Die Narrenfreiheit der Theaterstudierenden

Ein Theaterstudium beinhaltet oft das ellenlange Gehen durch den Raum, nächtelanges Proben und die Lektüre von Hans-Thies Lehmanns Postdramatischem Theater. Doch einmal im Jahr bekommen die Theater-Student*innen der Zürcher Hochschule der Künste zwei freie Wochen, um sich so richtig auszutoben. Das ganze nennt sich das Theater in allen Räumen (kurz TiaR) und schliesst als zweitägiges Festival das Herbstsemester ab.
26. Januar 2017

Die kargen Betongänge der Gessnerallee sind brechend voll. Das wartende Publikum tritt immer wieder zur Seite, so dass kostümierte Spieler*innen durch die Menge hindurch huschen können. 77 Produktionen von 115 Studierenden in 20 Räumen. Egal ob man in die Garderobe späht oder kurz zur Toilette geht, überall vibrieren die Geister des Theaters.

Seit 1996 öffnen sich jährlich die Tore des Theaterdepartements der ZHdK für alle Theaterbegeisterten (oder auch nicht – die elektronische Türe funktioniert dieses Jahr nicht mehr richtig). Den Studierenden obliegt es dabei, innert zwei Wochen zu schaffen, was auch immer sie wollen. So stehen Dramaturg*innen plötzlich auf der Bühne und Schauspieler*innen bauen Bühnenbilder. Ausprobieren, riskieren und scheitern: Erlaubt bis erwünscht. Absolute Freiheit ohne Lernvereinbarung – von der Institution garantiert.

Dass daraus auch dramatische Grossmeister – zum Glück – nochmals kritisch betrachtet werden, ist selbstverständlich. So widmet sich Regiestudent Christian Eckstein niemand geringerem als Brecht und kreierte das Intermezzo «Das Elefantenkalb nach Berti Brecht». Zwei Soldaten unterbrechen das trinkende Publikum (sie spielten direkt vor der Bar) mit musikalischen Einlagen, auf dass sie ein paar Franken verdienen könnten, um – nachvollziehbarerweise - Bier zu kaufen. Darauf folgen vier Spielerinnen, die lediglich in klassischer Manier «das Elefantenkalb» aufführen wollen. Doch die zwei machohaften Soldaten unterbrachen die Spielerinnen immer wieder bis es zu Handgreiflichkeiten kommt. Eine dekonstruktive Auseinandersetzung mit Brecht und seinem Frauenbild.

Weiter zum nächsten. Wer möglichst viel sehen möchte, halte besser den Abendspielplan bereit und überlege sich eine möglichst effiziente Route. Alles zu sehen, ist und bleibt unmöglich. Manche Produktionen dauern lustvolle 15 Minuten, andere kurzweilige zwei Stunden; einige verbleiben erfrischender Trash, andere sind so grenzgenial, dass fast eine ausserkörperliche Erfahrung erlebt wird.

Bühne B. «Penner durch die Galixis.» Schauspieler Lucas Riedle, als Tim, umzingelt von leuchtenden Neonröhren und gefangen in der Tristesse der Einsamkeit. Einzig die zwei Androidinnen (Sophie Bock und Antonia Meier) bieten der Öde Paroli. «Tim, willst du ein Spiel spielen?» Die Antwort heisst stets nein. Ein sehenswertes Fragment frei nach Alan Ayckbourn und Douglas Adams.

Sophie Bock und Lucas Riedle

Und dann ist da noch: «Es war einmal Einsam» geschrieben von Dramaturgin / Dramatikerin Fiona Schreier in Zusammenarbeit mit Severin Hallauer. Hallauer alleine auf der Bühne zieht das Publikum mit seiner Präsenz in seinen Bann und imponiert mit ästhetischen Choreografien und genauer Sprache. Der Monolog handelt von Einsamkeit, Rausch und dem Wunsch nach Anerkennung. Ein überzeugendes Porträt unserer Generation.

Severin Hallauer (studiert bildende Kunst) überzeugt mit Solo-Nummer

Dass die Organisation von derart vielen, parallel stattfinden Projekten einer Herkulesaufgabe gleicht, blieb erkennbar in den Gesichtern des neunköpfigen Leitungsteams. Zum ersten Mal waren dieses Jahr die Studierenden selbst federführend in der Durchführung. Grund dafür war das drohende Ende des TiaR. Diesem trotzten die Studierenden und nahmen alles selbst in die Hände. Ein erfolgreicher Kampf um ihren künstlerischen Freiraum. So wird erfreulicherweise auch nächstes Jahr wieder in allen Räumen gespielt, getanzt und gesungen.

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