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Foto: Seraina Manser

Der Umbau zur grünen Stadt: Die Zukunft Zürichs im Wandel

Netto-Null bis 2040, ein neuer Richtplan und das kantonale Energiegesetz in der Pipeline – die Stadt Zürich will klimapolitisch vorwärts machen. Wie die Pläne aussehen und welche Hürden es noch zu überwinden gibt: Eine Spurensuche in der Zürcher Innenstadt.
27. Juli 2021
Redaktorin & Klima-Redaktorin

Kraftvoll strömt die Limmat unter der Brücke hindurch. An einigen Stellen tritt das Wasser über die Ufer, zerrt an den Grasbüscheln. Der dunkelgrüne Fluss bildet einen starken Kontrast zum stahlblauen Himmel, in welchen sich der Swissmill Tower wie eine graue Säule erhebt. «Das Hochwasser der vergangenen Woche ist eine direkte Auswirkung des Klimawandels», sagt Rahel Gessler, «dieser kommt uns viel teurer zu stehen als alle Massnahmen zur Umsetzung der Klimaziele zusammen.»

Die Umweltwissenschaftlerin war verantwortlich für die Entwicklung der Netto-Null-Strategie, welche die Stadt Zürich im letzten Frühjahr präsentierte. Zwei Jahre lang dauerte der Austausch mit Expert:innen und die Erarbeitung der Grundlagen und Zielsetzungen. Seit April ist klar: Die Stadt will bis ins Jahr 2040 die direkten Treibhausgas-Emissionen so weit reduzieren, bis die Bilanz bei netto null liegt. Klimaneutralität lautet das Credo. Gessler steht nach wie vor hinter der Entscheidung des Stadtrats, trotz den negativen Reaktionen der links-grünen Parteien, welche Netto-Null lieber zehn Jahre früher gehabt hätten.

Findet, dass die Stadtverwaltung wie auch die Bevölkerung ihren Anteil an den Klimaschutz leisten muss: Rahel Gessler. Foto: Isabel Brun

Öl und Gas sollen verschwinden

Die vorgelegten Klimaziele sind gemäss der Co-Leiterin der Geschäftsstelle Klimaschutz und Energie der Stadt Zürich auch so noch ambitioniert. Weshalb? «Weil die Erneuerungszyklen von Heizungen um die 20 Jahre betragen.» Viele Hauseigentümer:innen würden beim Ausstieg eines alten Heizsystems auch heute wieder eines mit fossilen Brennstoffen einbauen, oft aus Kostenüberlegungen, erklärt Gessler. Noch immer werden über 120’000 Heizungen im Kanton Zürich durch Öl oder Gas betrieben – 21’000 davon liegen auf Stadtgebiet. Mit Konsequenzen: 40 Prozent des CO2-Ausstosses im Kanton Zürich ist den Gebäuden verschuldet.

Ein Zustand, der auch von Baudirektor Martin Neukom bedauert wird. Bereits vor einem Jahr kündigte der grüne Regierungsrat an, das kantonale Energiegesetz anzupassen: Die Wärmeversorgung von Gebäuden soll frei von CO2; Öl- und Gasheizungen nur noch in Ausnahmefällen eingebaut, in Neubauten verboten werden. Geplant ist ausserdem, dass letztere ihre benötigte Elektrizität selbst erzeugen, beispielsweise mithilfe Solarpanels. Zwar hat der Kanton sein Netto-Null-Ziel erst auf das Jahr 2050 angesetzt, Neukom betont jedoch: «Wir müssen die Treibhausgas-Emissionen so schnell wie möglich auf null bringen. Am besten noch heute.» In der Realität sei dieser Wunsch illusorisch, denn politische Prozesse bräuchten Zeit.

Um Netto-Null bis ins Jahr 2050 zu erreichen, braucht es mehr Anstrengungen – und Regeln, die für alle gelten.
Martin Neukom, Baudirektor des Kantons Zürich

Das zeigt sich einmal mehr beim Energiegesetz: Was im Parlament durchaus mehrheitsfähig war – bis auf die SVP sprachen sich alle Parteien dafür aus – kommt bei vielen Hauseigentümer:innen nicht gut an. Was die Gesetzesrevision verlangt, sei ein «Zwang», würde zu Mietzinserhöhungen führen und die Wirtschaft verhindern, schreibt der Hauseigentümerverband Kanton Zürich (HEV) in seinem Referendumstext. Im Juni wurden die Unterschriften eingereicht, im November 2021 kommt die Vorlage vors Zürcher Stimmvolk.

Wie reif ist die Zeit?

Laut Neukom ist das Referendum einem Absenderproblem verschuldet: Viele Vorstandmitglieder des HEV Kanton Zürich politisieren für bürgerliche Parteien, der Präsident Gregor Rutz vertritt die SVP gar im Nationalrat. «Dass ich als grüner Baudirektor diese Gesetzesänderung beantragt habe, scheint bei der SVP eine Trotzreaktion auszulösen», so Neukom. Das Argument des Referendumskomitees, dass im Gebäudesektor bereits viel für die Umwelt gemacht werde, dementiert er zwar nicht, warnt aber: «Es reicht nicht, wenn ein paar einzelne Hauseigentümer:innen aus freiwilligen Stücken auf eine Öl- oder Gasheizung verzichten. Um Netto-Null bis ins Jahr 2050 zu erreichen, braucht es mehr Anstrengungen – und Regeln, die für alle gelten.»

Der grüne Baudirektor wird von den Medien auch «Klimaminister» genannt. Foto: Elio Donauer

Das Problem liege auch bei den Preisen: Heizsysteme, die mit erneuerbaren Energien funktionieren, sind in ihrer Anschaffung teuer. «Das schreckt viele ab», so Neukom, dabei seien die Kosten, die beim Einbau einer Wärmepumpe oder eines Fernwärmeanschlusses entstehen, auf die Lebensdauer betrachtet ungefähr gleich hoch wie bei einer konventionellen Heizung. Trotzdem wird in der Anpassung des Energiegesetzes auch die Kostenfrage thematisiert. Kostet die Neuanschaffung einer klimafreundlichen Heizung über ihr Leben gerechnet fünf Prozent mehr als eine Öl- oder Gasheizung, kann gemäss dem neuen Gesetz auf diese verzichtet werden. Förderbeiträge sollen den Rest regeln. Bereits vor einem Jahr stimmte der Kantonsrat einer Erhöhung ebensolcher zu, bei einer Annahme des Energiegesetzes würden diese nochmal um sieben Millionen pro Jahr aufgestockt.

Das fast hundertjährige Verwaltungsgebäude an der Limmat, in welchem Neukom sein Büro hat, müsste bei einer Annahme des Energiegesetzes bis ins Jahr 2050 klimaneutral beheizt werden. Die Umstellung sei bereits in Planung. Welche Auswirkungen die Anpassungen in der Realität haben, sieht man in anderen Kantonen. Bereits seit 2017 müssen Hauseigentümer:innen in Basel-Stadt ein klimafreundliches Heizsystem einbauen, wenn die alte Öl- oder Gasheizung aussteigt. Die Bilanz scheint gut: Im Jahr 2020 lag der Anteil erneuerbaren Energien bei neuen Heizanlagen bei 90 Prozent. Vor der Einführung des Gesetzes waren es gerade einmal 50.

Um Pionierarbeit handelt es sich bei Neukoms Neuerungswünschen also nicht. Auch deshalb gibt sich der 35-Jährige in Hinsicht auf die Abstimmung im Herbst zuversichtlich, und: «Das CO2-Gesetz wäre im Kanton Zürich angenommen worden.» Die Stadt stimmte mit 72,3 Prozent dafür. Trotzdem sei er nach den jüngsten Ereignissen achtsamer geworden. Offen bleibt, ob diese Vorsicht zum Entscheid beigetragen hat, die kantonale Klimastrategie vorerst noch unter Verschluss halten. Diese wird verbindlich vorgeben, wie der Kanton Zürich seinen CO2-Ausstoss auf netto null senken soll. Über den möglichen Einfluss der Strategie auf die Abstimmung über das Energiegesetz scheiden sich indes die Geister. So oder so kündigt Neukom an: «Es wird einen intensiven Abstimmungskampf geben.»

