Von Simon Jacoby

Chefredaktor & Verleger

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18. August 2022 um 10:58

Blonde Rastas am Röntgenplatzfest: OK setzt auf Dialog statt Abbruch

Seit dem Konzertabbruch in Bern läuft die Debatte um kulturelle Aneignung heiss und ist auch in Zürich angekommen. Wie reagieren Kulturveranstalter? Das Röntgenplatzfest versucht es trotz blonden Rastas mit Dialog.

Die Band Ambaroots spielt demnächst am Röntgenplatzfest (Bild: Screenshot Youtube)

In Bern wurde Mitte Juli ein Reggae-Konzert abgebrochen, weil sich mehrere Besucher:innen unwohl fühlten. Der Grund: Die Musiker waren keine People of Colour (POC), trugen Kleidung mit afrikanischen Mustern und hatten Rastas auf dem Kopf. 

Seither läuft die Debatte um den Umgang mit kultureller Aneignung heiss. War es richtig, das Konzert abzubrechen? Dürfen Weisse nur noch Ländler spielen? Wo kippt die Wertschätzung gegenüber einer Kultur in deren Ausbeutung? 

Fragen, die sich auch Zürcher Veranstalter:innen stellen müssen. Beispiel Streetparade: An der Lethargy-Party in der Roten Fabrik wurde Kritik laut, weil eine mutmasslich rassistische Figur als Deko aufgestellt worden ist. Das OK reagierte sofort, entfernte die Figur, entschuldigte sich in den sozialen Medien und kündigte Konsequenzen an. 

Auszug der Entschuldigung der Roten Fabrik auf Instagram (Bild: Screenshot Instagram)

Zweites Beispiel von der Streetparade: Eines der Lovemobiles fuhr mit dem Motto «Indianer» durch die Strassen, darauf tanzten diverse Raver verkleidet als «Indiander:innen», wie ein Video auf Twitter zeigt. Neben etwas Kritik in den sozialen Medien passierte nichts, die Organisator:innen reagierten weder vor noch nach der Streetparade. 

Debatte findet in einer kleinen Bubble statt

Diese beiden Beispiele zeigen: Die Debatte und die Sensibilisierung um die kulturelle Aneignung findet in einer kleinen linken Community statt (Brasserie Lorraine, Rote Fabrik), während der Mainstream (Streetparade) damit noch nicht viel anfangen kann. Diese beiden Beispiele zeigen auch, dass der Umgang mit entsprechenden Vorfällen unterschiedlich sein kann: Von sofortigem Reagieren bis zu völligem Ignorieren.

Das OK des Röntgenplatzfestes, welches von den linken Zürcher Parteien getragen wird, steht nun ebenfalls vor der Frage, wie mit kultureller Aneignung umzugehen ist. Denn auf dem Line-up ist die Band Ambaroots zu finden, deren Leadsänger blonde Rastas trägt. 

Darauf angesprochen reagiert das OK überrascht und dankbar, man habe sich bisher noch nicht damit befasst. Das Konzert absagen ist für die Veranstalter:innen keine Option, die Thematik ignorieren ebenfalls nicht. 

Röntgenplatzfest befindet sich im Lernprozess

In einem Statement, welches Tsüri.ch vorliegt, erklärt das OK, dass auch in Zürich rassistische Strukturen bestehen und weisse Menschen davon profitieren würden. «Leider tragen wir als Röntgenplatzfest (noch) nicht genügend dazu bei, diese Strukturen zu beseitigen.»

Das OK bestehe aussschliesslich aus weissen Menschen, «auf dem Podium am Samstagnachmittag werden nur weisse Menschen sprechen und auf der Bühne treten ausschliesslich weisse Menschen auf, wobei es sich zusätzlich bei der Mehrheit der Musiker:innen um cis-Männer handelt.» Dies müsse sich ändern.

Das Organisationskomitee befinde sich in einem Lernprozess und habe sich noch nicht zu einer einstimmigen Meinung durchringen können, «ob die Buchung einer Band, bei welcher der weisse Frontmann Dreadlocks trägt», mit dem Ziel eines inklusiven und offenen Festes vereinbar sei. Das OK trage die Verantwortung für die Buchung der Band und halte an dieser fest. 

Während die Brasserie Lorraine und die Rote Fabrik ad hoc gehandelt haben und die Streetparade mit dem «Indianer»-Wagen die ganze Debatte ignoriert, setzt das Röntgenplatzfest auf Dialog. Sollte sich jemand «aufgrund des Auftritts der Band ‹Ambaroots› unwohl fühlen und/oder den Bedarf haben, über die Thematik zu sprechen, können Sie sich gerne an eines der OK-Mitglieder wenden», heisst es in der Stellungnahme. 

Hobby-Band verdient kein Geld mit der Musik

Der Leadsänger Leo Kummer begrüsst den Umgang des Röntgenplatzfestes. Durch die proaktive Kommunikation könne dieser wichtige Diskurs geführt werden. Der Sänger hat sich vor 13 Jahren «Locks» gemacht – aus Stilgründen und auch, um «gegen jegliche Art von Diskriminierung ein Zeichen zu setzen». Etwas seltsam sei es schon, «wenn ich nun verdächtigt werde, rassistische Symbole zu transportieren». Doch: Er stelle sich der Diskussion und sei auch bereit, sich selbst zu hinterfragen und dazuzulernen. 

Die Frisur zu ändern sei bisher keine Option für Leo Kummer, auch die Absage des Konzerts stand für die Band nicht zur Debatte. Übrigens: Für die Band ist die Musik ein «riesiges Hobby», finanziell würden sich die Konzerte bei weitem nicht lohnen. Seinen angeborenen Privilegien ist sich Leo Kummer bewusst, doch von seiner Frisur habe er kaum profitiert. Eher im Gegenteil: Wird er darauf angesprochen, sei er meist mit negativen Vorurteilen konfrontiert. 

Das Profit-Machen sei ein wichtiger Punkt im Zusammenhang mit kultureller Aneignung, sagt Kulturwissenschaftlerin Jovita Pinto im Blick: «Von kultureller Aneignung spricht man, wenn eine dominante Kultur gewisse Aspekte eines benachteiligten Teils der Gesellschaft übernimmt, sie wieder verwendet und daraus Profit schlägt.»

Zu diesem konkreten Fall wollten mehrere angefragte Expert:innen keine Stellung nehmen. Wie das Fest-Publikum und Betroffene die proaktive Kommunikation des Röntgenplatzfestes goutieren und das Gesprächangebot nutzen, zeigt sich dann am Konzert vom 26. August.