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Denkmal: mal denken #3: Steht Alfred Escher verkehrt herum?

Alle sehen sie, doch kaum jemand kennt sie: Statuen, Monumente, Büsten. Im dritten Teil der Artikelserie «Denkmal: mal denken» geht Redaktor Severin einem der einflussreichsten Zürcher der Geschichte nach. Prunkvoll steht Alfred Escher auf dem Bahnhofsplatz und blickt hoffnungsvoll Richtung Gotthard. Der Legende nach steht er aber verkehrt herum und sollte eigentlich seinen Hauptbahnhof ansehen. Ist der Urban Myth Fakt oder Fiction?
19. Juli 2019

«Zar von Zürich» nennen ihn seine Zeitgenossen. Alfred Escher, Vater der Schweizer Eisenbahn, Patron der ETH, Gründer der Credit Suisse, Präsident des Nationalrats und Sprenger des Gotthards. Er ebnet den Weg für die moderne Schweiz. Er baut Zürich zur Finanzmetropole um. Kein anderer hat im 19. Jarhhundert einen stärkeren Einfluss auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Eidgenossenschaft. Trotz – oder gerade wegen seines intensiven Mitwirkens, wird «König Alfred I.», wie er auch genannt wird, verachtet.

1882 wird der Gotthardtunnel eingeweiht. Zehn Jahre lang schufteten unzählige Ingenieure, Arbeiter und vor allem Mineure – zum Teil unter härtesten Bedingungen. Für den 15 Kilometer langen Tunnel starben fast 200 Arbeiter. Sie wurden von Wagen zerquetscht, von Felsen erschlagen oder durch Dynamit in die Luft gesprengt. Ihre tragische Geschichte findet an der Eröffnung jedoch kein Gehör. Drei Tage lang wird die Einweihung des Eisenbahntunnels gefeiert.

(Bauarbeiter um 1880 vor dem Südportal in Airolo. Quelle: Wikipedia)

Alfred Escher, der Initiator des Grossprojekts, ist nicht anwesend. Der 63-Jährige liegt im Sterben. Seit Jahren leidet er an Asthma, Fieber und Furunkel. Ob er bei den Feierlichkeiten vermisst wird, ist jedoch zu bezweifeln. Finanzielle Schwierigkeiten werden Escher angelastet. Unter seiner Führung stand die Gotthardgesellschaft faktisch vor dem Konkurs. Nur dank massiver Subventionen aus Deutschland, Italien und der Schweiz wird der Tunnel doch noch errichtet. Auf Druck des Bundesrates tritt er als Präsident der Gesellschaft zurück. Wenige Monate nach der Eröffnung des Gotthardtunnels stirbt der Industriemagnat.

Als König wiedergeboren

Obwohl Escher in Ungnade gefallen ist, wird ein Jahr nach seinem Tod die Errichtung seines Denkmals beschlossen. Für das Projekt wird der Solothurner Bildhauer Richard Kissling engagiert – den meisten wohl als Schöpfer des Willhelm-Tell-Denkmals in Uri bekannt. Kissling schlägt einen grossen Brunnen mit mythologischen Figuren und einer prunkvollen Statue vor. Ende 1883 reicht er einen Kostenvoranschlag für zwei Varianten ein. Man entscheidet sich für die kleinere Form.

Den Sockel des Denkmals schmücken sagenhafte Figuren der Schweiz. Wasserspeiende Drachen, ein starker Arbeiter mit Schweizerschild, ein Jüngling, der Escher einen Lorbeerkranz hochreicht. Der Pathos um den Nationalhelden Escher ist vollkommen. Noch vor der Fertigstellung wird das Projekt stark kritisiert. Erzürnte Arbeiter sind beleidigt von der Darstellung des «Protzentum» und drohen, das Denkmal zu sprengen.

Escher zeigt Zürich die kalte Schulter

Doch es gibt noch einen viel grösseren Skandal. Der ursprüngliche Entwurf von Kissling sieht vor, dass Alfred Escher nicht etwa die Bahnhofstrasse heruntersieht, sondern den Hauptbahnhof betrachtet. Dies bringt das Fass zum Überlaufen. Unzählige Zürcher*innen protestieren. Sie lassen es sich nicht gefallen, dass Escher ihnen den Rücken zukehrt! Der Druck ist so hoch, dass Kissling nachgibt und die Statue um 180 Grad dreht. Stummer Zeuge dieses Debakels bleibt der Jüngling, der nun Eschers Hintern den Lorbeerkranz reicht.

So zumindest erzählt man sich die Geschichte im heutigen Zürich. Doch ist an der Legende tatsächlich etwas dran? Immerhin wirkt das Indiz mit dem Lorbeer-reichenden Jüngling stichhaltig. Die Erzählung überzeugt. So sehr, dass 1999 sogar eine offizielle Anfrage für die Drehung der Statue eingereicht wird. Der Kantonsrat Hartmuth Attenhofer fordert beim Regierungsrates des Kantons Zürichs, dass die Statue «endlich korrekt, nämlich in der vertikalen Achse um 180 Grad gedreht, aufgestellt wird».

Der Regierungsrat geht der Sache nach und recherchiert. «Weder der akribische Bericht der Denkmalkommission von 1890 noch Kisslings Biograph [...] erwähnen eine ursprünglich andere Orientierung des Standbilds.» Die Politik schlussfolgert, dass Escher richtig steht, aber auch die künstlerische Signifikanz des Denkmals wird detailliert erklärt: «Wenn Alfred Escher auf die Bahnhofstrasse hin orientiert ist, so entspricht dies der europäischen, monarchischen Denkmaltradition. Auch der Gotthard(tunnel) liegt in südlicher Richtung, aber nicht allein deswegen richtet Escher seinen Blick in die Ferne. Die letztgenannte Haltung hat bei Standbildern stets Heroismus und Pioniergeist symbolisiert.»

(Escher von hinten: Für manche ein unerträglicher Anblick. Quelle CC0)

Die Legende des verkehrten Eschers ist also falsch. Wer jetzt enttäuscht ist, kann sich aber beruhigen. Obwohl der Regierungsrat klarstellt, dass das Escher-Denkmal richtig herum steht, weist er darauf hin, «dass es denkbar und technisch möglich wäre, die Statue auf eine drehbare Unterlage zu stellen. [...] Diese Drehung liesse sich sowohl linksum kehrt als auch rechtsum kehrt ausführen. Angesichts der zur Zeit angespannten finanziellen Lage des Kantons Zürich muss auf ein dahingehendes Projekt aber zumindest vorläufig verzichtet werden.» Man darf also noch hoffen.

Hier findest du alle Artikel von «Denkmal: mal denken»:

Teil 1: Die Zebras der Bäckeranlage

Teil 2: Das nackte Mädchen der Landiwiese

Teil 3: Steht Alfred Escher verkehrt herum?

Teil 4: Ganymed, die Schwulen-Ikone am See

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