Der Weg zur Velostadt

Bei Rahel Gessler von der Stadt Zürich war die Enttäuschung gross, als das CO2-Gesetz von der Schweizer Stimmbevölkerung abgelehnt wurde: «Man hat den Abstimmungskampf der FDP überlassen.» Nach dem «Nein» im vergangenen Juni sei das Energiegesetz nun für die Erreichung des Netto-Null-Ziels wegweisend; «bei den Gebäudesanierungen und bei der Mobilität haben die Stadt und der Kanton die grössten Hebel.»

Seit sie ein E-Bike besitze, fahre sie nur noch damit durch die Stadt, «auch wenn ich noch nie so oft verregnet worden bin wie diesen Sommer», lacht Gessler. Heute scheint ihr die Sonne ins Gesicht, als sie ihr Fahrrad am unter dem Viaduktbogen abstellt. Ihre Worte werden vom Donnern des Zuges verschluckt. Wie sich Zürcher:innen in Zukunft in der Stadt bewegen sollen, war auch bei der Ausarbeitung der Klimaziele ein Thema, denn der motorisierte Verkehr ist für rund 30 Prozent der CO2-Emissionen im Kanton Zürich verantwortlich, sagen Studien. In der Stadt seien diese Zahlen zwar etwas tiefer, so Gessler, ergänzt aber: «Damit Netto-Null möglich ist, müssen die Behörden Rahmenbedingungen schaffen, in denen die Bevölkerung aus eigenem Antrieb vom Auto aufs Velo umsteigt, oder den öffentlichen Verkehr stärker nutzt.»

Die Stadt wird mit den Klimazielen ihre Aufgabe wahrnehmen. Doch ob jemand mit dem Auto, dem ÖV oder Velo unterwegs ist, entscheidet jede:r für sich selber.
Rahel Gessler, Umweltwissenschafterin

Wie das geschehen soll, steht unter anderem im kommunalen Richtplan geschrieben: Er legt fest, wie die städtische Fläche in Zukunft genutzt werden soll. Sieben Jahre dauerte es, bis eine konkrete Version des Siedlungsrichtplans vom Gemeinderat verabschiedet wurde. Gegen diesen Beschluss wurde nun das Parlamentsreferendum ergriffen, weshalb kommenden Herbst die Stadtzürcher Stimmbevölkerung darüber entscheiden muss. «Es ist jetzt ganz klar ein rot-grüner Richtplan», sagt Marco Denoth. Er ist seit 2019 Präsident der entsprechenden Kommission, welche für die Ausgestaltung zuständig war.

Will eine sozialverträgliche Klimapolitik: Der SP-Gemeinderat Marco Denoth. Foto: Isabel Brun

Was der Richtplan «richten» soll

Sein Blick schweift über den Platz. Die Sonne brennt auf den Asphalt. Eine Handvoll Kinder sucht im Brunnen Abkühlung, alle quietschen vergnügt. Velos fahren durch die 20er-Zone. Wer heute über den Bullingerplatz spaziert, kann sich kaum vorstellen, dass sich hier bis ins Jahr 2009 die LKWs, Autos und Motorräder stauten. Die Westtangente – die Hauptstrasse, welche den Zürcher Norden mit dem Süden verband – führte mitten durch die Innenstadt. Nach der Beruhigung wurde das Quartier aufgewertet, ein paar Bäume gepflanzt. Private verkauften ihre Häuser, dessen Werte stark anstiegen, nachdem der Russ der Abgase von den Fensterläden geputzt worden war. Gentrifizierung nennt man diesen Effekt. Für Denoth die Kehrseite der Strassenberuhigung, weshalb der Umgang mit der Verdrängungs-Problematik im neuen Richtplan klar geregelt sei. «Aufwertung wie hier am Bullingerplatz muss sozialverträglich sein», findet er. Das habe die Stadt damals versäumt.

Verdichtung ohne Verdrängung sei der Anspruch, den die Kommissionsmehrheit mit dem Richtplan verfolgen würde: Bis in 20 Jahren werden Szenarien zufolge bis zu 80'000 mehr Menschen innerhalb der Stadtgrenzen leben. Inwiefern das mit dem Klima korreliert? «Mit dem kommunalen Richtplan verfolgt man das gleiche Ziel wie der Stadtrat: Netto-Null bis 2040. Er ist das Regelwerk, das bei städtebaulichen Veränderungen zu Rate gezogen wird», sagt Denoth, dem Netto-Null 2030 als SP-Mitglied lieber gewesen wäre. Ausserdem sei die Stadt für ihn die ökologischste Lebensform.

Die Louis Vuitton kaufende Dame von der Goldküste hat mit ihrem SUV in der Zürcher Innenstadt nichts verloren.
Marco Denoth, Kommissions-Präsident und Architekt

Wie sieht Verdichtung in Zukunft aus? Welche Massnahmen verfolgt man zur Hitzeminderung? Und welche Parkflächen sollen zugunsten dem Veloverkehr weichen? Es sind Fragen, die mit dem Richtplan beantwortet würden. Auch der Bullingerplatz soll sich noch einmal verändern: In wenigen Jahren wird ein Teil des 100 Kilometer langen Velovorzugsrouten-Netzes hier durchführen. Nachdem im September 2020 die Stimmbevölkerung der Stadt «Ja» zur Velorouteninitiative gesagt hatte, habe man die Forderungen in den Richtplan mit einem breit abgestützten Velovorzugsroutennetz eingearbeitet, so Denoth.

Das Konzept sieht in den nächsten zwei Jahren vier Velovorzugsrouten vor. Von Altstetten in den Kreis 4, vom Kreis 7 nach Oerlikon, von Affoltern nach Oerlikon und von Zollikon in den Kreis 8. Bei einer wurden bereits Sofortmassnahmen getroffen: An der Baslerstrasse hat die Stadt 77 Auto-Parkplätze abgebaut. «Die Velovorzugsrouten gehen auf die Kosten der Parkplätze – aus logischen Gründen», so Denoth, denn um den Velos mehr Platz auf den Strassen zur Verfügung zu stellen, müssten erst freie Flächen geschaffen werden.

Zürich, das grüne Vorbild

Als selbständiger Architekt, der in der Nähe der Langstrasse wohnt und arbeitet, kenne er alle Seiten: Die des Velofahrenden, des Autofahrenden und des Fussgängers. An ein vollständig autofreies Zürich 2040 glaubt Denoth nicht, an die Velostadt Zürich schon. Und wird deutlich: «Die Louis Vuitton kaufende Dame von der Goldküste hat mit ihrem SUV in der Zürcher Innenstadt nichts verloren.» In einem Aspekt hat Denoth jedoch eine andere Meinung als die Mehrheit seiner Partei: Er bedauert, dass der Umgang mit Elektro-Autos nicht im kommunalen Richtplan festgelegt wurde: «Ich finde, man müsste öffentliche Ladestationen bis zu einem gewissen Grad zulassen.» Damit wenigstens die Autos, die bis ins Jahr 2040 noch in der Stadt herumfahren, nicht mit fossilen Brennstoffen laufen würden.

Wie schlecht Batterien für die Umwelt sind, darüber wird immer wieder diskutiert. Fakt ist, drei Viertel der CO2-Emissionen, die wir als Stadtbewohner:in verursachen, werden im Ausland produziert. Diese indirekten Emissionen, auch graue Energien genannt, entstehen bei der Herstellung von Gebäuden, Verkehrsmitteln und Konsumgütern wie Kleider oder Nahrungsmittel. Für Rahel Gessler ebenfalls relevant, und in der Verantwortung von Verwaltung und Bevölkerung: «Die Stadt wird mit den Klimazielen ihre Aufgabe wahrnehmen. Doch ob jemand mit dem Auto, dem ÖV oder Velo unterwegs ist, entscheidet jede:r für sich selber.» Die Gesellschaft trage den Wandel zur grünen Stadt mit – «damit Zürich als gutes Vorbild vorangehen kann», ergänzt Denoth.

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