfrontiert wird, dass es keinen Unterschied macht, ob ihn eine Frau oder ein Mann betreut. Oder eben auch seine Windeln wechselt.

Die Verunsicherung bleibt

Fälle von Betreuenden in Krippen, die Kinder in ihrer Obhut missbrauchen, hinterlassen ein Gefühl von Machtlosigkeit und Wut. Es sind grösstenteils Männer, die solche Verbrechen begehen und die Integrität von hilflosen Menschen, die ihnen anvertraut werden, mit Füssen treten. Diese Rücksichtslosigkeit, diese unglaubliche Brutalität, löst bei mir sehr primitive Reflexe aus: Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir sage, dass solche Schweine es nicht verdient hätten, am Leben zu bleiben. Ich schäme mich für diesen Gedanken, steht er doch diametral gegen vieles, das ich als Teil meines moralischen Kompasses betrachte. Mir ist durchaus bewusst, dass die Todesstrafe für Pädokriminelle nichts bringt und auch sie ein Recht auf ein faires Verfahren haben. Ich muss jedoch ehrlich sein: Ich weiss nicht, ob ich diese Haltung aufrechterhalten könnte, sollte mein eigenes Kind Opfer einer solchen Straftat werden.

Publik gewordene Fälle haben dazu geführt, dass viel genauer hingeschaut wird, wenn Männer mit der Betreuung von Kindern betraut werden. Dies ist an sich eine positive Entwicklung. Dennoch kann dies auch dazu führen, dass Männer unter Generalverdacht gestellt werden und sich gegen eine Betreuung von Kleinkindern entscheiden. Dies wäre eine sehr unglückliche Entwicklung.

L. wurde zum Start in seiner Krippe als Hauptbetreuungsperson ein Mann zur Seite gestellt. Als ich L. einmal von der Krippe abholte, tat ich dem Betreuer meine Freude kund, dass L. nicht nur von Frauen betreut würde. Ich konnte sehen, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er sagte mir, dass er sich über meine Worte freue, da er in seinem Beruf von Eltern oft nur auf das Thema sexuelle Gewalt angesprochen würde. Wenn ihr das nächste Mal einen Mann seht, der als Kleinkindbetreuer arbeitet, schenkt ihm ein Lächeln. Denn auch er macht einen verdammt harten Job und erntet dabei jedoch wenig Anerkennung.

Titelbild: wikicommons

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen