Die letzte Kampftruppe des Patriarchats

Junge Menschen haben immer weniger Sex. Drei Männer wollen das ändern und haben das Aufreissen am helllichten Tag zu ihrem Hobby gemacht. Warum? Und ist das noch zeitgemäss?
02. Juni 2019

«Das hier ist wie ein Spielplatz für uns», sagt Alex und meint die vielen Frauen am Hauptbahnhof Zürich. Schon läuft er einer nach, hält sie auf. Er lächelt, schwingt seine Hände. Doch sie muss weiter. Alex, ein junger Daniel Craig mit hochgebundenen Haaren kommt zurück. «Die war nichts», sagt er, kein bisschen enttäuscht.

«Was hast du zu ihr gesagt?»

«Nur Hallo. Dann eine Pause. Sie weiss, was ich will.»

«Ist es wichtig, welchen Satz man zuerst sagt?»

«Nein, unwichtig. Total unwichtig. Es zählt, wie du es sagst. Dass mir ihr Lächeln gefällt, ihre Ausstrahlung. Ich versuche, etwas über sie zu erraten, ihren Beruf zum Beispiel. Es ist ein Spiel.»

Die drei stellen sich vor: Alex, Leo und Sebastian* haben sich in einem Flirtkurs in Zürich kennengelernt. Deep Connection hiess der und seither sind die Männer gemeinsam unterwegs und baggern Frauen an. Sie nennen das Daygame.

Frauen im Überfluss

Der Samstagnachmittag ist kühl und windig. Die Menschen haben ihre Wintermäntel wieder aus dem Schrank geholt. In der Bahnhofstrasse strömen uns Menschen entgegen, behängt mit Tragtaschen. Ist das wirklich ein guter Ort, um Frauen anzusprechen?

«Aber ja», sagt Alex. Eigentlich sei er jeden Tag auf Flirttour. Vor einer Woche hat er seinen Job als Programmierer bei einer Privatbank geschmissen, bald will er Europa bereisen. Früher hatte er eine Freundin, die betrog ihn, nicht nur einmal, sondern über Jahre. «Ich hatte die Wahl», sagt Alex: «Rumheulen und mich betrinken – oder etwas tun.» Er fasste einen Entschluss: Frauen im Überfluss.

Seither macht er Daygame. Dabei habe er eine Menge gelernt. Und er habe Erfolg. Häufige Dates, regelmässig Sex. «Jede Frau ist ein Projekt. Du lernst, sie innerhalb von Minuten zu verstehen.»

Leo versteht noch nicht so viel. Auch er sieht ziemlich gut aus. Er ist Physiker, hat hochfrisiertes, blondes Haar und breite Schultern, denn er macht Kunstturnen und Salsa. Er steht auf Asiatinnen, und er geht vor wie ein Wissenschaftler: Jede seiner Anmachen zeichnet er heimlich auf mit Ansteckmikrofon und Smartphone, manchmal auch mit Kamerabrille. Später, zuhause, wird er sich anhören, was er gesagt hat.

Jede Frau ist ein Projekt. Du lernst, sie innerhalb von Minuten zu verstehen.
Alex*

Jetzt macht sich Leo an eine Asiatin ran, zeigt mit dem Finger auf sie, er spricht, hört zu, hebt seine Augenbrauen. Alex kommentiert aus der Ferne, als wären wir auf Safari: «Seine Körpersprache sieht gut aus.»

Auch Leo kommt mit leeren Händen zurück. Warum sie ihm nicht ihre Nummer gegeben hat? Verstehe er auch nicht. Er wird es analysieren.

Was Frauen wollen

Ein anderer hatte scheinbar mehr Glück. Wir treffen auf einen einsamen Daygamer, schütteln Hände. Sein Freund, erzählt er, sei gerade auf einem Insta-Date. So nennen sie das, wenn die Anmache direkt ins Café führt. In diesem Fall sogar noch weiter, er sei jetzt mit ihr im Bett.

Ich frage Alex: Warum muss der Mann den ersten Schritt machen? «Eine Frau will spüren, dass du sie wirklich willst, ihr in die Augen siehst und sie führst.» Er steht mir jetzt nah gegenüber, als wollte er mir ein Geheimnis verraten: «Filmmomente, das wollen sie!»

