Die Bioabfall-Odyssee oder warum ich jetzt Mitglied der Kompostgruppe bin

Weil ich meinen Kompost nicht mehr halb-illegal in einer nahen Siedlung entsorgen will, kümmere ich mich nun um einen Gemeinschafts-Kompost.
23. August 2017

Karottenschalen oder Apfelbitzgi in den Hauskehricht werfen? Da kannst du auch Petflaschen auf das Altpapierbündel binden und Batterien in die Kleidersammlung schmeissen. Meine Mutter brachte mir schön früh bei, dass alle kompostierbaren Überreste in den grünen Kübel und nicht in den Abfallsack gehören. War der Kompostkübel gefüllt, trug ich ihn das Treppenhaus hinunter, um die Hausecke zu einem etwa ein Meter zwanzig hohen Zylinder aus Gitter mit Plastik ausgekleidet. Ich hielt den Atem an und schüttete den Inhalt auf die sich zersetzenden Objekte, worauf nicht selten Nacktschnecken und anderes Getier herumkrochen. Eklig fand ich höchstens den Geruch, der im Sommer besonders intensiv war. Die ersten 18 Jahre meines Lebens wohnte ich in St.Gallen und kompostierte alle abbaubaren Küchenabfälle und gedachte das auch nach dem Umzug nach Zürich zu tun. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass sich das Entsorgen von Kompost in Zürich als so aufwendig herausstellen würde...

Kompostieren in St.Gallen: easy!

Die Odyssee
Zuerst wohnte ich an der berühmt-berüchtigten Ecke Militär-Langstrasse. Die Wohnung des Jugendwohnnetz (Juwo) lag gleich über einer Bar. Vor dem Haus nichts als Asphalt und darauf leere Bierdosen und Zigarettenstummel. Hinter dem Haus ein Innenhof mit Veloständer und einem Container für Abfallsäcke. Von Kompost-Container keine Spur. Dennoch sammelten wir den Bioabfall separat im Kompostkübel auf der Fensterbank, vor allem um keine Drosophila in der Küche zu haben. Brachten wir den Züri-Sack nach draussen, kippten wir vorher den Kompost dazu. Nach einem Jahr zog ich nach Wipkingen in eine Siedlung der Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP). Und siehe da: Neben dem Abfallcontainer stand ein grüner Container für Küchenabfälle. Mein Öko-Herz schlug höher. Es folgten zwei Jahre fröhliches Kompostieren und der Füllstand des Containers verriet uns, dass wir nicht die einzigen Kompost-Freaks in der Siedlung waren. Eine Siedlung, wo zu jener Zeit keinesfalls nur Kefir essende Hippies mit selbstgestrickten Wollsocken, sondern vorwiegend Studierende wohnten. Die BEP hat in all ihren Siedlungen auf Stadtgebiet Bioabfall-Container platziert – wie sie auf Nachfrage mitteilt. Es sei ein Entscheid der Siedlungsgenossenschaft gewesen, diese zur Verfügung zu stellen. Der Hauptgrund: Etwas für die Umwelt zu tun. Die BEP reinigt die Container regelmässig, geleert werden sie vom Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ).

Ein Bioabfall-Container des ERZ

Seit fast 20 Jahren bietet ERZ eine Abfuhr von pflanzlichem Gartenabfall für Haushalte an. Erst 2013 kam die Abfuhr von Bioabfall dazu. Bioabfall meint pflanzlichen Gartenabfall, Küchenabfälle und Speisereste. Wo die Zürcher*innen diese vorher entsorgt haben? Wer keinen eigenen Garten mit Kompost hatte, warf sie in den Hauskehricht. Das Bioabfall-Abo vom ERZ kostet für den kleinsten Container mit 140 Liter Füllvermögen erschwingliche 130 Franken pro Jahr. Von März bis Mitte Dezember fährt das ERZ einmal pro Woche bei den Siedlungen vorbei, um die Container zu leeren, die restliche Zeit des Jahres zwei Mal. Laut dem ERZ sind in der Stadt Zürich zurzeit gegen 16 000 Abos gelöst, die von schätzungsweise rund 50 000 Haushalten genutzt werden. Der Zürcher Bioabfall wird im Vergärwerk der Biogas Zürich AG auf dem Areal Werdhölzli zu Biogas verarbeitet. Kompostieren, dabei weniger Züri-Säcke brauchen und erst noch Biogas produzieren: eine super Sache. Doch der Haken: Einfach als Mieter*in selbst ein Bioabfall-Abo abschliessen, geht nicht, die Eigentümer*innen des Grundstücks müssen damit einverstanden sein.

