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Bit-Tuner: «Den Clubs fehlt der Mut»

05. Juli 2016

Präsentiert von RIFFRAFF






Wer sich für elektronische Musik interessiert, der kennt den Namen Bit-Tuner! Marcel Gschwend, wie er eigentlich heisst, berührt sein Publikum seit Jahren mit seinen schweren, langsamen Beats und seiner dunklen Atmosphäre. Im Helsinki, wo er jeden letzten Donnerstag im Monat spielt, sprachen wir mit ihm über seine Musik.

Du machst jetzt schon seit fast 20 Jahren Musik. Ist es noch ein Wollen, oder schon ein Müssen?

Marcel Gschwend: Es ist immer beides. Ich mache sogar schon länger Musik, aber professionell elektronische Musik etwa seit 15-16 Jahren. In den ersten fünf Jahren ging’s vor allem ums Entdecken. Das war wie eine riesige Wundertüte. Es gab immer neuere Sparten, Effekte, Sounds. Das schätze ich sehr an der elektronischen Musik.

Kommt man da überhaupt noch nach, wenn sich alles so schnell verändert?

Das ist einfach so. Musik, Sounds und Informationen sind heute viel einfacher erhältlich. Was früher nur Nerds aus den Plattenläden kannten, kannst du dir heute einfach im Internet anhören. Das ist ein riesiges Archiv an Material, worauf man Zugriff hat. Die Entwicklung der elektronischen Musik ist in den letzten 20 Jahren sehr schnell gewesen.

Beeinflusst dich das Internet sehr in deinem Schaffen?

Das Internet ist ein grosser Impact auf mein Leben, positiv wie negativ. Ich würde es aber nicht als Inspirationsquelle für meine Musik per se bezeichnen. Ich hab schon immer Musik gesammelt, das heisst gekauft. Das fing als Kind mit Kassetten an, ging zu CDs über und endete dann schnell bei Vinyl, wegen der Soundqualität. Auf Vinyl findest du dann Volksmusik aus Uruguay, China oder Kongo, die du im Internet nicht findest.

Aber ist es nicht schwerer so Musik zu entdecken?

Nein nicht schwerer, eigentlich sogar spannender! Die Faszination des Plattenladens ist heute nicht mehr die gleiche für mich. Dass jetzt alles sofort erhältlich ist, ist zwar gut, nimmt aber der ganzen Sache das Besondere weg. Als ich vor 10 Jahren eine Platte gefunden habe, mit indianischen Gesängen, war das eine Riesen-Sensation, ein kleiner Schatz. Das hat mich sehr geprägt.

[caption id="attachment_8033" align="aligncenter" width="1936"]Kurz vor dem Auftritt im Helsinki: Bit-Tuner macht einen letzten Soundcheck. Kurz vor dem Auftritt im Helsinki: Bit-Tuner macht einen letzten Soundcheck.[/caption]

Was hältst du denn von Vaporwave? Das ist ja im Moment ein riesiger Hype im Internet.

Musikalisch ist es durchaus mein Credo. Es ist zwar nicht düster, aber recht melancholisch und langsam. Das finde ich gut. Das einzige, das mich nervt, ist dass es an einen ganzen Style gebunden ist, aber das ist wohl ein Zeitphänomen. Wenn du heute musikalisch tätig bist, musst du auch Bilder liefern, vor allem im elektronischen Bereich.

Viele würden dazu sagen, dass Vaporwave ein Gesamtkunstwerk ist.

Naja, darüber könnte man jetzt länger diskutieren. Es ist eine Kombination vieler zeitgemässer Faktoren. Es ist einerseits die Musik, aber auch der Style, die Mode, die Frisuren, die Drogen, ja sogar die Art wie man redet. Es ist eine Definition, die ganz gut zur heutigen Zeit passt.

Das alles wäre ohne das Internet nie möglich gewesen. Braucht man als Künstler überhaupt noch was anderes?

Natürlich wäre die Verbreitung der Musik ohne das Internet nicht möglich, aber irgendwann kommst du an den Punkt, wo du ein reales Abbild brauchst - sprich einen Live-Auftritt. Es geht um den Moment, wo du vor anderen Leuten stehst und Musik machst. Das ist ein Moment, der sich direkt vom Internet unterscheidet und ich finde das braucht es unbedingt. Es ist dann auch völlig egal, ob du vor sieben Leuten oder 100 spielst. Ein Konzert erschafft eine ganz neue Realität und ich brauche das unbedingt.

Dazu braucht es Clubs. Wir sind hier im Helsinki, im Kreis 5, wo das Clubsterben am deutlichsten spürbar ist. Wie siehst du diese Entwicklung?

Es hat meiner Meinung nach immer noch genug Clubs, ob es die richtigen sind, ist eine andere Frage. Es kommt halt drauf an, was für Musik man hören will und was für Ansprüche man hat. Ich finde aber, dass der Mut fehlt. Natürlich herrscht da das finanzielle Risiko. Weil die Mieten so hoch sind, kann man gar keine Experimente machen. Es ist dann einfach eine Disko, Tanz, House, Techno, irgendwas, davon gibt es in Zürich genug. Aber für etwas Gewagteres, oder Experimentelleres gibt es in Zürich keinen Platz mehr. Da gibt’s sicher das Klubi, die Boschbar, das Helsinki, manchmal den Stall 6 und natürlich das Koch-Areal, aber ab dann wird’s schwierig. Ich finde es wichtig, dass es solche Orte gibt, damit sie einen Gegenpol setzten. Ich wüsste jetzt aber auch keine Lösung für dieses Problem. Vielleicht müssten von der Stadt Orte geschaffen werden, wo die Bedingungen einfacher wären.

Was erwartet uns am Freitag im Hive?

Es wird ein sehr energiegeladenes Set sein und ich werde versuchen Emotionen einzubringen. Für mich sind Emotionen enorm wichtig, egal in welche Richtung sie gehen. Elektronische Musik ist oft emotionslos und das stört mich zum Teil sehr, vor allem bei einem Live-Auftritt! Ich möchte beim Publikum eine Reaktion auslösen, das war schon immer mein Ziel, wenn ich das nicht schaffe, dann stimmt etwas nicht. Das ist der Unterschied zwischen einem guten und einem langweiligem Live-Act.




 

Bit-Tuner ist am Freitag mit Tsüri.ch im Hive: hier geht's zum Event.

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