🍹🎉Tsüri Fäscht🎉🍹

Illustration: Artemisia Astolfi

Der Weirdo in der Frauenbadi

Unsere Kolumnistin sonnt sich oben ohne auf dem Frauendeck des Oberen Letten – und wird danach von einem Mann angesprochen. Sie findet: «Als Frau im öffentlichen Raum von einem Mann angesprochen werden, ist ein bisschen wie eine unfreiwillige Escaperoom-Teilnahme.»
25. September 2021
Gründerin untamed.love

Es ist einer der wenigen schönen Sommertage in diesem Jahr. Nach vier wunderbaren Stunden auf dem Frauendeck im Oberen Letten mache ich mich auf den Heimweg und verlasse den Frauenbereich. Es dauert keine vier Sekunden und ich werde von einem Mann angesprochen: «Darf ich dir eine Frage stellen?», will dieser wissen. Ich erstarre eine Millisekunde lang. Als Frau im öffentlichen Raum von einem Mann angesprochen werden, ist ein bisschen wie eine unfreiwillige Escaperoom-Teilnahme. Wie entkomme ich der Situation möglichst schnell? Die Zeit läuft jetzt.

Zunächst gilt es das Setting zu durschauen. Aufgrund jahrelanger Erfahrung ahne ich bereits, worauf die Situation herauslaufen wird. Doch irgendwie glaubt man ja auch an das Gute im Menschen beziehungsweise im Manne und wer weiss, vielleicht will der Herr tatsächlich nur wissen, wo die Toilette ist. Ich setze meinen Weg zum Ausgang zielstrebig fort (Ein Pro-Tipp, den ich mir über die Jahre angeeignet habe, denn jedes Stehenbleiben könnte einladend verstanden werden).

Während ich noch überlege, ob ich den grünen Knopf (höflich bleiben), den roten Knopf (unhöflich abwimmeln) oder den blauen Knopf (ignorieren) drücken soll, spricht der Mann bereits weiter. Klassischer Anfänger:innen-Fehler von mir: Wie konnte ich davon ausgehen, dass mein Verhalten überhaupt einen Einfluss auf ihn hat?

«Warum gibt’s hier ein Bereich nur für Frauen?», fragt der Mann, während er neben mir in Gleichschritt verfällt. Oje. Entweder haben wir es hier mit einem äusserst naiven Exemplar zu tun oder mit einem besonders gewitzten Männerrechtler, der bereits die nächste Ungerechtigkeit gegen sein unterdrücktes Geschlecht wittert.

Vielleicht habe ich gerade einen besonders guten Tag oder einen besonders schlechten, jedenfalls vergisst die Womansplainerin in mir kurz das Ziel der Mission (möglichst keine Konversation mit dem Mann zu führen) und macht sich auf, ihm die Offensichtlichkeit zu erklären: «Weil wir in einer Gesellschaft leben, in denen Frauen von Männern oft ungewünscht angesprochen, blöd angemacht oder unangenehm angestarrt werden. Besonders in der Badi. Deshalb gibt es hier einen Bereich nur für Frauen. Damit wir unsere Ruhe haben. Damit wir oben ohne sonnen können, ohne angegafft zu werden».

Soll ich einfach kopfschüttelnd rauslaufen oder zu einer erneuten Erklärtirade ansetzen?
Jessica Sigerist

Der Showdown liegt nicht mehr weit entfernt, denn wir haben den Ausgang der Badi erreicht. Ob ich den Mann dort endlich loswerde oder ob er gewillt ist, in Badehosen neben mir durch die Stadt zu flanieren? Offenbar erkennt auch er, dass unsere gemeinsame Zeit bald ein Ende haben wird, denn er setzt zu seinem finalen Move an: «Also, falls du öfters hier bist, hast du Lust mal einen Kaffee zu trinken?» Ich bleibe etwas entgeistert stehen. Soll ich lachen oder weinen? Soll ich einfach kopfschüttelnd rauslaufen oder zu einer erneuten Erklärtirade ansetzen?

Da erklingt plötzlich eine triumphierende Melodie aus allen Lautsprechen der Badi. Konfetti rieselt auf uns nieder und zwei leicht bekleidete Frauen eilen herbei, um dem Mann einen Check zu überreichen. «Herzliche Gratulation!», ruft ein Moderator im karierten Anzug und klopft dem Mann auf die Schulter «Bravo! Es war nicht einfach, aber Sie haben es geschaftt! Durch nichts und niemand haben Sie sich von Ihrer Mission abbringen lassen! Sie haben sämtliche Signale der Frau so gedeutet, dass es zum Schluss nur eine mögliche Interpretation für Sie gab: Die Frau möchte unbedingt mit Ihnen Kaffee trinken! Sie sind ein echter Kerl!».

Männer in der ganzen Badi stehen auf und applaudieren. Ein älterer Herr in Speedos wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel. Der Mann nimmt strahlend den Check entgegen. «Gewinner des Patriarchats» steht da in grossen Lettern. Der Mann bemerkt nicht, wie ich mich leise zum Ausgang schleiche. Aber das ist auch nicht wichtig. Es ging hier nie im mich. Die Badi ist voll mit Frauen, die alle ganz bestimmt nur darauf warten, mit ihm einen Kaffee zu trinken.

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.

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