Die Antithese zu Youporn und Pornhub – die «Porny Days» sind zurück an der Langstrasse

Die Macherinnen im Interview
25. November 2015
Kommendes Wochenende feiern die «Porny Days» ihre dritte Ausgabe. Unter dem Motto «Sex Tells» werden rund 70 Filme zum Thema Sexualität, Liebe, Gender, Körperlichkeit und Pornografie im Riff Raff gezeigt. Nebst Filmen gibt es mehrere Performances, ein Konzert der «Sex Organs», eine Lesung und die Party im Kauz. Der Porny Brunch am Sonntag darf natürlich auch dieses Jahr nicht fehlen.

Wir trafen die Macher der «Porny Days» zum Interview.

Weshalb braucht es die Porny Days? Talaya: Unser Festival ist eigentlich die Antithese zum Porno – wo es um die schnelle Befriedigung im Privaten geht. Es ist wichtig, Sexualität und Alltag näher zueinander zu rücken. Die Porny Days schaffen dazu einen entspannten Rahmen.

Valerie: Der Umgang der Gesellschaft mit Pornografie ist sehr widersprüchlich. Einerseits sind wir sehr liberal, anderseits hält uns ein moralisches Korsett davon ab, frei über sexuelle Phantasien und Wünsche zu sprechen. Diese Lücke schliessen wir mit den Porny Days und schaffen so ein Klima der Offenheit und des Vertrauens.

Rona: Mit den Themen Sexualität, Liebe, Gender, Körperlichkeit und Pornografie entfachen wir eine Diskussion über unsere sexuellen Konventionen. Die Filme, die wir zeigen, sind sonst kaum in den Schweizer Kinos zu sehen,

Wie kommt ihr zu den Filmen, und nach welchen Kriterien stellt ihr das Programm zusammen? Rona: Inspiration holen wir uns vor allem an anderen Festivals, in Filmmagazinen oder wir bekommen Tipps von Freunden und World Sales Firmen. Zudem hatten wir dieses Jahrungefähr 130 Einreichungen. Da wir einen thematischen Schwerpunkt haben, müssen es nicht immer filmische Meisterwerke sein. Aber gute Qualität ist uns wichtig.

Valerie: Wir sind an einer  grossen Spannbreite an Filmen interessiert. Sie sollten einerseits ästhetisch, narrativ interessant, und gleichzeitig nicht zu konventionell sein.

Und wer schaut sich all diese Filme an? Rona: Wir sind ein Team von acht Personen, die sich die Filme anschauen.

Schaut man sich acht Stunden nonstop Filme über das Thema Sex an? Rona: Ja, das kommt vor. Manchmal sogar mehr.
«Ja, manchmal sind wir definitiv ein bisschen porned-out.»
Wie geht es euch dabei? Valerie: Nach jedem Film versuche ich mich wieder zu leeren oder auf die Default-Taste zu drücken, um dann wieder für etwas Neues frisch zu sein.

Talaya: Am «Porn Film Festival» in Berlin schauen wir jeweils einige Stunden pro Tag Pornos. Das ist zwar geil, aber manchmal haben wir schon eine Überdosis. Weil es dazwischen aber immer wieder Dokumentarfilme, lustige Überraschungen oder Animationen gibt, ist die Diversität gross genug, als dass es uns langweilig wird.

Rona: Ja, manchmal sind wir definitiv ein bisschen porned-out.

Gibt es auch Themen, die tabu sind? Valerie: Wir zeigen keine Filme, die menschenverachtend oder sexistisch sind. Aber wir sind offen für Filme, die sich kontroversen Themen widmen und sich auch gesellschaftlichen Tabus annehmen.

Dario: «Pervert Park», welchen wir dieses Jahr zeigen, ist ein Beispiel für eine solche Grenzzone. In diesem Dokfilm geht es um sexuelle Straftäter, die ihre Strafe verbüsst haben und jetzt als gesellschaftliche Outsider in einem Trailer-Park in Florida leben.

Rona: Teilweise konnte ich bei diesem Film nicht hinhören und musste mir die Ohren zuhalten. Es ist jedoch ein wichtiger Film und sehr einfühlsam gemacht. Der Film wird einem sicherlich in Erinnerung bleiben. Und das Filmemacher-Paar wird anwesend sein.

Wie sind die Reaktionen in eurem persönlichen Umfeld auf die Porny Days? Rona: Grob gesagt gibt es zwei verschiedene Meinungen, die stark vertreten und kritisch gegenüber uns eingestellt sind. Die einen finden es schlecht, dass wir Pornografie «verniedlichen» und dann doch nicht so viele Pornos zeigen. Die andern haben Berührungsängste mit dem Thema.

Freut sich denn niemand auf die Porny Days? Rona: Doch, klar! Es gibt zum Glück eine ganze Menge Leute, die sich jedes Jahr wieder auf unser Festival freuen. Inzwischen haben wir sogar ein paar Fans!

Screenshot: Thou Wast Mild and Lovely
Habt ihr euch schon mal überlegt den Namen zu ändern? Rona: (Lacht)  Ja! Für dieses Jahr hätte ich ihn gerne geändert. Es hätte uns sicher viel Arbeit erspart. Leider haben wir uns einfach zu wenig Zeit dafür genommen und hatten bis jetzt noch keinen Titel gefunden, der alle überzeugt hat. So sind wir immer noch beim alten geblieben. Ich denke, mit einem anderen Namen interessierten sich noch mehr Leute fürs Festival.

Talaya: Ich mag den Namen Porny Days, weil er für mich schon mit so vielen guten Erinnerungen verbunden ist und sich gut sagen lässt. Aber seit dieses Jahr der Name so offensichtlich dem Inhalt in die Quere gekommen ist, bin ich auch für eine Anpassung. Leider ist es, wie Rona sagt, wirklich schwierig einen guten Namen zu finden, der bissig, humorvoll, verspielt UND explizit ist.

Was mögt ihr besonders an eurem Festival? Talaya: Ich freue mich darüber, dass man sich in einem familiären, wohlwollenden, unvoreingenommenen und heiteren Rahmen von Hüllen und Vorstellungen befreien kann und - hoffentlich nachhaltig - inspiriert wird. Die Porny Days sind eine Feier der freien, menschlichen und individuellen Sexualität!

Dario: Dass wir mit unser Programm die hetero-normative Pornografie-Wand durchbrechen und auch Filme zeigen, die sex-positiv, queer und humorvoll sind.

Valerie: Es ist für mich besonders, dass es noch einen Charakter von „Cinema de Copains“ hat, was die Veranstalterseite betrifft. Aufgrund unserer Grösse sind wir sehr agil. Es hat viel Platz für Experimentelles. Zudem haben wir keinen Wettbewerb, was mir sehr am Herzen liegt, da wir Filmemacher nicht wegen Preisen anziehen wollen, sondern weil sie Teil der Porny Days sein wollen.
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Rona: Wir freuen uns, dem Publikum viele unvergessliche Filme, Performances und Events zu präsentieren und auf die vielen guten Gespräche mit den FilmemacherInnen und dem Publikum. Wir sind wie jedes Jahr sehr gespannt, ob das Festival Zulauf findet.

Filme, die man nicht verpassen darf? Valerie: «Exotica, Erotica, etc.», finde ich einen poetischen Film, welcher verschiedene Themen miteinander verbindet. «Mädchen die am Wege liegen», ein Erotikfilm der 70er Jahre, welcher übrigens im Kino Roland gezeigt wird, finde ich auch sehenswert. Und da gibt es noch den Experimentalfilmblock «Zürich macht sich frei», womit ich mich die letzten sechs Monate beschäftigt habe. Ich bin total gespannt, wie dies beim Publikum ankommt.

Talaya: Mir liegen vor allem die interaktiven Performances im Festivalzentrum am Samstagabend am Herzen – sowie der sehr explizite und doch total verspielte Block von Shine Louise Houston. Die Filme von Pink & White Productions sind für mich ein ausgezeichnetes Beispiel für zeitgenössische Pornografie und brechen mit jeglichen Konventionen. Und last but not least ist der Porny Brunch immer noch ein Herzstück des Festivals, wo man am Sonntag zusammen bruncht, Sexfilme guckt und diskutiert.

Performance von Evalyn Eatdith
Rona: Der Filmblock mit «Audition» und «After Eden» sind sehr gelungen – diese Filme hinterfragen Geschlechterrollen auf eine sehr subtile Weise. «Schnick Schnack Schnuck», ist sicherlich auch empfehlenswert. Ich sah diesen Film zum ersten Mal in Berlin am Porn Film Festival. Alle Vorstellungen waren total ausverkauft. Filmisch ist es keine Meisterleistung, doch der Humor kam sehr gut an und Cast & Crew sind sehr sympathisch. Zudem regt der Film auch zum Nachdenken an. Ich finde ihn erfrischend und bin gespannt, ob die pornografische Komödie auch in der Schweiz funktioniert.

Dario: Der Block «SEX WORK» bietet eine spannende Auseinandersetzung mit Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. «LATE NIGHT LOVE» bietet Platz für explizite, skurrile und wilde Kurzfilme. Und natürlich das Konzert der «SEX ORGANS» am Freitagabend!

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