18. Juli 2022 um 04:00

Denkmal: mal denken #1: Die Zebras der Bäckeranlage

Alle sehen sie, doch kaum jemand kennt sie: Statuen, Monumente, Büsten. Zürich ist voller eindrücklicher Skulpturen mit spannenden Geschichten. In dieser Artikelserie gehen wir den Geheimnissen stummer Denkmäler auf den Grund. Teil eins: Wieso ein Winterthurer Bildhauer zuerst durch den thailändischen Dschungel stampfen musste, bevor er die Bäckeranlage in eine grünen Oase verwandelte.

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Die Pferde der Bäckeranlage gehören zu den meistfotografierten Motiven des Kreis 4. Dabei sind es gar keine Pferde, sondern Zebras und auch der Park rundherum war früher etwas völlig anderes.

Dieser Beitrag wurde am 5. Juli 2019 das erste Mal auf Tsüri.ch veröffentlicht. Im Rahmen einer Repost-Woche holen wir die Artikelserie «Denkmal: mal denken» aus dem Archiv.

1901 wird die Bäckeranlage als bürgerlicher Stadtpark eingeweiht, also als Rückzugsort für die gehobene Zürcher Bevölkerung. Gewundene Wege sollen zum Flanieren animieren, während gepflegte Sträucher und Bäume gut betuchte Zürcher:innen von der Strasse schützen. Strenge Geometrie statt einladende Architektur. Die Anlage ist ein Kuriosum inmitten des Arbeiter:innenviertels.

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Die historische Postkarte um 1910 zeigt die gutbürgerliche Parkanlage. (Foto: Stadt Zürich)

Da sie kaum genutzt wird, verwahrlost die Bäckeranlage schnell. Die einst adretten Hecken wuchern nun wild vor sich hin. Rund 40 Jahre später realisiert die Stadt ihren Fehler und baut den Park komplett um. Das überarbeitete Konzept heisst: «Volksgarten, Tummelplatz für breite Bevölkerungsgruppen». Ausser einzelnen Bäumen bleibt nichts übrig von der bürgerlichen Hochkultur. Der neue Park soll Schönheit und Harmonie ausstrahlen, grosse Wiesen werden angelegt, die zum Spielen ermuntern, und ein Wasserbecken rundet das Ganze ab.

1943 wird dann die Bronzeplastik «Zebragruppe» aufgestellt und die Bäckeranlage somit endlich zu dem Park, den heute so viele lieben und schätzen. Die drei tanzenden Pferde werden vom Winterthurer Bildhauer Rudolf Wening geschaffen. Die Darstellung exotischer Tiere ist Wenings Leidenschaft. Bevor er dem Kreis 4 die wohl bekanntesten Statuen schenkt, erlebt Wenning in seinen jungen Jahren ein Abenteuer nach dem anderen.

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Kaum wiederzuerkennen: Die Bäckeranlage im Jahr 2017. (Foto: Äms Fäscht)

Vom grünen Dschungel zurück in die graue Stadt

Im Alter von 26 Jahren reist der Bildhauer nach Sumatra (Indonesien), wo er Tierstudien betreibt und seine Kunstfertigkeit eindrucksvoll zur Geltung bringt. Grüne Vögel, rote Affen, gelbe Tiger. Die Flora und Fauna des Regenwalds ist kaum zu vergleichen mit der Schweiz. Von 1919 bis 1923 weilt Wening im tropischen Land und schafft zahlreiche Bildhauerarbeiten und Gemälde. Das Talent des jungen Schweizers spricht sich herum. 1923 erhält er das Angebot Hofbildhauer des Königs von Siam (heute Thailand) zu werden.

Wening akzeptiert natürlich. Seine Tierstudien werden bis 1929 ersetzt durch Portraits der königlichen Familie, Plastiken, Mosaike und Fresken. Seine Abenteuerlust wird durch den prunkvollen königlichen Hof jedoch nicht gedrosselt. Dank der Unterstützung des Königs, unternimmt Wening mehrere Studienreisen in noch unerforschte Urwaldgebiete.

1929 kehrt Wening zurück nach Zürich, wo er das Atelier von seinem alten Meister Richard Kissling übernimmt. Die Liebe zu exotischen Tieren wird Wening jedoch sein Leben lang begleiten. Neben den Zebras auf der Bäckeranlage ist zum Beispiel auch der Tiger vor dem Zoo-Eingang von Wenings Hand geschaffen.

Serie «Denkmal: mal denken»:

Teil 1: Die Zebras der Bäckeranlage