🍹🎉Tsüri Fäscht🎉🍹

Illustration: Artemisia Astolfi

Minimalismus als Statussymbol

Noch vor hundert Jahren galt der Besitz von unnötigen Dingen als ein Zeichen für grossen Reichtum. Mittlerweile ist das genau umgekehrt. «Die Abwesenheit von Besitz wird in der postmaterialistischen Welt zum ultimativen Statussymbol», stellt unser Kolumnist fest.
17. Juli 2021
Freier Autor

Der Minimalismus ist mittlerweile auch in der Oberschicht angekommen. Vor einem Jahr ist das Prosieben Galileo Team bis an den Zürichsee gereist, um dort einen Multimillionär zu interviewen, der sein gesamtes Hab und Gut in einen Besenschrank packen kann. Während die Kamera durch seine bescheidene Wohnung gleitet, erwähnt eine Off-Stimme immer wieder, wie reich der Bewohner ja eigentlich sei.

Natürlich hätte man dieselben Aufnahmen auch in der Wohnung von hunderttausenden anderen Menschen drehen können, doch dort wäre die Abwesenheit von Besitz keine einzige Fernsehminute wert. Tatsächlich ist Minimalismus umso interessanter, je wohlhabender die ihn praktizierenden Menschen sind. Niemand möchte einer Migrantin auf Lesbos beim durchzählen ihres Eigentums zuschauen. Reduktion ist nur dort spannend, wo die Leere gewollt ist. Je grösser darum der Kontrast zwischen Kontostand und Besitz, desto faszinierender.

Natürlich gilt das auch für leere Kleiderschränke und karge Bibliotheken. Diese spärlich befüllten Regale sind besonders beeindruckend, wenn das Modebewusstsein gross und der Bildungsabschluss hoch ist. Dies aus zwei Gründen:

Einerseits gewinnt dadurch das Wenige, was in diesen Regalen noch steht, an Bedeutung. Natürlich reduziert kein Mensch, der etwas auf sich hält, seinen Bücherbestand auf ein paar Krimis vom Bahnhofskiosk, einen Paolo Coelho-Bestseller und die Chroniken von Narnia. Diejenigen Bücher, die unsere radikalen Ausmist-Aktionen überleben, sind verstaubte Klassiker, die wir mal in der Schule gelesen haben, ein paar unberührte Kunstbücher und etwas zu Gender. Denn, und das dürfte nach anderthalb Jahren Zoom-Erfahrung niemanden mehr überraschen: Bücherregale sind Statements.

Andererseits symbolisiert Besitzlosigkeit heute einen hohen Status. Noch vor hundert Jahren galt der Besitz von unnötigen Dingen als ein Zeichen für grossen Reichtum. Mittlerweile ist das genau umgekehrt. Nur die Unterschicht hortet kaputte Fahrräder und alte Bananenkisten in der Erwartung, eines Tages froh darüber zu sein. Wir, die im Wohlstand aufgewachsen sind, leben hingegen in der angenehmen Sicherheit, solchen Ramsch bei Bedarf jederzeit anschaffen zu können. Und bis dahin bleiben diese Dinge unserer Wohnung fern.

Reduziere deine Wohnzimmermöbel auf ein rustikales Palettensofa im DIY-Look, ein elegantes Tischlein mit Magazinen drauf und einen bequemen Sessel zum Lesen.
DJ Restaurant

So wird die Abwesenheit von Besitz in der postmaterialistischen Welt zum ultimativen Statussymbol. Mit Fernsehern, Waschmaschinen und Induktionsherden (früher alles gängige Luxusgüter) beeindruckt man heute niemanden mehr. Wer sich hingegen den Luxus von leerem Raum leisten kann, wird bewundert. Darum sieht es bei uns allen zu Hause auch immer aus wie bei «Schöner Wohnen». Wir sind bescheiden – aber mit Stil.

Genau davon spricht die Politikwissenschaftlerin Elizabeth Currid-Halkett mit ihrer berühmten These der «sum of small things»: Materielle Bescheidenheit und die Reduktion auf wenige, dafür ausgewählte Dinge als Erkennungsmerkmal der neuen Eliten. Entsprechend angesehen ist es, wenn reiche Menschen «verzichten». Das gilt sowohl für Galileos Multimillionär vom Zürichsee wie für Elon Musk, der seit kurzem in einem günstigen Container-Haus lebt.

Wenn du also auch dazugehören willst: Miste aus! Lass deine Wände bis auf ein einziges teures Bild komplett leer und reduziere deine Wohnzimmermöbel auf ein rustikales Palettensofa im DIY-Look, ein elegantes Tischlein mit Magazinen drauf und einen bequemen Sessel zum Lesen (aber Achtung: die beiden Letzteren müssen Designprodukte sein!). Jetzt nur noch die Yogamatte und die Saftpresse vors grosse Fenster, dazu noch etwas Geplapper über Mindfulness und handyfreie Morgenstunden, und dein Yuppie Starter-Package ist komplett.

Kolumnist DJ Restaurant
DJ Restaurant glüht für gesellschaftliche Brennpunkte. Deshalb sinniert er als freier Autor und Kolumnist regelmässig über die kleinen Flammen des Alltags. Über die grossen Brände dieser Welt forscht er als Klimawissenschaftler an der Uni Bern. Abends ist DJ Restaurant oft in seinem Zürcher Musikstudio anzutreffen, wo er stundenlang an winzigen Knöpfen herumdreht. Seit er vor fünf Jahren ein Schwein hinter dem Ohr gekrault hat, träumt er von seinem eigenen Bauernhof. Wie naiv. Doch für nichts auf der Welt würde er seinen Leichtsinn hergeben.

Yuppie-Kolumne
Die neue urbane Elite wird in jüngster Zeit als aspirational class bezeichnet. Während früher teure Autos und schicke Uhren als Statussymbol galten, braucht es für die Aneignung moderner Statussymbole nicht viel Geld, sondern Insiderwissen. Billige Digitaluhren, zerrissene Hosen, Adiletten, wackelige Tattoos auf den Fingern, Drehtabak – alle diese Statussymbole sind nicht teuer. Ihre Träger:innen müssen sich aber das nötige Wissen für deren Aneignung erarbeiten. Gerade in einer so unglaublich wohlhabenden Stadt wie Zürich, wo sich die städtische Elite (und damit sind nicht bloss die Google-Mitarbeiter:innen aus der Europaallee gemeint) seit Kindesbeinen an alle Requisiten des «guten Lebens» leisten kann, sind solche neuartigen Statussymbole allgegenwärtig. Diesen Symbolen und Manifestationen möchte DJ Restaurant mit seiner Kolumne auf die Spur gehen.

Kommentare

Nöd Jetzt!