Der Tsüri-Krimi: Rot ist eine langsame Farbe

Folge 1
01. Januar 2017

Sie mussten sich eng aneinander drängen, um das Farbenspiel zu bestaunen. Die künstlichen Feuerblumen leuchteten durch einen schmalen Spalt zwischen den Tannen. Bald erlosch die letzte.
»War’s das?« maulte Schmerolinchen und vergrub die Hände im Mantel. »Geizhälse.«
»Sei nicht so undankbar.« lachte Fabbä und kuschelte sich an Dave. »Es ist bereits nach drei Uhr. Ein Wunder, dass wir überhaupt was zu sehen kriegen.«
Dave küsste ihre kurzen Haare. »Ein noch grösseres Wunder, dass du Silvester endlich mal ausser Haus verbringst.«
»Solche Partys sind auch gemeingefährlich. Was die Leute alles herumliegen lassen.« Mit der Stiefelspitze schob sie Scherben vom Balkon.
Schmerolinchen holte ein Zündholzbriefchen aus ihrer tiefen Manteltasche, entzündete eins und schleuderte es in den dunklen Garten.
»Ich bin einfach froh, dass dieses grässliche Jahr endlich vorüber ist.« seufzte Fabbä.
»David, Leonard, Prince, Gene, Anton und ... George. Kann’s noch immer nicht fassen.« knurrte Schmerolinchen. »Nur dieser doofe Trump, der bleibt uns erhalten.«
»Also ich hätte den gewählt.«
»Sexist.« rief Fabbä und schlug auf Daves Oberarm.
»Der ist toll. Der macht das schon.«
»Ihr seid doch beide besoffen.« sagte Schmerolinchen und spickte ein weiteres Zündholz vom Geländer.
Dave hob eine Augenbraue. »Dafür bist du erstaunlich frisch.«
Sie schielte zum Beistelltischchen. Es war übersät mit leeren Flaschen, Champagnergläsern und Bierdosen. »Nicht besoffen ist nicht gleich nüchtern.« Das nächste Streichholz flog in die Nacht.
Fabbä grinste irritiert. »Dein neuester Tick?«
»Hab vor drei Tagen mit Rauchen aufgehört.« erwiderte sie gepresst, als ein Streichholz knickte. »Es hilft meine Nerven zu beruhigen.«
»Scheint nicht zu klappen.« lästerte Dave.
»Kommt noch.« Über ihren Köpfen explodierte ein Lichtblitz. Der Knall war so stark, dass sie das Zündholz fallenliess. Die Feuerblume liess sie jauchzen.
»Nicht so laut!« tadelte Fabbä.
»Was denn? Die Gegend ist praktisch ein Friedhof. Seht ihr diese dunklen Häuser dort drüben? Und die da? Die wurden vor Wochen geräumt. Bald weichen sie Genossenschaftswohnungen.« Sie kicherte böse. »Das nächste belebte Haus ist hunderte Meter weit weg und ein Altersheim.«
»Woher weißt du das?«
»Schon vergessen, für wen ich arbeite?«
»Für das absolut Böse. Aber hier in Wollishofen? So nah am See? Da würde ich auch gern wohnen.« Dave kippte den restlichen Champagner in seinen Rachen.
Was Schmerolinchen an ihren Durst erinnerte. »Frisches Blut ist auch dringend nötig in dieser stieren Nachbarschaft.« Sie spähte durch weit offenstehende Flügel in eine schummrige Küche, die es nicht ins neue Jahr geschafft hatte. Dahinter eröffnete sich ein finsteres Wohnzimmer. Es war niemand zu hören, nur geisterhafte Musik schwebte herüber. »Wessen Party ist das überhaupt?«
Auch Dave streckte den Kopf hinein. »Bö.«
»Wie bö? Du hast uns hierher gelotst.«
»Bin lediglich der Gruppe gefolgt, die wir an dieser anderen WG-Party getroffen haben.«
Schmerolinchen kniff die Augen zusammen. »Welche andere WG-Party?«
»Na die drüben in Wiedikon.« schmunzelte Fabbä. »War übrigens schon die zweite.«
»Daran hab ich keine Erinnerung. Und wo sind die alle hin?« Sie rief in die Wohnung. Niemand antwortete.
»Das kann doch nicht sein.« Sie stolperte durch die Küche und trat in den grossen Eingangsbereich. Ein langer Tisch war mit dreckigem Geschirr übersät. Zur Linken eröffnete sich hinter einem riesigen Regal die Sofaecke. Das Parkett war klebrig und ohne Weihnachtslichterketten hätte sie kaum was erkannt. Gäste waren eindeutig hier gewesen, und nicht wenige. Was gleichzeitig bedeutete, dass sie den ganzen Alkohol für sich alleine hatten. Sie trat vors Regal mit den edlen Flaschen. Sie schnappte sich jene mit dem schönsten Etikett, drehte die scheussliche Musik weg und hörte plötzlich Wasser rauschen.
Ein Schlüssel drehte sich und goldener Kunstschein legte sich quer über den Esstisch. Eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren trat aus dem Klo. Sie lächelte brüchig. »Hallo.«
