Von Emilio Masullo

Projektleiter

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2. Juni 2022 um 21:00

Die Geschichte von Weimar: Vom Sans-Papiers-Kind zum Sozialarbeiter

Weimar Arnez ist als 9-Jähriger in die Schweiz gereist. Als Sans-Papiers-Kind. Geblieben ist er bis heute. Erfolgreich.

Weimar Arnez im Basler Bahnhof, wo er 2006 als Sans-Papiers-Kind angekommen ist. (Foto: Emilio Masullo)

«Cheers gäll». Es ist ein lauer Vorsommerabend vor der Markthalle in Basel. Mir gegenüber sitzt der 29-jährige Weimar Arnez. Er streckt mir seinen Ausländerausweis entgegen. Darauf lese ich: Einreisedatum 1. November 2006. «Offiziell lebe ich seit 16 Jahren in der Schweiz. In Wirklichkeit war ich schon vier Jahre länger hier». Angekommen ist Weimar als Sans-Papiers-Kind. Als Kind ohne gültige Aufenthaltsbewilligung. Ohne die Sicherheit, bleiben zu können. 

«Der Begriff Sans-Papiers ist irreführend», erzählt Weimar. Er impliziere, dass Sans-Papiers keine Ausweispapiere besitzen. Dies sei oft aber gar nicht der Fall. Was sie nicht haben, sei eine gültige Aufenthaltsbewilligung. Auch in seiner eher linken Bubble habe es immer wieder Menschen gegeben, die sich zwar für Sans-Papiers eingesetzt haben, aber gar nicht genau wussten, was der Begriff eigentlich genau bedeutet. 

Die Angst vor der Polizei

Weimar war neun Jahre alt, als er mit seiner Schwester und in Begleitung von Flight-Attendants von Bolivien nach Paris geflogen ist. Dort wurden sie von einer Freundin ihrer Mutter abgeholt, die sie mit dem Zug bis nach Mulhouse brachte. Von Mulhouse wurden sie mit dem Auto bis nach Basel über die Landesgrenze gebracht.  «Eigentlich war es Menschenschmuggel», erinnert sich Weimar zurück. Die Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt schon länger in der Schweiz.

Lange war ihm nicht bewusst, dass er ein Sans-Papiers-Kind ist. Und trotzdem hat er sehr schnell die Verhaltensweisen seiner Mutter übernommen. Verhaltensweisen, die sich Sans-Papiers aneignen, um nicht aufzufliegen. So wechselten sie zum Beispiel jeweils die Strassenseite, wenn ihnen Angehörige der Polizei entgegen kamen. Auch mieden sie stark frequentierte Orte wie zum Beispiel den Bahnhof in Basel. 

Versteckt leben

Der sichere Hafen der Familie war ihre Wohnung, die sehr klein war. Die Dusche befand sich in der Küche. «Heute würde ich die Wohnung von damals als Grüswelwohnung bezeichnen», erzählt Weimar. Gemietet wurde sie von Schweizer Freund:innen. Sie selber hätten dies nicht machen können. Denn als Sans-Papiers hat man keine Berechtigung, auf einer Bank ein Konto zu eröffnen oder eine Wohnung zu mieten. Dies war auch der Grund, weshalb die Mutter von Weimar die monatliche Miete für die Wohnung jeweils Bar mit einem Einzahlungsschein auf der Post bezahlt hat.

«Unter Sans-Papiers kursiert oft der Gedanke, dass wenn mehr Menschen ausgeschafft werden, die eigenen Chancen steigen, eine Bewilligung zu erhalten.»

Weimar Arnez

Weimar und seine Schwester lebten ein anderes Leben als viele Kinder in ihrem Alter. So war die Mutter oft schon nicht mehr zu Hause, als sie aufstanden. Und auch den 25-minütigen Schulweg inklusive Tram- und Busfahrt mussten sie selbstständig in Angriff nehmen. Von der Ankunft in der Schweiz bis zur ersten Schulstunde von Weimar dauerte es nur ein paar wenige Wochen. In der Fremdsprachenklasse sass er neben Kinder aus Albanien, Kongo, China oder Australien. Und alle hatten das gleiche Ziel: Deutsch zu lernen und möglichst bald eine Regelklasse zu besuchen. Von der Primarschule ging es für Weimar dann weiter in die Sekundarschule. «Diese Zeit war irgendwie schon crazy.» Warum? Er erzählt, dass er zu diesem Zeitpunkt gar noch nicht wirklich Deutsch gesprochen habe, obwohl er eine normalen Klasse auf der Sekundarstufe besucht hat. Ich höre Weimar gedankenversunken vor sich hin flüstern: «Wie das überhaupt funktioniert hat?» Das weiss nur er. 

