Die Dame mit den Klemmbrettern: Unterwegs mit dem Zürcher Original

Annegret Moser ist täglich auf den Strassen von Zürich unterwegs und sammelt Unterschriften, damit auch die nächsten Generationen eine Zukunft haben. Wir haben die hartnäckige Dame begleitet und einiges aus ihrem Leben erfahren.

Annegret Moser und ihr Velo machen Zürich unsicher. (Foto: Carolin Teufelberger)

«Grüezi, ich sammle Unterschriften. Möchten Sie unterschreiben?», Annegret steht in gebückter Haltung vor einem Bistrotisch im Aussenbereich des Zürcher Café Lang. Die Schwäbin in ihr ist nicht zu überhören. Ihr gegenüber sitzen zwei junge Frauen. «Kommt darauf an, wofür?», fragt eine der beiden zurück. «Aber natürlich!», entgegnet Annegret und stellt ihre Tasche auf einen Stuhl. Klemmbrett für Klemmbrett zieht sie hervor und beginnt, die mitgebrachten Initiativen und Referenden zu erklären: Mikrosteuer auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr, ein finanzierbares bedingungsloses Grundeinkommen, Bildung für alle.

Unzählige Male pro Tag wiederholt sich dieser Ablauf. «Mein Herz schlägt links-grün. Ich will, dass auch die nächsten Generationen eine Zukunft haben.» Dafür fährt die 77-Jährige mit ihrem Velo vom Limmatplatz über die Josefwiese und Bäckeranlage zum Helvetiaplatz und hält an Cafés und Parkbänken. «Ich muss meine Tasche abstellen können und die Leute sitzend erwischen, sonst bin ich zu langsam.»

Aufgewachsen im ländlichen Schwaben als zweitältestes von sechs Kindern hat sie bereits früh Verantwortung für andere übernommen. «Meine Idee war, nach der Volksschule aufzuhören und in einer Fabrik zu arbeiten, um meine Eltern zu entlasten. Mein Vater verdiente wenig, sodass auch meine Mutter neben dem Versorgen der Kinder arbeiten musste.»

Annegret Moser in ihrem Wohnzimmer voller Schulunterlagen. (Foto: Carolin Teufelberger)

Ihr Alter macht sich bemerkbar

Soweit kommt es aber nicht. Ihre Verwandten raten ihr davon ab und schlagen ihr vor, eine Ausbildung als Gemeindehelferin bei ihnen im Allgäu zu machen. «Nach der Lehre war ich sicher, dass Gott eine Erfindung der Menschheit ist», erzählt Annegret und lacht verhalten. Dann landete sie auf Umwegen in Berlin. So genau weiss sie das nicht mehr. Ihrem Gesicht ist anzusehen, wie sehr sie sich konzentriert. Ein-, zweimal blitzen Erinnerungsfragmente auf, die sie ellipsenartig zu fassen versucht, eine stringente Herleitung will ihr aber nicht gelingen. «Der Computer da oben», sie tippt sich auf die Stirn, «funktioniert leider nicht mehr so gut wie auch schon.»

Vier Termine musste ich mit Annegret ausmachen, bis das Gespräch tatsächlich stattfand. Wir haben telefoniert, E-Mails geschrieben und sind uns zweimal per Zufall wiederbegegnet, bevor wir uns schliesslich vereinbart trafen. Jedes Mal habe ich mich wieder neu vorgestellt, jedes Mal haben wir uns über ihre neuesten politischen Anliegen unterhalten, auch wenn ich anderes besprechen wollte.

In Berlin macht sie dann eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Mitten in der 68er-Bewegung findet Annegret, dass sie zu wenig von der Welt versteht. Also beginnt sie ein Studium der Pädagogik. «Ohne Abitur! Ich weiss nicht, wie das damals ging.» Ihr Lehrhunger zeigt sich in ihrer Einrichtung. Das kleine Wohnzimmer ist gefüllt mit Ordner, Hefter und Bücher. Das meiste davon Schulunterlagen. «Ich habe jahrelang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, unter anderem für Geflüchtete.» Erst kürzlich habe sie damit aufgehört, weil es ihr zu viel wurde. Schmerzen plagen sie. Nach längerem Sitzen kommt sie kaum mehr hoch. In ihren Händen macht sich eine Arthrose bemerkbar.

Den Trockenblumenstrauss hat Annegret vom Verein «Solinetz» aus Dankbarkeit bekommen. (Foto: Carolin Teufelberger)

Annegret holt Wasser, Saft und Nüssli. Dreimal geht sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Hilfe will sie keine, sie ist Gastgeberin. «Kann es sein, dass du auch aus dem Schwabenland kommst?», fragt mich Annegret. Meine Mama kommt aus Ravensburg, deshalb switche ich immer mal wieder in den Dialekt. «Auf de schwäbsche Eisebahne gibt’s gar viele Haltstatione: Schtuegart, Ulm und Biberach, Meckebeure, Durlesbach», stimmt sie auf einmal lauthals an. Wir beide lachen und schwelgen kurz in den eigenen Kindheitserinnerungen.

