Take-Away löst zurzeit den Restaurantbesuch ab. Foto: Emilio Masullo

Die Lage der Zürcher Gastrobranche: «Fühlen uns machtlos»

Die Lichter sind aus, die Stühle aufgestuhlt – seit dem 22. Dezember 2020 sind die Türen der Zürcher Gastrolokale zu. Schon wieder. Die Gastronom*innen über Frust, Entlassungen und Polizeikontrollen.
14. Januar 2021
Praktikantin Redaktion

Die Gastrobranche erlebte in den letzten Monaten ein ständiges Auf und Ab: War im ersten Corona-Frühling noch alles zu, so durften die Lokale unter Einhaltung strenger Schutz- und Hygienemassnahmen im Mai 2020 wieder öffnen. Als die Coronafallzahlen stiegen, hiess es für die Lokale für kurze Zeit «Schliessung ab 19 Uhr». Ab Mitte Dezember sind die Lokale nun komplett zu; Kulinarisches gibt es wenn dann nur noch to Go. An Wiedereröffnung ist bis Ende Februar nicht zu denken.

Aufgehetzter Gastroaufstand via Telegram

Die Gastronom*innen hadern mit der Situation, fühlen sich im Stich gelassen. Einige sogar so sehr, dass sie sich mit Ladenbetreiber*innen neulich zu einer Art Revolte zusammengeschlossen haben. Am vergangenen Freitag, 8. Januar, kursierte der Aufruf «Wir machen auf» im Netz. Gastronom*innen und andere Ladenbetreiber*innen aus 68 Schweizer-Gemeinden wurden unter anderem via Webseite und dem Nachrichtendienst Telegram dazu aufgefordert, am Montag, 11. Januar, trotz Verbot zu öffnen. Die Koordination der Aktion verlief laut NZZ chaotisch; die Webseite des Aufrufes war verschlüsselt und man vermutet, sie stamme von Corona-Skeptiker*innen. Dementsprechend wenig Gastronom*innen beteiligten sich an der Aktion. Der Stadtpolizei Zürich sind keine Verstösse der Gastrobetriebe bekannt. Ein solcher würde mit 10’000 Franken oder gar fünf Jahren Gefängnis indes auch teuer zu stehen kommen. «Unsere Branche wurde von den Corona-Skeptikern zu ihren eigenen Zwecken missbraucht», lässt sich Urs Pfäffli, Präsident der Gastro-City zitieren.

Ein Brief an den Bundesrat

Auch wenn sich die Zürcher Gastrobetriebe nicht an der oben beschriebenen Aktion beteiligt haben, ist klar: Damit die Zürcher Restaurants und Bars die Zeit bis Ende Februar überbrücken können, brauchen sie finanzielle Soforthilfe. Aus diesem Grund unterzeichneten 75 Zürcher Gastronom*innen wie die Bindella- und Hiltl-Restaurants einen offenen Brief an den Bundesrat. Konkret verlangen die Verbände und Gewerkschaften eine dringliche Notverordnung für A-fonds-perdu-Beiträge, die sofort landesweit und einheitlich ausbezahlt werden sollen. Die bisherigen Härtefallregelungen würden nichts nützen; schliesslich würden sie Mietkosten oder Sozialversicherungen nicht abdecken. Die finanziellen Reserven seien nach zehn Monaten Corona-Einschränkungen bei vielen Wirt*innen aufgebraucht, schreibt der «Tages-Anzeiger». Gäbe es keine finanziellen Entschädigungen, würden viele konkurs gehen, was der «Untergang von vielen persönlichen Existenzen» wäre. Die Gastronom*innen sehen sich als die «Bauernopfer» der Corona-Massnahmen, vor allem, da es aufgrund ihren Schutzkonzepten kaum zu Ansteckungen gekommen sei.

Das sagt Gastro-City

«Wenn Restaurants weiter geschlossen bleiben müssen, erwarte ich zusätzliche Massnahmen des Bundesrates, da die Zahlen trotz Schliessungen nicht genügend fallen», sagt Pfäffli auf Anfrage von Tsüri.ch. Weiter erwartet er eine klare Absichtserklärung zur Hilfeleistung mit Ausfallentschädigungen. Für die Gastronomie sowie die Zulieferer sei die Situation unerträglich und äusserst belastend. «Seit dem Lockdown wurde von uns nur gehorsam verlangt, wir erhielten aber ausser der Kurzarbeitsentschädigung keine Hilfe. Darlehen waren im ersten Moment zwar hilfreich, verleiten aber nur zur Verschuldung.»

«Bebek»: «Sie sollen uns wieder arbeiten lassen, auch abends!!»

Die aktuelle Situation bringt ihre Herausforderungen mit sich; so auch für das orientalische Restaurant «Bebek». Eine der grössten Herausforderungen im Vergleich zum vergangenen Frühling war laut Geschäftsführer Jörg Guggisberg die lange Ungewissheit, bis vom Bundesrat die Schliessung kommuniziert wurde. Der Betrieb, genauer gesagt der Einkauf und die Personalplanung mehrerer Tage mussten vor der Schliessung auf Null reduziert werden. Entlassen wurde zwar bislang niemand, jedoch ist die Stimmung unter dem Personal gedrückt; sie machen sich Sorgen, wie stark sich die Massnahmen auf den Betrieb und ihre Arbeitsstelle auswirken. Nach dem ersten Lockdown dauerte es circa zwei Wochen, bis das Bebek wieder ansprechende Umsätze hatte. Ab Juni bis circa Ende September waren die Umsätze gut bis sehr gut. Mit den verfügten Einschränkungen ab Oktober gingen sie jedoch wieder merklich zurück. «Das Gastgewerbe hat ein sehr gutes Schutzkonzept. Im vergangenen Jahr wurde von unseren insgesamt 55 Mitarbeitenden nur einer positiv auf Corona getestet – dieser hat sich zudem in seiner Freizeit angesteckt», meint Guggisberg.

Hoffentlich können wir das Bebek-Essen im Frühling wieder vor Ort geniessen. Foto: Tsüri.ch-Redaktion

«Exer»: «Planen ist nicht möglich»

Anfang Januar wollte Raban Jacoby seine neue Stelle als Küchenchef in der Bar «Exer» an der Langstrasse antreten. Seine Vorfreude wurde aufgrund der behördlichen Schliessung jedoch gedämpft – die Neueröffnung der Bar muss warten; das gäbe dem Team nun immerhin die Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten. Die jetzige Situation sei laut Jacoby zwar «scheisse», aber er verstehe, dass die Behörden in erster Linie verhindern wollen, dass sich die Leute treffen.

Hätten sich die Menschen früher in den Restaurants getroffen, so täten sie das seit der Zwei-Haushalte-Regelung des Bundes nun einfach zuhause, nimmt «Exer»-Geschäftsführerin Naomi Biaduo an. Es sei eine herausfordernde Zeit für das Lokal. Eine Zeit, in der man sowohl gegenüber der Kundschaft Loyalität als auch bei den Angestellten Sicherheit zeigen wolle. Das «Exer» musste aufgrund der aktuellen Lage zwar kein Personal entlassen, machte jedoch von September bis Dezember 2020 einen klaren Umsatzverlust. Samstags verkauft das «Exer» seiner Kundschaft seine Spezialität Fried Chicken als Take away und generiert so ein wenig Umsatz. Von den Behörden wünscht sich Biaduo mehr finanzielle Unterstützung und vereinfachten Zugang zu behördlichen Informationen und Dokumenten.

La Résistance: «skandalös, existenzbedrohend, perspektivlos»

Um die Lage der Gastronom*innen noch besser einzuschätzen, hat Tsüri.ch eine exklusive Umfrage unter den Lokalen von La Résistance durchgeführt. Das Kollektiv bestehend aus Gastronom*innen, Freund*innen der Gastronomie, Gastrolieferant*innen und Tsüri.ch wurde im vergangenen März ins Leben gerufen. Das Ziel: Eine Plattform zu schaffen, auf der Restaurants aufgezeigt werden, die aufgrund der Coronakrise auf Take-away umgestiegen sind. Wir wollten unter anderem wissen, wie es den Betrieben nach der erneuten Schliessung geht. Hier einige Stimmen aus der Umfrage:

  • «Es ist einmal mehr eine existenzbedrohende Situation»
  • «Der Dezember war einer unserer Hauptmonate. Daher ist die Schliessung für uns sehr schlecht»
  • «Besser als um 19 Uhr zu schliessen. Was uns einfach fehlt ist eine Vergütung für den Umsatzausfall»
  • «Die Aussichten sind schlechter als im Frühling 2020»
  • «Es ist eine äusserst schwierige und sehr unbefriedigende Situation. Die Gastronomie erfüllt Schutzkonzepte und hat sich immer wieder auf die neuen Massnahmen und Vorschriften eingestellt. Aber irgendwann fehlt dazu die Energie und auch die finanziellen Mittel»
  • «Ich war von Anfang an dafür, dass man Massnahmen ergreift, habe zehntausende Franken in Sicherheit investiert. Ich fühle mich von den Politikern verarscht und bin masslos enttäuscht.»
  • «Im ersten Moment eine Erleichterung – die wöchentlichen Einschränkungen haben extrem strapaziert»
  • «Uns geht es zum Glück noch gut, da wir sowieso Ferien machen wollten. Nun ist nur die Frage wie lange»
  • «Verdammt schwierig, aber wir geben nicht auf!»

Wie sich aus den Antworten erschliessen lässt, fühlen sich die Gastronom*innen von den Behörden keineswegs besser betreut als nach der ersten Schliessung. Das Geld fehlt, die behördliche Kommunikation ist für viele zu kurzfristig – es müsse einfacher und schneller gehen, finden sie. Nebst all den Kosten, die nicht von den Behörden gedeckt wurden, fallen nach der zweiten Schliessung nun auch die Lehrlingslöhne an, die eigenhändig von den Betrieben gedeckt werden müssen. Die versprochene Hilfe der Behörden bleibe aus, die Anliegen der Gastronom*innen würden in erster Linie nur mediale Aufmerksamkeit bekommen.

Personalentlassungen in der Gastroszene

Insgesamt waren Ende Dezember im Kanton Zürich knapp 30’000 Personen auf dem RAV gemeldet, schrieb die NZZ. Von 2’500 Stellenlosen stammte jede*r Fünfte der*die in der Stadt wohnt aus dem Gastronomie-Zweig. Von den Gastronom*innen von La Résistance gaben jedoch fast 70 Prozent an, dass sie kein Personal entlassen mussten. Die restlichen Betriebe mussten aufgrund der aktuellen Situation eine bis sieben Angestellte entlassen.

Umsatzverlust unter anderem durch fehlenden Tourismus

Von ihrer Kundschaft erfahren die La Résistance-Gastronom*innen viel Solidarität und Unterstützung, gemeinsam mit dem Versprechen, sich mehr Take-Away zu holen. Doch das bessert die Restaurantkasse nur bedingt auf: Acht von zehn der befragten Gastronom*innen gaben an, seit der ersten Wiedereröffnung einen Umsatzverlust von bis zu 70 Prozent gemacht zu haben. Über die Hälfte der Gastronom*innen teilten die Meinung, dass der fehlende Umsatz auch mit dem fehlenden Tourismus zusammenhängt.

Gute Noten von der Stadtpolizei

Bei der Umfrage gaben zudem 25 Prozent an, nach der Schliessung von der Polizei kontrolliert worden zu sein. Von den Gesetzeshüter*innen habe es durchgehend Lob gegeben. Eine Résistance-Gastronom*in meint: «Die Polizei war hochanständig, war einige Male im Betrieb und hat immer gefragt, ob sie irgendwie helfen können. Sie haben uns alles Gute gewünscht und sie seien jederzeit für uns da. Die Polizei war eine Hilfe, keine Kontrolle, sehr positiv!»

Bund lockert Härtefallbedingungen

Um den Gastrobetrieben unter die Arme zu greifen, hat der Bund nun die Bedingungen für die Härtefallhilfe gelockert. Wie 20 min berichtet, kriegt neu jeder Betrieb, der mehr als 40 Tage schliessen musste, als Härtefall; dies auch ohne Nachweis von Umsatzverlust. Umsatzrückgänge von 2021 können von nun an auch geltend gemacht werden. Die Obergrenzen für A-fonds-perdu-Beiträge werden auf 20 Prozent des Umsatzes bzw. 750'000 Franken je Unternehmen erhöht. Für die Härtefallprogramme stehen insgesamt rund 2,5 Milliarden Franken zur Verfügung, wovon der Bund gut drei Viertel trägt. Dieser Betrag, so Bundesrat Maurer, werde nicht reichen und müsse noch aufgestockt werden.

Auch wenn die Gastronom*innen bis Ende Februar noch ein wenig ausharren müssen, ist die Lockerung der Härtefallbedingungen schon mal ein Licht am Ende des Tunnels. Für die Gastronom*innen bleibt zu hoffen, dass sie schon bald wieder Gäste in ihrem Lokal empfangen dürfen. Um es in den Worten eine*r Gastronom*in zu sagen: «Lasst uns einfach arbeiten und unseren geliebten Beruf ausüben!»

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