Der Wendepunkt 

2006 klingelte die Polizei bei der Familie und meldete sich über die Gegensprechanlage. Bevor die Mutter die Polizei reinliess, gaben sie der Sans-Papiers-Anlaufstelle Bescheid, damit diese sofort ein Härtefallgesuch stellen konnte. Denn es bestand zu diesem Zeitpunkt  die Gefahr, sofort ausgeschafft zu werden. Weimar erzählt, dass die Polizei wahrscheinlich von einer anderen Sans-Papiers-Person einen anonymen Typ erhalten habe und so auf die Familie aufmerksam wurde. Solche «Denunzierungen» würden ab und zu vorkommen. Denn unter Sans-Papiers kursiere oft der Gedanke, dass wenn mehr Menschen ausgeschafft werden, die eigenen Chancen steigen, eine Bewilligung zu erhalten. Wahrscheinlich hätte sie die Hoffnung gehabt, gewisse Arbeiten der Mutter von Weimar übernehmen zu können. «Diese Überlegungen sind jedoch paradox und kompletter Blödsinn», meint Weimar. Denn eine bestimmte Anzahl von Gesuchen, die akzeptiert werden, gibt es nicht. Jedes Härtefallgesuch ist ein Einzelfall. «Solche Ereignisse führen dazu, dass Sans-Papiers sehr oft misstrauisch gegenüber anderen Personen sind», führt Weimar weiter aus. 

Vom gemütlichen Leser zum Rebell


«Ich habe das Champions-League-Finale verpasst», erinnert sich Weimar. Denn bis zum definitiven Entscheid, ob das Härtefallgesuch angenommen wird oder nicht, musste seine Familie in eine andere Wohnung ziehen. Ohne Fernseher. Nach sechs Monaten bekamen sie Bescheid, dass sie bleiben dürfen. Dies brachte Veränderungen im Leben der Familie mit sich. Und veränderte auch das Leben von Weimar nachhaltig.

Davor war er oft zu Hause, las viel und war eher ruhig. Doch dann fing Weimar plötzlich an, zu rebellieren. In der Schule legte er die Schuhe auf den Tisch und lernte nicht mehr. Plötzlich hatte Weimar andere Prioritäten im Leben und kostete seine neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen aus. Mit negativen Folgen. Weimar musste die Klasse wiederholen. Und auch in die nachfolgende Fachmittelschule kam er vorerst nur provisorisch. Das kratzte an seinem Ego. Weimar wollte allen beweisen, dass er es packen kann. Hat er dann auch.

Danach ging es für ihn weiter an die Hochschule für Soziale Arbeit, welche er 2022 abgeschlossen hat. Heute arbeitet Weimar als Sozialarbeiter bei der Sozialhilfe Basel-Stadt. Hier komme er mit verschiedensten Lebensschicksalen in Kontakt. Seine eigene Geschichte helfe ihm dabei, den Menschen empathisch zu begegnen und war ein Grund, wieso er Sozialarbeiter wurde. «Es liegt aber noch so viel Arbeit vor uns», sagt er. Vor allem bei der Frage, wie man mit Sans-Papiers umgehen soll.

Züri City Card: Ein Schritt in die richtige Richtung

Ein Schritt in die richtige Richtung sei gerade in Zürich passiert. Die Abstimmung für den Rahmenkredit der Züri City Card wurde am 15. Mai mit knappen 51,7 Prozent angenommen. Weimar, der in seiner Bachelorarbeit über die Einführung einer solchen City-ID-Card und deren Wirkung auf die Teilhabe von Sans-Papiers geschrieben hat, meint:

«Die Züri City Card löst die Probleme nicht, ist aber ein wichtiger Schritt.» Denn sobald die Karte in Zürich tatsächlich benutzt wird, habe dies für Sans-Papiers eine massive Auswirkung auf die Teilhabe am alltäglichen Leben. Allein schon, dass sich Sans-Papiers damit freier bewegen können, sei sehr wichtig. Damit würde sich ihre prekäre Lebenslage verbessern, wären sichtbarer und müssten in der Stadt Zürich weniger Angst haben, jederzeit festgenommen zu werden. 

Das Wichtigste sei aber, dass die Sans-Papiers mit der Züri City Card besser geschützt seien. Geschützt gegenüber psychischer, physischer und sexueller Gewalt. Denn wenn heute eine Sans-Papiers-Person ausgeraubt wird oder einen sexuellen Übergriff erlebt, ist es für sie schwierig, Schutz zu suchen oder Anzeige zu erstatten. Wenn sie dies machen würden,könnten sie schlussendlich selber verhaftet werden. Oder auch wenn ein Lohn nicht ausbezahlt werden würde, könnten sie diesen schwer einfordern. All diese Probleme könnten mit einer solchen Karte teilweise aus dem Raum geschafft werden, erzählt Weimar. 

Mit der Züri City Card seien die Sans-Papiers zwar nicht Bürger:innen mit einem geregelten Aufenthalt. Sie seien dadurch aber besser geschützt und sichtbarer. Doch das Hauptproblem für ihr prekäres Leben sei der irreguläre Aufenthalt, welches Probleme über sämtliche Lebensbereiche bringe. «Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und es ist vor allem ein Zeichen», sagt Weimar zum Abschluss des Gesprächs.

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von JournaFONDS recherchiert und umgesetzt.