«Aus den Hunderten von Gesprächen ist noch nie eine Freundschaft entstanden.»

Annegret Moser

In Zürich ist Annegret seit 1980, nach 18 Jahren Berlin. Das weiss sie genau, bloss weshalb es gerade Zürich sein sollte, will ihr nicht mehr einfallen. Nur, dass sie hier erst wieder in ihren Beruf als Krankenpflegerin einsteigt, bevor sie an einer Schule für Sonderpädagogik unterrichtet. In Zürich lernt sie auch ihren Ex-Mann kennen. «Wir sind schon lange geschieden, Kinder haben wir keine. Ich konnte nicht und er wolle nicht adoptieren. Jetzt hat er aber einen Hund. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.» Auch zu anderen Freunden und Verwandten hat Annegret nur selten Kontakt. «Dafür bin ich bei einer Gesprächsgruppe dabei, die sich regelmässig trifft.» Und sie ist viel unterwegs.

Selbstbewusst, aber nie aufdringlich versucht Annegret die Leute von ihren politischen Anliegen zu überzeugen. (Foto: Carolin Teufelberger)

Mahnende Worte zur Zukunft der Welt

Annegrets Bühne ist nicht das Wohnzimmer, so steigt sie täglich aufs Velo. «Die Stange ist ein wenig zu hoch für mich, aber ich habe einen Trick. Ich stelle mich einfach auf den Randstein, dann geht’s», führt sie ihren Trick vor dem Haus vor. Das mit dem Unterschriften sammeln mache sie, seit sie in Rente ist. Vielleicht auch schon vorher. Die Unterlagen sucht sie sich selbst zusammen, ruft bei den jeweiligen Initiativkomitees an oder geht selbst vorbei. Ihr wichtigstes Werkzeug ist der Drucker, der neben einem kleinen Schreibtisch steht. Die Unterschriftenbögen muss sie kopieren, den Rest hat sie im Kopf.

«Wo soll’s hingehen auf unserem Planeten mit diesem Ungeziefer Homo sapiens sapiens, der so viel Schaden anrichtet. Der Sapiens sapiens, der doch weiss, was er da tut, macht unsere Erde kaputt. Der Mensch und im Speziellen auch die Wirtschaft wüssten ja eigentlich wie’s geht. Solange aber das Geld die Welt regiert, tut sich da nichts», wiederholt sie mantrahaft. Geht es um ihre Überzeugungen, gerät Annegret nicht ins Stocken. Schwankend zwischen Empörung und Unverständnis erhält ihre Stimme eine ungeahnte Kraft. Sobald sie das Thema Geld anspricht, richtet sich ihr Zeigefinger wie ein Miniatur-Mahnmal auf.

Nicht jede Initiative kommt bei den Leuten gleich gut an. Einige Klemmbretter schleppt Annegret wochenlang mit sich herum. (Foto: Carolin Teufelberger)

«Grüezi, ich sammle Unterschriften. Möchten Sie unterschreiben?» Annegret hat nur noch einen Tisch im Café Lang vor sich, auf dem keine vollen Teller stehen. Beim Essen stört sie die Leute nie. Dreimal wird höflich abgelehnt, zweimal werden alle drei Initiativen unterschrieben. Nur einmal wird sie komplett ignoriert, als sie einen Tisch wiederholt vorsichtig grüsst. «Unflätig oder aggressiv ist nie jemand, aber natürlich gibt’s viele, die abwinken. Am schwierigsten sind die älteren Herren, die setzen dann oft zu Monologen an.» Ihre Zurückhaltung stört sie selbst aber auch. «Aus den Hunderten von Gesprächen, die ich bereits geführt habe, ist noch nie eine Freundschaft entstanden. Besonders schön wäre es, wenn sich einmal wieder ein Mann für mich interessieren würde. Aber ich frage die Leute ja auch nie etwas von mir aus.»

Eine Serviceangestellte kommt auf mich zu, während Annegret den letzten Tisch bearbeitet: «Hallo, wofür machst du Fotos?» Ich erzähle ihr kurz die Geschichte von Annegret. «Ja, ich kenne sie. Ich habe in der Autonomen Schule Deutsch gelernt. Sie hat dort unterrichtet und ist oft hier im Café, um Unterschriften zu sammeln. Ich heisse Leticia.» Annegret kommt zu uns herüber. Es ist das erste Mal, dass die beiden miteinander sprechen. Leticia ist aufgeregt, Annegret etwas überfordert. Es geht ihr zu schnell. Immerhin stellen sie sich einander vor. Annegret wird sich morgen nicht an Leticia erinnern, wenn sie mit ihrer Tasche unter dem Arm wieder von Tisch zu Tisch zieht.