Eine Frau in schwarzen Leggins joggt an Sebastian vorbei, dem Dritten im Bunde. Sie hat Kopfhörer auf und den Blick starr geradeaus gerichtet. Sebastian rennt ihr nach, stellt sich ihr in den Weg und hebt die Hand zu einem Winken. Er ist Mitte zwanzig, arbeitet als Kaufmann und liest jeden Tag die NZZ. Auf dem Münsterhof wird er sagen: «Hier hielt Winston Churchill seine Rede, in der er zur Einigkeit Europas aufrief.» Interessant. Die Joggerin interessiert sich allerdings kein bisschen für ihn, sie umkurvt ihn genervt.

So geht es schon die ganze Zeit. Sebastian hangelt sich von einer Frau zur nächsten. Doch sie bleiben nur kurz stehen, als hätten sie sich schon von Anfang an fürs Weitergehen entschieden. Doch er gibt nicht auf. Überhaupt mit Menschen zu sprechen, sei noch vor einem Jahr eine grosse Überwindung für ihn gewesen. Wenn er spricht, ruht sein Blick oft am Kragen des Gegenübers.

Eigentlich, sagt er, suche er eine Freundin, «Wärme und Geborgenheit». Für diese Ziele motiviert er sich mit einem Punktesystem. Wöchentlich fünfzehn Punkte will er sammeln. Eine Frau ansprechen gibt einen. Weiter kommt er selten. Manchmal, sagt er, gehe er nach erfolgloser Aufreisstour zu einer Prostituierten. Doch er habe gelernt: «Nähe kann man sich nicht kaufen. Und am nächsten Tag geht es mir kein bisschen besser.»

Was Frauen nicht wollen

Mit seiner Sex-Flaute ist Sebastian nicht allein. Darauf weisen Statistiken hin. Weltweit ist die Zahl junger Menschen, die keinen Sex haben, angestiegen. Am stärksten in den USA, vor allem bei den Männern: Ganze 28% der Männer zwischen 18 und 29 Jahren hatten seit einem Jahr niemanden mehr im Bett. 2008 waren es noch 8%. Zahlen aus Grossbritannien, Schweden oder Australien zeichnen ein ähnliches Bild. Mögliche Erklärungen: Menschen heiraten später und verbringen mehr Zeit mit ihrem Smartphone. Oder haben keine Lust auf schlechten Sex.

Nähe kann man sich nicht kaufen.
Sebastian*

Es wird Abend. Mittlerweile ist es richtig warm geworden. Bei Sonne und Glacé sitzen wir am Seeufer. Sebastian arbeitet sich durch eine Gruppe japanischer Mädchen, sie entrinnen ihm wie ein auffliegender Taubenschwarm. Überhaupt ist das ein schlechter Tag, kaum einer hat eine Nummer gesammelt.

Daygame – es scheint, als würden hier alte, allmählich verblassende Geschlechterklischees noch einmal übererfüllt: Ein Männchen, das sich aufplustert, erobert eine Frau, die sich verlegen die Haare dreht.

Diese blöden Frauen?

Später werde ich mit meiner Mitbewohnerin darüber reden. Sie wird sich aufregen über Alexs Behauptung, eine Frau müsse geführt werden: «Unglaublich sexistisch.» Um dann anzufügen: «Diese blöden Frauen, die alle so passiv sind.»

Meine Schwester hingegen wird sagen: «Ich bin passiv. Darum finde ich es okay, wenn Männer mich ansprechen.» Ich lerne: das mit dem Flirten ist kompliziert.

Denn spätestens seit #MeToo steht die Anmache in einem schlechten Licht. Einige dieser Männer bewerten Frauen mit Punkten, sammeln Dates wie Trophäen. Eine letzte reaktionäre Kampftruppe des Patriarchats?

Vielleicht, aber nicht nur. Sie bleiben höflich, ohne Grenzen zu überschreiten. Sie stellen sich ihren Ängsten und zeigen sich erstaunlich verletzlich: «Wenn ich auf eine Frau zugehe, hat sie Macht über mich», sagt Leo, der Physiker. «Diese Angst vor Abweisung stehen wir gemeinsam durch. Alleine könnte ich das nicht.»

Nur gehen sie dabei ziemlich wahllos vor. Das kann man oberflächlich finden oder objektifizierend.

Oder ein bisschen nervig. So wie die Fliegen und Mücken am Seeufer: Sie sind Zeichen eines nahenden Sommers. So sind diese Männer Ausdruck einer verwirrten Rollenverteilung – sie sind Teil und auch Opfer einer sexistischen Gesellschaft. Es wird vielleicht einer ihrer letzten Sommer sein.

*Alle Namen geändert

Titelbild: wikicommons

Redaktor

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen