Die Geschichte der Hanfläden in Zürich

Bis zum Beginn des neuen Jahrtausends gab es in Zürich dutzende Läden, in denen man THC-haltiges Gras kaufen konnte. Die Shops wurden zwar toleriert, ihre Besitzer nahmen aber stets das Risiko in Kauf, in eine sporadisch durchgeführte Polizeikontrolle zu geraten und die jeweilig saftigen Bussen zu bezahlen. Was hat sich seither geändert? Und warum? Ein retrospektiver Kommentar und Erfahrungsbericht über Gras und dessen gute alte Zeit in Zürich.
20. Februar 2017

Zürich, einstiges Mekka für Kiffer

In den 1990er Jahren explodierte in Europa der Konsum von Cannabis. Die klebrigen Blüten dieser – wenn geraucht oder zu sich genommen – berauschenden Pflanze wanderten aber nicht nur in Amsterdam tagtäglich über den Tresen. Ob in der Kalkbreite, in der Langstrasse, im Niederdorf oder in Oerlikon; Zürich war eine Hochburg für Kiffer und tolerierte den Verkauf von Cannabis in diversen Shops. Mandragora, Ambrosia, Ananda.

Was sich für einen Laien wie die Liste aus einem Lehrmittel in Biologie anhört, sind die Namen der Hanfläden, in denen man in Zürich mehr als zehn Jahre lang THC-haltiges Cannabis kaufen konnte. Das Betreiben eines solchen Shops war nicht gerade leicht. Weder die permanente Gefahr einer Polizeikontrolle, die Konfiszierung des im Laden vorhandenen Cannabis’ noch das damit unwiderruflich zusammenhängende Loch in der Ladenkasse schreckten die damaligen Betreiber*innen jedoch ab. Sie kalkulierten die jeweilig sporadischen Bussen durch die Polizei fest ein. Und da teilweise täglich ein Vielfaches dieser «Kosten» umgesetzt wurde und die Polizei wegen der Vielzahl an Läden und der starken Nachfrage gar etwas zu resignieren schien, entstand in Zürich ein regelrechtes Mekka für Kiffer.

Nicht selten wurde man auf der Strasse auch von Touristen aus Deutschland, Österreich oder Italien gefragt, ob sich in der Nähe nicht eventuell einer dieser Coffeeshops befinde, welcher mit diesen Duftsäckchen handle. Einige Shops tarnten sich als Videothek oder Kleiderladen und luden, nach einer kurzen Inspektion der zwanzig Exemplare von American Beauty oder der immer gleich bleibenden Auswahl an FUBU-Pullovern, ins Hinterzimmer. Andere warben offenkundig mit Hanfblatt und Kifferutensilien im Schaufenster. Bis heute lässt sich der Handel vieler dieser damaligen Betriebe nicht offiziell nachweisen. Einige wenige Überbleibsel, wie etwa Biotop oder Werners Headshop, leben heute noch und erstrahlen seit kurzem dank dem legalen und nicht berauschenden CBD-Gras in neuer Blüte.

Kultiviertes Cannabis: Eine ganze Stadt trägt die grüne Brille

Zurecht trauern heute viele Kiffer, die diese Zeit erleben durften, den goldenen 90ern nach, als das Mühsamste am Besorgen von Cannabis die langen Schlangen vor und in den Läden war. Die Shops; ein klares Pendant zum Vorbild aus Holland. Sie führten meist eine nette Auswahl an verschieden Gras- und Haschischsorten. Diese wurden vor dem Kauf auf einem Tresen ausgebreitet und konnten beschnuppert und begutachtet werden. Für 50 Franken erhielt man durchschnittlich 5 Gramm Gras oder 4 Gramm Hasch, wobei die Preise je nach Totalmenge und «persönlicher Beziehung zu den Betreibern» variierten. Stammkunden kauften teilweise günstiger ein oder erhielten Spezialangebote. Der Verkauf an Minderjährige war strengstens untersagt und dies wurde in den meisten Fällen auch eingehalten. Wer minderjährig war, konnte aber einfach jemanden vor dem Eingang fragen und mit etwas Glück erbarmte sich ein Kunde und besorgte einem ein Säckchen, auf Vorkasse versteht sich. Natürlich gerieten auch Kunden ab und zu in eine Kontrolle. Die Bussen für den Besitz und Konsum waren zu dieser Zeit zwar höher (Heute wird in Zürich der Besitz von Cannabis von bis zu 10g lediglich mit einer Ordnungsbusse von hundert Franken gebüsst). Die meisten Kontrollen der Polizei konzentrierten sich jedoch auf Produzenten und Händler.