Die Kompost-Ausfahrt
Ich ziehe wieder um. Jetzt wohne ich im Kreis 3 in einem Haus der Gemeinnützigen Bau- und Mietergenossenschaft Zürich (GBMZ). Im Innenhof stehen Container für die Züri-Säcke und einen für Gartenabfälle. Von Kompost keine Spur. Ich erkundige mich per Mail bei der Genossenschaft nach einer Möglichkeit, Kompost zu entsorgen. Die Antwort: Im Jahr 2012 haben wir entschieden, keine Bioabfall-Container bereitzustellen. Der Grund: Sie sind nicht geruchsdicht. Die Verwaltung werde aber oft angefragt, ob und wann den Genossenschafter*innen ein Bioabfall-Container zur Verfügung gestellt wird und seit April 2016 läuft deshalb in einer anderen Siedlung ein Pilotprojekt. Falls sich das Bioabfall-Abo bewährt, soll es auch in meiner Siedlung eingeführt werden.
Das Fehlen des Kompostcontainers zwingt mich zu einer halb-illegalen Aktion: Ist mein Kompost-Kübel voll, setze ich ihn in mein Velo-Körbchen und fahre damit in eine Siedlung einen knappen Kilometer von meinem zu Hause entfernt. Dort im Innenhof steht ein leicht zugänglicher Bioabfall-Container, wo ich – wenn keiner hinschaut – meinen Bioabfall entsorge.

Auch ein Jahr später – im Juni 2017 – gibt es von meiner Genossenschaft noch keine Entscheidung bezüglich Bioabfall. Zudem können die Ausfahrten in meine Kompost-Zweit-Siedlung auch nicht ewig weitergehen: In nicht allzu ferner Zukunft muss diese Siedlung einem Neubau weichen. Kaum denkbar, dass dann der Innenhof noch frei zugänglich sein wird. Eine andere Kompost-Lösung muss her: Die Kompostgruppe Aemtlerstrasse. Auf deren Webseite steht: «In unserer langjährigen Kompostgruppe habt ihr Gelegenheit eure Küchenabfälle zu kompostieren und Komposterde für euren Garten oder Balkon zu beziehen.» Ich verabrede mich mit Claude Weill, der sich um die Administration der Kompostgruppe kümmert, damit er mich in die Geheimnisse derselben einführt.

Mitten in der Stadt: Das Plätzchen der Kompostgruppe Aemtlerstrasse

Zwischen dem Schulhaus Aemtler und dem Friedhof Sihlfeld befindet sich – nicht ganz leicht zu finden – ein von Mauern umgebenes Plätzchen. An der Wand wuchern Brombeeren und auf dem Boden Kürbisblüten. Claude ist seit zwanzig Jahren Mitglied in der Kompostgruppe, die momentan 30 Mitglieder zählt. Es waren mehr, als die Stadt noch keine Bioabfuhr anbot und nicht selten hängten damals Unbekannte ein Kompostsäckli von aussen an die Klinke, damit es jemand von der Gruppe auf den Kompost schmeissen möge... Früher bezahlten die Mitglieder einen Jahresbeitrag von zehn Franken, dieser wird momentan nicht eingezogen, weil genügend Geld vorhanden sei. Im Gegenzug dafür, dass die Mitglieder den Kompost dort entsorgen können, müssen sie zwei Mal im Jahr das Kompostgitter auf eine der drei sogenannten «Mieten», einen Komposthaufen, leeren. In einer Kiste befinden sich Schaufel, Haken und einen Ordner, wo man einträgt, wer wann was erledigt hat. Das kleine Areal gehört der Stadt, die Kompostgruppe muss keine Miete dafür bezahlen.

Claude überreicht mir den Schlüssel für die Gittertüre: Halb-illegale Entsorgungsaktion sind jetzt passé – meine Odyssee endet in der Kompostgruppe Aemtlerstrasse. Deren Mitglieder übrigens nicht nur für sich allein vor sich hin kompostieren, sondern sich zwei Mal jährlich auf einen Kompost-Zmorge und ein Kompost-Essen treffen...

Titelbild: Mein Kompost und ich auf dem Weg zum Bioabfall-Container

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