Demonstration gegen DSI: eine Trauerveranstaltung

07. Februar 2016

Heute zerrte mich meine Unzufriedenheit über die bevorstehenden Abstimmungen auf die Strasse – schon wieder. Denn manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass mir die direkte Demokratie nichts weiter als die stetige Revolte einbringt. Und dieses Revoltieren besteht, so tragisch es ist, aus nichts Weiterem als sich lauthals über die politischen Umstände zu beklagen, „aufzuklären" und eben: auf die Strasse zu gehen. Viel mehr fällt mir nicht dazu ein.

Dort, auf dem Helvetiaplatz, hat man gestern eine kleine Bühne vorgefunden. Corine Mauch präsentierte ihre uninspirierten, nachgekauten Worte über die nicht vorhandene Rechtsstaatlichkeit, dass alle Menschen vor dem Staate gleich seien und bla bla. Danke für die Lektion in Aufklärung, Frau Mauch. Doch waren wir Anwesenden effektiv die idealen Rezipienten für ihre Parole? Ich bezweifle es. Manchmal klatschen wir und nicken uns lächelnd zu. Ja! Wir sind auf derselben Seite, Frau Mauch.

Ja, die süsslich anmutende Wohlfühl-Atmosphäre unter Gleichgesinnten kommt wieder auf. Immer dasselbe. Auch ich finde Gefallen daran. Das kann ich nicht leugnen. Doch immer wieder befällt mich das Gefühl, dass diese Demonstrationen nichts Weiterem dienen, als sich in seinem politischen Tun ein bisschen besser zu fühlen. Oder besser: Um seinem politischen Nichts-Tun ein wenig den Speck weg zu kriegen. Auch ich fühle mich besser. Doch wem ausser mir selbst hilft diese Demo?

Wenn wir am Tag danach in der Zeitung blättern, wird wohl von unserer Wohlfühl-Revolte nichts weiter als ein winziger Artikel übrigbleiben. Denn der medialen Inszenierung einiger gemässigter Linker in der rot-grünen Stadt Zürich mangelt es an jeglichem Nachrichtenwert. Und wenn keine Steine fliegen, fehlen dem SRF die spektakulären Bilder waghalsiger Linksradikaler. Gähn. In der Redaktion denken sie dann: «Ist nicht irgendwo noch ein Sack Reis umgefallen?»

Zürcher machen Samstagsspaziergang Es gibt auch effektiv nichts zu berichten. Denn dass sich 3'000 Stadtzürcher, im linksten Ecken des Landes lebend, aus politischer Überzeugung zum Samstagsspaziergang treffen, ist nicht weiter erwähnenswert. Und nach einer „Demonstration“ sieht das Ganze auch nicht gerade aus. Nein. Viel eher ist es ein Trauerzug aus unbeholfenen Linker, die das Pech haben, in einem rechtskonservativen Land direktdemokratisch partizipieren zu müssen.

Beinahe schweigend gehen wir nebeneinander her, als dächten wir, die Ballone mit der „Nein“-Aufschrift sprächen genug in unserer Sache. Plakate in Eigenkreation bleiben für den Schaulustigen eine Seltenheit, so auch Sprechgesänge oder sonstige Lauthalsbekundungen. Und wenn eine kleine Gruppe im Chor ausbricht, dann sind es dieselben alten Parolen wie vor 40 Jahren. «Hoch! Die internationale Solidarität». «Revolution!»

«Da habe ich einen Backflash», sagt eine Oma neben mir, die wohl diese Ausrufe noch aus ihren wilden Zeiten kennt. Gegen was genau demonstrierten wir hier nochmals? Auch egal. Antikapitalistische Maximen und die hochachtungsvolle internationale Solidarität zu predigen, passt wohl zu jedem Demonstrationszug.

Angeführt von einem Polizeiauto biegt der Trauerzug in die Bahnhofstrasse ein. Dort erzielen wir wohl die grösste Wirkung. Denn im Vergleich zum Helvetiaplatz hat es hier doch tatsächlich Menschen, die wohl noch umzustimmen wären. Doch ich fühle mich eher beglotzt, als dass wir Interesse erwecken, noch eine Debatte starten könnten. Einer schreit uns gar mit wutverzehrtem Blick an: «Ich stimme Ja! Ich stimme Ja!» Niemand bietet ihm Paroli. Ich huste in meine Faust: «Nazi!» Mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Ich fühle mich machtlos.

Unsere kleine Trauergemeinschaft schafft diesem Gefühl ein wenig Abhilfe – als wären wir eine Selbsthilfegruppe. Es ist, als würden wir den Passanten sagen: «Wir sind die Guten und schaut, wie viele wir sind. Stimmt auch wie wir». Dies klingt eher nach einer flehenden Bitte, als nach einer demonstrierenden Masse. Und so ist es auch.

Ohne Wut, ohne Empörung Dieser Demonstration mangelt es einfach an Empörung, an Wut, an Revolte (und dabei rede ich nicht, von Krawallen, sondern von einer Grundstimmung) und letzten Endes vor allem an Innovation. Wir schreiben das Jahr 2016 und wählen die Formen der Demonstration, die den Zenit bereits in den 80ern überschritten hatte. Wir schreien «Revolution» in der Hoffnung, sie käme daher gerannt wie ein Hund. Doch weder hört die Revolution unseren mickrigen Ausruf, noch tut es der Überzeugungsarbeit in linker Sache grossen Dienst.

Wir müssen wieder Selbstvertrauen gewinnen. Wir müssen von der traurigen Selbsthilfegruppe wieder zur politischen Macht werden. Und dies nicht durch die Reproduktion alter Formen wie die der Demonstration, noch durch das rezitieren antiker Maximen. Die Opposition gegen die Rechtskonservativen muss Innovation zeigen und neue Formen des Protests finden, um irgendwann wieder Gehör zu finden. Denn die Demonstration ist zu einer anti-aktivistischen, gehemmten, Wohlfühl-Gesellschaft verkommen.

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