Der Unterschriftensammler vom Limmatplatz

Ein Porträt über jenen Menschen, der wohl landesweit am meisten Unterschriften gesammelt hat.
20. Juni 2017

Auf dem Limmatplatz. Ausser denen, die im Café Lang das Wochenende mit einer Stange beginnen, sind alle gestresst. Durchgangszone, aus der Tram in die Migros. Bela bleibt da, nah an den Velos, läuft zügig hin und her auf einer Fläche von vielleicht 5x5m. «Ich hätte da noch eine zweite Initiative!» Bela Gisin kennt man, sobald man ihn sieht. Man sieht ihn auf Facebook, wenn Sammelteams zusammenstehen. Man sieht ihn auf dem Limmatplatz, man sieht ihn beim Lochergut, man sah ihn früher beim Rigiblick oder auf der Josefswiese, bei schlechtem Wetter manchmal morgens am Bellevue. An einem Freitag im Juni hab ich ihn zum ersten Mal nicht nur gesehen, sondern auch länger mit ihm gesprochen. Auf dem Limmatplatz.

Bela, grad mit etwas zu viel Sonnencreme unter dem rechten Auge, ist professioneller Unterschriftensammler. Heute sammelt er gleichzeitig für die Transparenzinitiative (2 Franken pro Unterschrift), die Fair-Preis-Initiative (2.20 Franken pro Unterschrift) und die Wasserinitiative (1 Franken pro Unterschrift). Die meisten, die unterschreiben, unterschreiben alle drei. Die meisten, die unterschreiben, unterschreiben schon, wenn sie den Namen der Initiative hören.

Als ich Bela anspreche, fragt ihn gerade eine Politikerin der Grünen: «Machst du das eigentlich Vollzeit?» Sie kennen sich. Was Bela von anderen unterscheidet, die ihr Einkommen oder einen Teil ihres Einkommens mit bezahltem Unterschriftensammeln verdienen, ist, dass er nur für Anliegen sammelt, hinter denen er auch stehen kann. Er war ein politischer Mensch, aktives Mitglied der Grünen, bevor er zum ersten Mal einen Franken für eine Unterschrift genommen hat. Bis heute sammelt er auch dann für grüne Anliegen, wenn es kein Geld gibt. Und als Grüner betrachtet Bela die GLP sehr kritisch. Für deren Initiative «Energie- statt Mehrwertsteuer» ging er dann doch auf die Strasse. Er fand das Anliegen wirklich gut.

Bela ist mir nur schon deshalb sympathisch, da er quasi aus der Froschperspektive Gesellschaftsbeobachtung betreibt. So sei er bis vor ein paar Jahren zwischen 12 und 1 oft am Limmatplatz gewesen, aber mittlerweile seien die Leute zur Mittags- und Feierabendzeit so gestresst, dass gar niemand mehr zuhört. «Ab 5 Uhr gehe ich darum immer zum Lochergut. Da ist die Stimmung entspannter!»

Obwohl Bela schon ein 10-jähriges Rucksäckli an Sammelerfahrung hat, kann er nicht sagen, dass er seine Zukunft im Profi-Sammeln sieht, denn es gibt keinerlei Sicherheiten. Mal gibt es drei Monate gar keine Arbeit, dann wieder ausreichend. Ausserdem verlangt ihm die Arbeit manchmal viel Energie ab, etwa wenn Leute ausfällig werden, wie heute morgen, als Bela auf das «Nein» einer Passantin noch gesagt hat, dass er kein Geld wolle. Die Frau habe geschrien und ihm vorgeworfen, dass er nicht zuhöre. «Ich bin aber ziemlich sicher, dass sie mir nicht zugehört hat! Solche Menschen, die vor Aggression triefen, wirken dann in mir körperlich nach. Und dann werde ich auch aggressiv und das nervt mich, weil ich das nicht will.» Auch das Wetter mache es manchmal schwer. Denn bei gutem Wetter läuft es gut und dann ist die Versuchung in die Badi zu gehen, doppelt da. Dabei braucht es genau dann die Selbstdisziplin, um zukünftige und vergangene Regentage auszugleichen.

Kritisiert ihn niemand dafür, dass er Geld für diese Arbeit annimmt? «Nein. Manche Leute fragen nach, ob ich Geld dafür bekomme, wenn ich ihnen den zweiten Unterschriftenbogen zeige. Aber wirklich schlimm findet das niemand. Die meisten Leute sind froh, dass überhaupt jemand für diese Anliegen auf der Strasse ist.» Oft sind es Initiativen oder Referenden von kleinen Organisationen oder Parteien, für die Bela bezahlt wird und die seiner Haltung entsprechen. Es wundert ihn, dass mit der Transparenzinitiative für ein SP-Anliegen bezahlt wird. «SP lahmt» titelte der Sonntagsblick anfangs Mai zum Sammelstand: 55'000 Unterschriften waren bis April da, bis Mitte September müssen es 100'000 sein. Dazwischen noch Sommerferien. Das wird eng.

Obwohl er in den letzten Jahren politisch nicht mehr so aktiv war, ist Bela momentan in die Entwicklung einer eigenen, nationalen Initiative eingebunden. Eine Neuauflage der Stadt-Land-Initiative, die forderte und fordern wird, dass man nur noch dann Boden besitzen darf, wenn man darauf wohnt, arbeitet oder anderen günstigen Wohnraum zur Verfügung stellt.

Vorerst leistet er aber noch seinen Lohnarbeitsbeitrag für die Transparenzinitiative. Und wenn die SP im letzten Monat nicht auf Unterschriftenaufholjagd war, werden UnterschriftensammlerInnen wie Bela noch entscheidend sein. Bela ist überzeugt, dass die Initiative zusammenkommt. Die SP habe es noch immer geschafft und könne sicher noch ihre Mitglieder mobilisieren. Das hoffe ich als SP-Passivmitglied auch. So toll ich es auch finden mag, dass es Leute wie Bela gibt, die mit politischer Überzeugung Unterschriften gegen Bezahlung sammeln: Wenn es viele Belas gäbe (oder noch schlimmer: ein Monopolunternehmen, das die bezahlten SammlerInnen koordiniert), würde dies den Freiwilligen das Engagement madig machen. Deswegen muss man Bela leider wünschen, dass das bezahlte Unterschriftensammeln nicht zur langfristig gesicherten Joboption wird.

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