Die Papi-Kolumne: Im Weihnachtsstress geht vergessen, dass Spielzeug tötet

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. An Weihnachten ist er auf der Suche nach dem perfekten Geschenk für seinen Sohn L.
22. Dezember 2018

Die Zeit vor dem grossen Fest der Liebe ist auch die Zeit, in der wir daran denken, Geschenke für unsere Liebsten zu besorgen. Und so mach ich mich in der Dunkelheit auf, um für L. etwas Passendes zu finden. Genau in dieser Zeit hat die NGO Solidar Suisse auf die prekären Arbeitsverhältnisse in der Spielwarenindustrie aufmerksam gemacht. Während wir alle kurz vor Weihnachten noch gehetzt durch die Stadt rennen, um die neuesten Puppen zu kaufen, die pinkeln und telefonieren, brechen Arbeiter*innen in Spielzeugfabriken vor Erschöpfung zusammen. Wenn ich mir die Schaufenster der üblichen Spielwarenläden anschaue, ist es mit meiner festlichen Stimmung jäh am Ende.

Hochsaison für Spielwarenfabriken

Laut Solidar Suisse werden die meisten Spielzeuge in China hergestellt. Fabrikarbeiter*innen (es sind häufig Frauen) kommen aus entfernten Regionen und stellen die verschiedensten Spielsachen her, welche den Weg in unsere Regale finden. In den Wochen vor Weihnachten herrscht in diesen Fabriken oft Hochbetrieb: Arbeiter*innen arbeiten im Schnitt 11 Stunden am Tag. Zudem sind sie oft ohne Schutzausrüstungen in Kontakt mit giftigen Stoffen, welche zu Leukämie und zum Tod führen können. Während der Zeit in den Fabriken sind die Arbeiter*innen oft von ihren Familien, ihren Kindern und ihren Freund*innen getrennt.

Obwohl der Weltverband der Spielzeugindustrie einen Verhaltenskodex verabschiedet hat, der die Arbeitsstandards in der Spielwarenindustrie verbessern und standardisieren möchte, führt dieser nicht zu einer Verbesserung der Situation. Dies insbesondere nicht, da sich dieser Verhaltenskodex bei Zulieferbetrieben in der Produktionskette von Spielzeugen nur schwer durchsetzen lässt. Investigative Recherchen von NGOs haben aufgezeigt, dass die elementarsten Arbeitsrechtstandards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO missachtet werden. So leisten diese Arbeiter*innen exzessive Überstunden und erhalten Löhne, welche nicht zum Leben ausreichen. Zudem fehlen ihnen Mechanismen, sich gegen die prekären Zustände in der Spielzeugindustrie zu wehren. Das Fest der Liebe verkommt zur Ausbeutungsparty des blinden Konsumwahns.

Was können wir tun?

Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld des grossen Schenkens etwas Klarheit zu verschaffen. Ich lege wirklich jedem nahe, sich zumindest mit dem Fair Toy FAQ auseinanderzusetzen. Oftmals sind wir uns als Konsumenten gar nicht bewusst, wie ein Produkt entsteht, das wir unter den Weihnachtsbaum legen. Wenn ich mir jedoch vorstelle, dass eine Arbeiter*in für die Herstellung eines Teddybären einen Rappen verdient und dass dieser für etwa 20 Franken über die Ladentheke geht, wird mir schlecht.

Gemäss Solidar Suisse verbessert ein Boykott von chinesischen Spielwaren die Situation der Arbeiter*innen jedoch nicht. Spielzeugmarken können ihre Lieferkette relativ flexibel anpassen und auf andere Produktionsländer ausweichen. Nichtsdestotrotz sollten wir als Konsument*innen Druck auf die Produzent*innen ausüben. Dies können wir durch gezieltes Nachfragen bei Händler*innen oder durch die Unterstützung von Kampagnen von NGOs erreichen.

Was soll ich nun schenken?

Es ist wirklich nicht einfach, das passende Geschenk zu finden. Für unseren Sohn L. haben wir auf einer Gebrauchtwarenplattform eine holzige Kinderküche einer bekannten schwedischen Möbelfirma für 50 Franken erworben. L. durfte schon damit spielen. Dadurch hat er seine Berufung gefunden: Für ihn ist der Wasserhahn der Kinderküche eine Kaffeemaschine, aus welcher er allen, die vorbeikommen, einen Espresso rauslässt. Sollte er mal Barista werden, weiss ich wieso.

Etwas schwieriger war es bei meinem siebenjährigen Göttibueb. Er wünschte sich am meisten, mal wieder mit mir an einen FCZ-Match zu gehen. Einen Wunsch, den ich sehr gerne erfülle. Zudem habe ich für ihn das Wurfspiel Mölkky besorgt, dieses wird in Finnland von Hand und aus lokalem Holz mit PEFC-Zertifikat gefertigt.

Ich habe mich also dieses Jahr für gebrauchte und mehr oder weniger nachhaltige Geschenke entschieden. Zudem schenke ich auch gemeinsame Zeit. Ansonsten halte ich mich mit Geschenken eher zurück und berücksichtige nur meine Liebsten. Allen anderen schenke ich zu Weihnachten diese Kolumne. Joyeux Noël!

Titelbild: pxhere

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen