Die Jagd auf Richard Wolff: ziemlich postfaktisch

Postfaktisch – das Unwort der vergangenen Wochen – lässt sich an der Jagd auf Stadtrat Wolff (#Wolffsjagd) ziemlich gut beschreiben: Nur weil etwas immer wiederholt wird, wird es zwar nicht wahrer – und doch beginnt man es für wahr zu nehmen.
01. November 2016
Chefredaktor

Fünf Personen beschweren sich bei der Polizei 170-mal über Lärm auf dem Kochareal. Zufällig (?) erfährt dies der Tagi, bringt den Lärm in Verbindung mit Richi Wolff (AL) und seinen Söhnen, die auf dem besetzten Areal wohnen sollen und kommt zum Schluss: Wolff ist nicht mehr tragbar.

Der Chefredaktor der ehemals linken Tageszeitung der Stadt fordert den Rücktritt eines Stadtrats. Nicht einmal die SVP oder die FDP, die natürlichen Feinde von Wolff, gehen soweit. Sie wären mit einem Departementswechsel zufrieden. Soweit die öffentlichen Verlautbarungen.

Warum der Tagi freiwillig so weit nach vorne prescht und sogar die NZZ rechts überholt, ist unklar. Auch für den AL-Vordenker Niggi Scherr ist die Tagi-Position nicht zu erklären. Auf dem Parteiblog schreibt er: «Warum aber eine Zeitung wie der Tagesanzeiger, die immer noch einen bescheidenen Rest ihres Rufs zu verlieren hat, sich auf Weltwoche-Niveau an dieser politisch motivierten Wolffsjagd beteiligt und diese aktiv befeuert, bleibt weiterhin ein Rätsel.»

Die Gründe für die Wolffsjagd lagen von Beginn an nicht auf dem Kochareal. Richtig ist viel mehr, dass diese inszenierte Lärmbelästigung von den Bürgerlichen genutzt wird, um Richi Wolff noch vor den Gesamterneuerungswahlen 2018 aus dem Amt zu drängen. Bei der Ersatzwahl hätten bürgerliche Kandidaten grössere Chancen und könnten im Jahr darauf als Bisherige wieder antreten.

Das alles passt zum Masterplan der Achse FDP-SVP-NZZ-Tagi: Die linke Front im Stadtrat soll geschwächt und der SP das Stadtpräsidium entrissen werden. Oder in den Worten der NZZ: «Die bürgerlichen Wahlstrategen haben Wolff längst als schwächstes Glied im rot-grünen Block markiert und schiessen bei jeder Gelegenheit drauflos

Ob die Strategie dieses Theaters aufgeht, darf bezweifelt werden. Obwohl er von fast allen Seiten heftig unter Beschuss steht, denkt Wolff nicht an einen Rücktritt und bezeichnet im Interview mit dem Tagi die Angriffe als das, was sie sind: der Auftakt zum Wahlkampf.

Mit tatsächlichen Problemen hat die Debatte wenig zu tun. Und doch können die postfaktischen Zeiten auch Tatsachen schaffen: Wolff musste das Kochareal-Dossier an den Grünen Leupi abgeben. Und dieser nahm am Dienstag vor den Medien den Wind aus fast allen Segeln. Die Lärmsituation habe sich seit den neuen Regeln von Anfang Oktober klar verbessert: Trotz sieben lauten Partys ist es nur zu einer weiteren Lärmklage gekommen. Zudem haben die Koch-Leute 25'000 Franken für Wasser, Strom und Kaution bei der Stadt hinterlegt. Auch die weiteren Verhandlungen zwischen den Besetzern und dem Stadtrat laufen derart gut, dass Leupi in der Medienmitteilung schreibt: «Keine Räumung auf Vorrat.»

Weniger Lärmklagen und die guten Verhandlungen mit den Bewohnenden des Koch-Areals gehen auf die Kappe des viel kritisierten Wollfs. Dass dieser die Situation beruhigen und das Dossier an Kollege Leupi abgeben konnte, dürfte es den Kritikern schwierig machen, die Intensität der Wolffsjagd aufrecht zu erhalten.

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Titelbild: Screenshot/Tagi

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