Die AfD in Zürich? Darum geht es gar nicht mehr

Das Theaterhaus Gessnerallee plante eine Podiumsdiskussion mit Marc Jongen, einem federführenden Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD). Darauf folgte ein offener Brief mit der Forderung «der AfD keine Bühne zu bieten». Und nun überwiegt der Diskurs über den Diskurs.
07. März 2017

Es sollte sich um ein Experiment handeln. Um die Möglichkeit eines unmöglichen Dialoges. So dachte das Theater Gessnerallee und wollte am 17. März im Nordflügel Jörg Scheller (Kunstwissenschaftler und Journalist), Olivier Kessler (Liberales Institut), Laura Zimmermann (Operation Libero) und Marc Jongen (Alternative für Deutschland, AfD) aufs Podium bitten. Im Zentrum sollten Fragen erörtert werden: Was bedeuten Begriffe wie liberal, progressiv und reaktionär? Was ist der Unterschied zwischen populär und populistisch? Und ist die Renaissance der Rechtsnationalen eine Avantgarde-Bewegung? Doch die Einladung des Philosophiedozenten Jongen, der am unfertigen Manifest der AfD mitarbeitet und für mehr Zorn und Wut gegen andere Kultur und Ideologien steht, stiess auf Kritik.

So beschrieb Kaspar Surber in einem Artikel für die WOZ die vertretenden Personen sowie deren Haltung und fragte die Veranstalter*innen «ob auch erkennbar linke Positionen eingeladen würden». (Der ganze Artikel ist bei nachtkritik.de abrufbar: AfD trifft Libero)

Die Antwort darauf: «Die Idee zu der Veranstaltung entstand in Gesprächen zwischen Kathrin Veser (Dramaturgin Gessnerallee) und Christopher Kriese (Neue Dringlichkeit) und in einem Email-Austausch zwischen Christopher Kriese und Jörg Scheller (LINK). Die Veranstaltung ist keine Werbeveranstaltung irgendeiner der auf dem Podium vertretenen Positionen, sondern ein Experiment mit der Fragestellung, inwieweit der Dialog zwischen linken und rechten und zwischen konservativen und progressiven Positionen möglich ist. Wir sind uns dessen bewusst, dass das Podium nicht ausgewogen besetzt und nicht für alle Positionen repräsentativ ist. Umso mehr freuen wir uns über eine rege Beteiligung aller und weiterer Haltungen und Meinungen - vor allem im Publikum.»

Weitere kritische Stimmen folgten. Kevin Rittberger (Autor und Regisseur) äusserte sich auf nachtkritik.de: «Marc Jongen ist einer der raffiniertesten und klügsten Rhetoriker (Demagogen) in den Reihen der AfD. Sich ihn aufs Podium zu setzen und von einem E X P E R I M E N T zu sprechen, zeugt von Blauäugigkeit.»

Samuel Schwarz (künstlerischer Leiter der Digitalbühne in Zürich) bezog auf nachtkritik.de folgende Stellung: «Es ist für ein öffentlich subventioniertes Haus absolut inakzeptabel, dass die Gessnerallee ein solches Podium zusammenstellt, das einem rechtsextremen Hetzer wie Marc Jongen diesen Raum gibt – ohne erkennbar linke Gegenposition.»

Und dann kam ein offener Brief (der offene Brief ist ebenfalls bei nachtkritik.de abrufbar: Offener Brief). In diesem kritisierten etliche Unterzeichner*innen das Vorhaben der Theatermacher*innen und forderten «der AfD keine Bühne zu bieten».

Auch wenn das Theater Gessnerallee am 10. März ein offenes Treffen organisiert, in welchem über die geplante Veranstaltung diskutiert werden soll, die grosse, mediale Bühne wurde Jongen bereits geboten.

Zugegeben: Es gibt viel zu kritisieren und noch mehr zu diskutieren. Beispielsweise, ob ein Theaterhaus einen xenophoben Hetzer einladen darf, ob deshalb eine Veranstaltung abgesagt werden muss und vor allem wie mit einem von Angst getriebenen Diskurs über Meinungsfreiheit und Öffentlichkeit umgegangen werden soll.

