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Die Papi-Kolumne: Die Familienkutsche

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne geht es um die Familienkutsche, mit der er seinen Nachwuchs durch die Welt fährt.
23. März 2019

Meine erste Autoerinnerung aus meiner Kindheit ist ein Unfall. Mein Vater am Steuer, meine Mutter auf dem Beifahrersitz und ich hinten und nicht angeschnallt auf der Bank. Wir fuhren etwa 200 Meter, da wurde unser kleiner Fiat Uno mit voller Wucht von links von einem Volvo Kombi gerammt. Bei der polizeilichen Befragung log ich die Beamten an: Ich, fünfjähriger Knirps, sagte eiskalt, dass ich angeschnallt gewesen sei.

Ich glaube, mein Vater war heimlich stolz auf mich. Die Erinnerungen danach sind eine diffuse Mischung von Urlaubsfahrten mit dem Renault Espace und dem VW Bus von meinem Götti sowie von Ausflügen im schönen Jura mit Grossvaters Range Rover. Das Thema Auto und Mobilität war in meiner Kindheit also immer präsent.

Mobilitätseinbusse Kind

Das Kinderkriegen ist eine tolle Gelegenheit, um sich unnütze und wirklich praktische Dinge anzuschaffen. In die Kategorie unnütz gehört sicher der Schoppenwärmer oder das komische dreieckige Kissen gegen Husten (jeder Bundesordner tut es auch). Aber eine der besten Anschaffungen, die meine Partnerin und ich getätigt haben, ist unser gelbes Lastenvelo. Wir sind beide überzeugte Velofahrer*innen und wollten einerseits nicht auf unsere Mobilitätsgewohnheiten in Zürich verzichten. Andererseits musste sich die Mobilität unseres Sohnes L. unserem Mobilitätsverhalten unterwerfen, denn irgendwann war uns die Kurverei mit dem Kinderwagen zu blöd. Wir hatten auch für kurze Zeit einen Velo-Anhänger. Dieser erschien mir jedoch als ziemlich unsicher. So gingen mir verschiedene Kindertransportoptionen durch den Kopf.

Eines Tages habe ich mit L. und seinem Götti einen Ausflug zum Tag der offenen Baustelle des Gubristtunnels gemacht (solche Sachen macht man mit Kindern, die einen Bagger- und Kranfetisch haben). Hierfür habe ich mir bei Carvelo2go für einen Nachmittag ein Lastenvelo ausgeliehen. Was für eine Offenbarung! Dank einer starken Motorisierung kam ich locker über den Hügel nach Regensdorf. L. war immer in meinem Blickfeld und schwatzte ununterbrochen mit mir. Jeder Töff, jedes Büssi und jede Kuh wurde kommentiert und dem Chauffeur mitgeteilt. Unser Götti musste vollen Einsatz zeigen, um sein Rennvelo den Berg hochzuscheuchen. Zum Glück gibt’s bei Besuchsanlässen auf Baustellen kühles Bier.

(K)ein Auto muss her!

In diesem Moment beschloss ich, dass ich auch so ein Ding möchte. Anfangs fand es meine Partnerin etwas übertrieben, insbesondere hinsichtlich der Kosten. Die günstigsten Lastenvelos kosten um die 2'500 Franken in der absoluten Basisvariante. Dieses unglaublich geile Fahrgefühl auf dem Lastenvelo ging mir jedoch nicht aus dem Schädel. Ich konnte nicht widerstehen. Also haben wir uns als Familienkutsche ein solches Lastenvelo angeschafft.

Ich habe mich für ein schnittiges Bullitt von Larry vs. Harry aus Kopenhagen entschieden. Die Motorisierung wurde dann selbständig (mit etwas Hilfe eines Velomechanikers) eingebaut, hierbei entschied ich mich für einen Motor von Pendix. Mein Bankkonto war nun leer. Ein gebrauchter Fiat Uno wäre eventuell sogar günstiger gewesen. Ich und L., und meine Partnerin bald auch, flitzten von nun an lachend und schwatzend durch Zürichs Strassen und sind genauso mobil wie früher, als wir den Asphalt noch ohne Kind zum Glühen brachten.

Ich könnte mir meinen Alltag ohne Lastenvelo nicht mehr vorstellen. Wir gehen damit einkaufen, fahren L. in die Krippe und ab und an fahre ich auch betrunkene Freunde*innen nach Hause (oder in die nächste Bar).

Ich habe meinen eigenen Vater immer etwas für seinen Autofetisch belächelt. Nun habe ich jedoch genau dieselben Gefühle für mein gelbes Bullitt entwickelt wie er für seine Autos. Das Velofahren ist jedoch meiner Familie nicht ganz fremd, waren meine Urgrosseltern doch beide bei den Condor Werken in Courfaivre Fabrikarbeiter*innen und radelten täglich zur Arbeit. Leider macht Condor heute keine Velos mehr, legendär sind die Räder aber immer noch.

Das Lastenrad ist die Familienkutsche der Zukunft

In der Schweiz vergeben viele Kantone und Gemeinden Subventionen für Elektroautos. Elektroautos sind sicher weniger umweltschädlich als die normalen Verbrenner, aber völlig unbedenklich sind diese auch nicht. Wenn ich riesige SUV-Familienkutschen in Zürich sehe (auch mit Elektromotoren), die womöglich noch auf dem Veloweg stehen, sehe ich allerdings schwarz für das Klima.

Oft ist jedoch die Anschaffung eines Lastenvelos für Familien eine riesige Investition, sodass man davor zurückschreckt, sich ein solches Gefährt anzuschaffen. Hier könnte eine finanzielle Unterstützung für Familien, WGs oder Genossenschaften attraktiv sein. Ich werde bei den Wahlen dieses Jahr konsequent darauf achten, dass die von mir gewählten Politiker*innen velofreundliche Politik verfolgen.

Ein Kind zu haben ist keine Mobilitätseinbusse, sei es nun mit einem Lastenrad, einem Anhänger oder einem Kindersitz – und es braucht im urbanen Raum kein Auto. Mit L. bin ich schon an der Velodemo und an der Critical Mass mitgeradelt. Wollt ihr mal mein Bullitt ausprobieren, haltet einfach nach dem schönen gelben Lastenrad mit einem Kind und mir drauf Ausschau. Beide ein fettes Grinsen im Gesicht.

Titelbild: Antoine Schnegg

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

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