Die Gentrifizierungsgegner: Vom Hipster bis zum Langstrassen-Original

Die Aufwertung stösst auf Widerstand. So zog am 11. November 2017 ein Demonstrationszug durch die Kreise 4 und 5. Doch wer denkt die Gentrifizierungsgegner*innen seien bloss ein Haufer schwarz vermummter Chatoen, der irrt sich. Eine Beobachtung.
04. Januar 2018

Autor: Andrin Käfer

«Jetzt komme ich nicht mal durch die Stadt. Gegen was demonstrieren diese scheiss Chaoten wieder?», ärgert sich ein junger Mann mit gepflegtem Bart und Baseballmütze. Er ist ahnungslos. Wie so manche an diesem Tag. Ein Demonstrationszug steht an der Kalkbreite und bejubelt ein riesiges Transparent, das von der Überbauung runter hängt.

Zuvor hatte sich der Demonstrationszug gegen die Gentrifizierung am Röntgenplatz eingefunden. Die Polizei markiert vereinzelt Präsenz, da die Demonstration nicht genehmigt wurde. An einem Fenster hängt ein Banner mit der Aufschrift «Besetzt». Die anwesenden Demonstrant*innen könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind unscheinbar, andere verdecken mit Sonnenbrille und Mütze ihr Gesicht. «Kommt alle her, die Bullen sind auch schon da», schallt es aus dem Megafon. Alle kommen: vom 19-Jährigen Hipster mit aufgemaltem Anarchiesymbol bis hin zum 60-Jährigen Langstrassen-Original.

Die Tannenbaum-Gentrifizierung

Ein mit Lautsprecher ausgestatteter Wagen kommt herangerollt. Sogleich entzündet feurige Latino-Musik. Einige tauen bei dem bissigen, kalten Wetter auf und beginnen, zu tanzen. Die Stimmung gleicht einem Strassenfestival. Der Tannenbaum ziert unterdessen ein Demo-Schild: «Gentrifickt euch selber!».

Der verzierte Tannenbaum mit Demo-Schild

Die Musik verstummt. Man kommt vom warmen Strassenfestival zurück in die Realität des kalten November-Tages. Eine Frau beginnt mit der ersten Rede – es ist still. «Über einige Zwischenstopps werden wir zum Helvetiaplatz gehen», erklärt sie. Die Rede endet in einem gemeinsamen «A! Anti! Anti-Capitalista!». Die Menge kommt in Stimmung. Man marschiert los. Es offenbart sich, dass es nicht nur um die Aufwertung der Quartiere geht, sondern auch gegen den Kapitalismus.

Am ersten Stopp wird sogleich die nächste Rede gehalten. Unterdessen rennt die schwarz gekleidete Gruppierung mit Einkaufswagen von Wand zu Wand, um diese mit Flugblättern zu bekleben. Andere werfen ihre Flyer in die Briefkasten der umliegenden Gebäude. «Alles Allen!» wird auf jede freie Flächen geschrieben.

Des Klebers besten Freunde

Als die farbenfrohe Gruppe am Viadukt vorbeiläuft, sind die Passant*innen erstaunt und verwirrt zugleich. Zur eigenen Sicherheit flüchten einige in die schützenden Läden des Viaduktes. Eine junge Frau mit Fischermütze, langer grüner Jacke und einem Velo mit Korb, bleibt draussen stehen. «Das Anliegen gefällt mir und ich finde es gut, dafür auf die Strasse zu gehen», erzählt sie. «Nur die sinnlose Zerstörung wie an der Europaallee stört mich.» Man gibt auch ihr einen Flyer. «Ich versuche ohne Abfall zu leben», erzählt die junge Frau. Daher gibt sie das zweiseitig beschriebene A4-Blatt einem Demonstranten zurück. Flugblätter mit dem Titel «Besetzt» werden derweil an jede freie Stelle geklebt.

Weiter geht es Richtung Langstrasse. Auch hier werden die Schaufenster beklebt. «Geht doch besser mal arbeiten!», schimpft derweil ein älterer Mann. Fortan läuft er mit, um das Ganze zu beobachten. Er trägt eine blaue Kappe und einen beigen Mantel. Er läuft gebückt, was ihn allerdings nicht daran hindert, energisch zu sein. Die Menge schenkt ihm keinerlei Beachtung.

Nun wollen die schwarzen Anti-Gentrifizierer das Fensterglas eines kleinen Velohändlers mit «Besetzt» bekleben. Doch von der Innenseite des Ladens mahnt der Ladenbesitzer bereits mit dem Zeigefinger. Er wird ignoriert. Erst als der ältere Velohändler in seinem grauen Werkstattmantel herausgerannt kommt, lässt man ab. Dieser bleibt draussen und beobachtet weiter.