Von einer Plattform zu sprechen, welche der AfD eine Bühne bietet, ist übertrieben. Es gäbe kein besseres Gefäss, um einen Philosophen, der für Stolz und Wut plädiert, einzuladen als die Gessnerallee – bewusst moderiert und mit weiteren Positionen, die ihre Haltung vertreten können. Denn es würde sich um einen Rahmen handeln, der kein breites Publikum, wie bei einer Fernsehübertragung, erreichen würden. Es wäre kein Wahlkampf, in welchem Parolen donnern und es wäre kein Ort, wo Besucher*innen ungefiltert der Wirkungsmacht eines Mannes mit verwerflichen Gedankengut zum Opfer fallen könnten. Nein, es wäre eine kleine, überschaubare Diskussion in einem subventionierten Theaterhaus – Jongen wäre hier auf feindlichem Terrain.

Die übermächtige Raffiniertheit, die beispielsweise Rittberger Jongen zuspricht, zeugt von Angst. Von solcher Angst, dass Zensur gefordert wird. Dieses vorauseilende und bereitwillige Eingeständnis, Jongen rhetorisch nichts entgegensetzen zu können, ist das eigentlich Beängstigende. Dem Populismus lässt sich nicht mit Sprechverbot begegnen. Ein solches legitimiert – in den Augen seiner Anhänger – nur Behauptungen von «linken Eliten» und «schweigenden Mehrheiten». Wird der Gegner weggedacht, so radikalisiert dieser sich in seinen eigenen Reihen. Gerade in Zeiten, wo Rechtsnationale eine Appropriation der Sprache betreiben und sich Begriffe wie «liberal» und «Avantgarde» aneignen, ist eine Konfrontation unabdingbar. Denn wird der Rhetorik der Rechten nichts entgegengehalten, zerstören sie die Sprache. Über was soll dann gesprochen werden, was soll kritisiert werden, wenn eine Auseinandersetzung nicht stattfindet? Eine Gesellschaft bildet sich zwar durch den Konsum anderen Meinungen, zugleich aber auch an deren Kritik und Reflexion.

Das Fragen nach einer erklärten Gegenposition, so wie sie Surber stellte, ist berechtigt und relevant. Gerne wird einem Extrem ein anderes Extrem entgegengesetzt. Stellt sich nur die Frage, wer denn im Duell Jongen Paroli bieten sollte und wie fruchtbar der Kampf «rechte Ecke» gegen «linke Ecke» wäre. Es ist die Mündigkeit des Publikum und aller Positionen, die in Frage gestellt wird, wenn nach einer erklärten Gegenposition oder nach Zensur gerufen wird. Möglicherweise wäre Jongens offenkundige Meinung, in einem Rahmen der Analyse, selbst die Diffamierung, die ihm zusteht.

Doch, um die Veranstaltung an sich geht es längst nicht mehr. Bereits etliche Zeitungen (Zeit, Focus, Tagesanzeiger) berichteten und besprachen den Fall; die angedachte Diskussion wurde zur medial geführten Diskussion über die Diskussion. Darin zimmerte genau der Schrei nach Zensur sowie das Anfechten der vertretenden Personen, die grösste Bühne. Sämtliche Empörung und sämtliche Kritik sei gerechtfertigt, doch diese hätte besser daran getan dem Widerpart ins Auge zu sehen und die eigene Meinung zu vertreten.

Das Gute daran ist, dass sich Kritik formierte, dass nun darüber gesprochen und geschrieben wird. Schade ist nur, unter welchen Umständen sie zusammenkam.

Zur Transparenz:

Jörg Scheller ist Dozent an der ZHdK und ich kenne ihn persönlich aus Seminaren, Christopher Kriese ist ein geschätzter Studienkollege aus meinen Bachelorstudium und Laura Zimmermann ist eine geschätzte Freundin.

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