Die Langstrasse verliert ihr Geisterhaus

Ein lustiges Transparent verkündet das baldige Ende des Bruchhauses an der Langstrasse. Schon nächsten Sommer sollen die Wohnungen bezugsbereit sein – allesamt für unter 2'000 Franken. Was ist dran an der Sache mit einem der bekanntesten Häuser der Langstrasse?
07. Dezember 2018

Wie eine Festung zwischen den rundherum immer sauberer werdenden Fassaden wirkt das Haus an der Langstrasse 95/97, gleich gegenüber der Piazza Cella, dem kleinen Plätzchen vor dem Longstreet und der Piranha Bar. Graffitis schmücken die Aussenwand und der Verputz bröckelt schon so herunter, dass die städtische Baukontrolle dem Liegenschaftsbesitzer sogar Sicherungsmassnahmen auferlegt hat, um Passant*innen nicht zu gefährden.

Mehrmals berichteten in den vergangenen Jahren Medien über die prominente Bruchbude und tauften die Liegenschaft schlicht «Geisterhaus der Langstrasse». Jetzt scheint es so, als veränderte die Langstrasse auch an diesem Ort bald ihr Gesicht. Seit einigen Tagen stehen etwas verloren zwei beleuchtete Weihnachtsbäume auf den baufälligen Balkonen des Hauses. Ein Spruchband am unteren Balkon verkündet das anscheinend endgültige «Aus vom Geisterhaus».

«Das Aus vom Geisterhaus»: Die Immobilienfirma nimmt sich dem Namen an.

Ein Kunstprojekt oder doch bezahlbare Wohnungen?

«10 hübsche Zwei- bis Dreizimmerwohnungen unter 2'000 Franken» würden an dieser Liegenschaft entstehen, allesamt schon im August 2019 bezugsbereit. So steht es auf der Plane. Die Comicfiguren von Geistern und einem Bauarbeiter neben dem Schriftzug sehen jedoch weniger nach einer professionellen Baufirma aus. Ist das Ganze ein lauer Scherz des Liegenschaftinhabers oder sogar eine Kunstaktion gegen die im Kreis 4 besonders sichtbare Gentrifizierung?

Als Urheberin des «Kunstwerks» bezeichnet sich gemäss Transparent die Firma Zulumi AG, die ihren Sitz in Hergiswil im Kanton Nidwalden hat. Dort hat auch Fredy Schönholzer, der Eigentümer des Hauses, seinen Wohnsitz. Schönholzers Unternehmerkarriere begann in den Siebzigerjahren mit einem Sexshop, später wurde er mit Immobilienhandel reich – auch mit dem Verkauf des Labitzke-Areals.

Journalist*innen, die ihn beim Stumpenrauchen vor der Lambada-Bar störten, drohte er auch schon mal mit seinen persönlichen Rausschmeissern. Mit dem Haus an der Langstrasse 83 gehört Schönholzer eine weitere Liegenschaft, der beinahe gespenstische Vorgänge zugeschrieben wurden: Club um Club, vom District 4 über das Café Gold bis zum Babette, mussten dort die Segel streichen – wohl auch wegen horrenden Mietzinsen.

Schon im August sollen die Mieter einziehen

Bei einem Anruf gibt sich die Zulumi AG gegenüber Tsüri.ch zwar ziemlich wortkarg, bestätigt aber die Echtheit des Transparents an dem Gebäude. Ein Angestellter der Firma erklärt, er und sein Vorgesetzter hätten den Namen «Geisterhaus» witzig gefunden und daraufhin das Plakat gestaltet. Die Weihnachtsbäume würden einfach für eine festliche Stimmung in der Gegend stehen.

Auf dem Dach haben die Bauarbeiten bereits begonnen.

Im sportlichen Bezugstermin von August 2019 sieht die Zulumi AG kein Problem, die Arbeiten hätten ja schon begonnen. Tatsächlich wird bei einem Augenschein des Gebäudes klar, dass die Arbeiten am Dach bereits begonnen haben. Wahrscheinlich wird also die Langstrasse bald wieder eines ihrer prägendsten Gebäude verlieren. Dafür erhält das Quartier den so dringend benötigten Wohnraum auf einem halbwegs bezahlbaren Niveau – nicht selbstverständlich von einem Immobilienkönig wie Schönholzer.

Alle Bilder: Kamil Biedermann

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