Schmerolinchen liess die Flasche hinter dem Rücken verschwinden. »Hey ...« Ob die hier wohnte? Da half nur die Flucht nach vorn. Sie streckte ihr die Flasche entgegen. »Magst du uns auf dem Balkon Gesellschaft leisten?«
»Danke. Ich hab schon im Parterre Höhenangst.« Das Mädchen hatte gerötete Augen und überragte sie um einen Kopf. Es trat an ihr vorbei und fischte eine Cola aus dem Kühlschrank. Während es auf dem Handy zu tippen begann, stellte sich Schmerolinchen zurück auf den Balkon, wo sich Dave und Fabbä gerade heftig an den Gesichtern saugten.
Er liess von Fabbä ab und starrte dem Mädchen auf den Rücken. »Wer ist denn die?« flüsterte er.
»Die wohnt doch nicht etwa hier?« schob Fabbä nach.
»Passt irgendwie gar nicht hierher.« murmelte Schmerolinchen.
Die Plastikverkleidung der Neonröhre an der Decke löste sich und fiel halbseitig herab. Das Mädchen sprang beiseite, so sehr erschrak es sich.
»Lasst uns gehen Die Bude bricht gleich auseinander.« murmelte Dave und schob Fabbä in die Küche.
Da wurde eine Tür zugeschlagen und ein Schlüsselbund hingeschmissen. Schwere Stiefel trafen auf den Boden und eine Frau erschien in der Küche. Es war nicht klar, worüber sie sich mehr erregte; den Zustand der Küche oder dass sie Fremden gegenüberstand. »Du lieber Himmel. Was ist hier passiert?« krächzte sie. »Wart ihr das?«
»Wer bist du denn?« brummte Dave.
»Ich wohne hier!«
»Das könnte stimmen. Jemand erzählte mir, dass vor Mitternacht eine Gruppe die Wohnung verlassen habe, um das Feuerwerk zu sehen.« flüsterte Fabbä zu Schmerolinchen und setzte einen gequälten Blick auf. »Aber warum kommt die mir nur so bekannt vor? ...«
Die Frau wies auf das schräg herabhängende Küchenboard. »Wer hat das kaputtgemacht? Wer war das?«
»Auf das Möbel kommt’s doch nicht mehr an.« zischte Schmerolinchen. »Die Hütte wird sowieso bald abgerissen.«
Die Frau öffnete eins der Kästchen. Glassplitter rieselten auf die Kochplatten. »Aber auf die Kristallgläser. Die gehörten meiner Grossmutter.«
»Wenigstens hattest du eine Grossmutter.« Dave nahm Fabbä an der Hand und trat an der Frau vorbei. »Tja, Pech gehabt, Schneeflocke.«
»Ich rufe die Polizei!«
»Die kommt eh nicht.«
Das Gesicht der Frau wurde zur gehässigen Fratze. Hastig ergriff sie seinen Arm. Er riss sich los und sie taumelte rückwärts. Sie versuchte, ihren Sturz aufzufangen, drehte sich zur Seite, versuchte noch mit der Hand das Board zu erwischen. Doch ihr Gesicht schlug bereits auf. Mitten in die Steakmesser, die aus dem geöffneten Geschirrspüler ragten. Es klang wie eine Mischung aus berstenden Walnüssen und einer aufschlagenden Sahnetorte. Ihre Gliedmassen erschlafften augenblicklich und ihr Kopf begann langsam auszulaufen.
Sofort wichen alle zurück. Schmerolinchen hatte den Mund weit aufgerissen, während Dave und Fabbä den ihren zuhielten. Das Mädchen trat vorsichtig rückwärts zum Küchenausgang.
Schmerolinchen drehte ruckartig den Kopf. »Wo willst du hin?«
Das Mädchen wies auf den leblosen Körper. »Das tun, was sie gesagt hat. Die Polizei rufen.«
Dave richtete seine Brille auf sie aus. »Kommt nicht in Frage.« sagte er finster.
Das Mädchen erstarrte, während Schmerolinchen gebannt auf die grösser werdende Blutlache blickte. Sie hatte die Spitzen ihrer Turnschuhe beinahe erreicht.

Am Nächsten Montag folgt der zweite Teil ...

Zürich, Neujahrsmorgen 2017
5 real existierende Personen
3 Freunde
1 Tote
1 Zeugin

Rot ist eine langsame Farbe
Ein Tsüri-Krimi von Mike Mateescu
Der erste Tsüri-Krimi der Welt
In 4 Folgen
Exklusiv auf Tsüri.ch

Während des Tsüri-Crowdfundings im Oktober gab es unter diversen Angeboten auch massgeschneiderte Servicepakete der Redaktionsmitglieder zu kaufen. Als Schriftsteller versprach ich jenen fünf Unterstützer*innen, die sich für mein Paket entscheiden würden, die Hauptrolle in einem massgeschneiderten Krimi. Alle fünf würden als dramatisierte Versionen ihrer selbst in der Geschichte auftreten. Sie konnten frei wählen, ob sie zu den Guten oder den Bösen gehören. Sie füllten sogar Fragebögen aus, um einen hohen Wiedererkennungswert zu garantieren.
Nun liegt mit »Rot ist eine langsame Farbe« der welterste Tsüri-Krimi vor.
Er spielt in den frühen Morgenstunden des Neujahrstages 2017.
Vier blutige Folgen. Exklusiv auf Tsüri.ch

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