Durch die Lautsprecher schallen weitere Reden. Sie richten sich an die Stadt. Es heisst, dass durch die Aufwertung die Langstrasse ihre Einzigartigkeit und Varietät an Menschen verliere. Diese schätzen die Zürcher*innen doch so. Man vergleicht das Ganze mit der Europaallee, bei der die ärmeren Mitbürger*innen den hohen Mieten weichen mussten.

Der schwarze Zirkus

An der Langstrasse angekommen, wartet bereits ein grosses Polizeiaufgebot. Ein Polizeiauto übernimmt die Spitze des Demonstrationszugs. Doch man lässt sich nicht beirren. Weitere Demonstrant*innen kommen hinzu, die in der Menge ihre Transparente zusammenbauen. Der ältere Mann von vorhin taucht wieder auf und schimpft: «Ihr wollt doch eh nur alles zerstören».

Vor der Unterführung zündet ein Mann, mit einer schwarzen «Schutzausrüstung», eine Petarde in der Menschenmenge. Es bildet sich ein Kreis um das Leuchtfeuer. «Schon ein bisschen unnötig so in der Menschenmenge», ärgert sich ein Demonstrant. Ungeachtet zündet man in der Unterführung weitere Petarden. «Alle müssen warten!», johlt man und meint damit die Autofahrer wie auch die Polizei. «Eusi Stadt, eusi Quartier! Weg mit de Yuppis, weg mit de Schmier!», singt man anschliessend. Die Polizei riegelt alle Nebenstrassen ab. Ein Wasserwerfer fährt auf. Die Stimmung wirkt angespannt, man ist bedrängt.

Unterführung Langstrasse

Die Schreibfeder und die Eisenstange

Schliesslich wird vor dem Hiltl gestoppt, der offensichtliche Feind in den Augen der Organisatoren. Die Geschichte des Restaurants wird erzählt und sogleich die eigene Haltung zum Unternehmen mitgeteilt. Die Informationen wurden wohl vorher mit Feder und Tinte manifestiert. Sie werfen dem Hiltl unter anderem vor, dass das Restaurant Prostituierte mit seiner Werbung verunglimpfe. Es verspreche, den Leuten zu helfen und sei schlussendlich doch nur aufs Geld aus.

Plötzlich tritt ein Vermummter vor das Restaurant heran und will die Scheibe mit Steinen zerstören. Diese prallen jedoch ab und treffen andere Demonstrant*innen. Wütend wenden sie sich an den Vermummten: «Hey! Hört doch auf, das bringt eh nichts!». Die Situation droht, zu eskalieren. Nach dem glücklosen Versuch bemüht sich ein Weiterer vergebens, das Fenster einzuschlagen – mit Hilfe einer Eisenstange einer Baustellentafel. Doch es funktioniert nicht. «Spinnst du eigentlich?», ruft ein Angestellter. Sichtlich verzweifelt beschriften die Vermummten kurzerhand die Aussenwände.

Die Polizei bringt sich in Position. Panik breitet sich aus, die Situation ist unklar. «Keine Panik, geht einfach weiter», schallt es durch die Lautsprecher der Organisator*innen. Die Polizei greift nicht ein. Die Lage beruhigt sich wieder. Die Demonstrant*innen laufen weiter Richtung Kalkbreite. Dort wird am Wohnblock ein riesiges Transparent mit der Aufschrift «Besetzt»vom Dach heruntergehängt. Blaue Petarden werden entzündet.

«Einige sind friedlich – andere wollen Krawall.»

Die letzte Haltestelle, der Helvetiaplatz, ist erreicht. Jetzt hat jeder noch die Chance, etwas zu sagen. Ein junger Medizinstudent, die Kleidung würde man eher einem Kunststudenten zu ordnen, ergreift die Gelegenheit. Seine Rede ist eine Zusammenfassung des eigentlichen Grundes der Demo gegen die Gentrifizierung der Langstrasse. Die Menge applaudiert und jubelt. Die Frage kommt auf, ob man keine Angst habe, durch die Chaoten falsch verstanden zu werden. «Bei solchen Fragestellungen kommt immer eine grosse Varietät von Leuten zusammen», sagt er. «Einige sind friedlich und andere wollen nur Krawall machen. Das kann man nicht kontrollieren. Trotzdem muss man auf die Strasse gehen, um für seine Anliegen zu kämpfen».

Ob die Demo durch die Zerstörung den gegenteiligen Effekt hervorgebracht hat, bleibt offen. Die Hoffnung, dass sich etwas ändert, verliert der junge Student allerdings nicht. Dann löst sich die Versammlung langsam auf und es kehrt wieder Ruhe ein rund um die Langstrasse.

Doch was hat die Demonstration am Ende bewirkt? Alleinig die Zerstörungswut hat für mediales Echo gesorgt – das Wesentliche, das Anliegen der Anwohner, ging jedoch vergessen. Dessen ungeachtet, schreitet die Gentrifizierung der Stadt voran.

Titelbild: Andrin Käfer

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