Dass diese Shops existierten und florierten, bewirkte eine Steigerung der Qualität des Zürcher Grases. Nicht zuletzt weil viele der Betreiber ihr Weed selber produzierten oder produzieren liessen, nahm die Menge verschiedener Kreuzungen von Cannabis, jede unterschiedlich in Geschmack und Wirkung (Indica oder Sativa), stark zu. Unter dem Strich hielt die Auswahl an Sorten für jeden etwas bereit. Wer es lieber sanft mochte, kaufte einfach einen günstigen Hasch oder nahm das exquisite Angebot von «Outdoor» aus der Westschweizoder dem Tessin wahr. «Indoor», also in geschlossenen Räumen gezüchtetes Gras mit einem höheren THC-Wert und stärkerer Wirkung, entwickelte sich hingegen zum Verkaufsschlager. Die eigens in der Schweiz, oft auch in Zürich, gekreuzten Sorten hatten in der Szene gar über die Landesgrenzen hohen Bekanntheitsgrad. Auch in der eigentlichen Hauptstadt des Cannabis, Amsterdam, vernahm man vom Wachstum der «Community» in Zürich. Statt im Sommer nach der Arbeit mit Freunden ein Bier zu trinken, ging man schnell beim Grasladen des Vertrauens vorbei und rauchte an einem der zahlreichen Orte, an denen in Zürich damals öffentlich dem Konsum von Weed gefrönt wurde, einen Joint. Auf der Rentenwiese, auf der China-Wiese oder in der Roten Fabrik (Im Ziegel au Lac war es damals erlaubt zu kiffen). In Zürich, mit seiner idyllischen Art und seinen grünen Wiesen direkt am See und Blick auf die Alpen, machte das Kiffen Spass. Die grüne Brille schien kulturell in der Limmatstadt nicht nur toleriert, sondern akzeptiert.

Kriminalisierung oder rosarote Brille der Nostalgie?

Unklar ist, warum die Shops vor gut 10 Jahren alle geschlossen wurden. Die Ablehnung der Revision des Betäubungsmittelgesetzes im Jahr 2004 hat mit Sicherheit zur repressiven Strategie der Polizei beigetragen. Der Ständerat unterstütze damals die Revision mit 25:1 Stimmen. Im Nationalrat scheiterte die Vorlage aber. In Kifferkreisen kursieren zahlreiche weitere Theorien, welche die Schliessung der Shops begründen. Einige behaupten, die Shops seien wegen politischem Druck durch die Nachbarländer dem Untergang geweiht gewesen oder predigen andere Verschwörungstheorien. Dass nicht nur die Zürcher Shops sondern insgesamt über hundert der Läden, die schweizweit mit Cannabis handelten, sukzessiv durch Polizeikontrollen geschlossen wurden, obwohl sie vorher jahrelang geduldet worden und auf Teufel komm raus plötzlich alle zum Schliessen gezwungen waren, nährt hierbei sicherlich den Boden für irrwitzige Begründungen.

Tatsache ist, für die Politik bleibt Cannabis eine Droge, die verboten gehört. Es ist hierbei gleichwohl - genau wie mit jeder Diskussion über Drogen - nicht relevant, ob das Konsumieren von Cannabis gut oder schlecht ist. In der Schweiz ist Cannabis die meist konsumierte, illegale Droge und die Repression ändert daran nichts. In den 90ern schämte man sich wenigstens nicht für seinen Konsum. Denn plötzlich sah man, dass es noch viele andere gab, die sich auch gerne berauschten. Es war nicht nötig, sich zuerst am Weihnachtsessen zu besaufen, um sich dann endlich vor seinen Vorgesetzten als Kiffer outen zu können, sondern man traf den Chef bestenfalls kurzerhand in einem der süsslich duftenden Läden.

Und während heute die CBD-Shops wie Pilze aus dem Boden schiessen und Cannabis für den Konsument nur noch ein Kavaliersdelikt ist, werden die letzten Idealisten, die Produzenten und Händler, hart für ihre Überzeugung bestraft. Darunter leidet vor allem die Qualität von Cannabis, dessen handelsüblicher Preis in Zürich momentan ein Rekordhoch verzeichnet. Gutes von schlechtem Gras zu unterscheiden, fällt indes vielen schwer. Die Repression zwingt den Kleinkiffer letztlich, sein Gras selbst anzubauen und damit wiederum mehr Risiko einzugehen. Die Gründe für die Fahndung nach Kiffern, die ihr Gras selbst züchten, sind ebenso unklar, wie die Handhabung mit dem Handel seinerzeit. Jeder Kiffer, der an die damalige Zeit zurückdenkt, sieht sie aber auch oft durch die rosarote Brille der Nostalgie. Auch damals gab es Missstände wie geldgierige Ladenbesitzer, mafiöse Strukturen im Handel mit Cannabis oder der zu wenig effiziente Jugendschutz. Repression führt dennoch immer zu Kriminalisierung. Politik und Polizei verdrängten das Kiffen schlussendlich in die Keller und Hinterzimmer, in die dunklen Ecken der Langstrasse und die halbprivaten Fumoirs von Zürich. Wer heute am Bellevue einen Joint raucht, muss innert kurzer Zeit mit einer Polizeikontrolle rechnen. Bleibt nur zu hoffen, dass die gute alte Zeit, als Hanfläden in Zürich gebilligt wurden, irgendwann wieder aufblüht.

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