«Davon kannst du ja nicht leben»

Gibt es eine Alternative zum klassischen Nine-to-five-Job im Büro? Was ist wichtiger: Selbstständigkeit oder Selbstverwirklichung? Wie wärs denn eigentlich mit einem Startup? In der Artikelreihe «Arbeit 2.0» widmet sich tsüri.ch neuen und innovativen Formen von Jobs im 21. Jahrhundert.
30. August 2017

Tamara Maggi und Milenko Lazic gründeten mit sechs Parteien ihren eigenen Buchladen im Kreis 5, auch wenn sie davon «nicht leben können». Auf Besuch im «Material», dem «Raum für Buchkultur».

Jeden Morgen um halb vier fährt Tamara Maggi mit dem Velo durch die schlafende Stadt. Um vier Uhr beginnt ihre «normale» Arbeit. Bis acht Uhr morgens lektoriert sie Zeitungen. So bleibt ihr tagsüber Zeit, ihrer anderen Leidenschaft – die zwar auch mit Worten zu tun hat, aber (noch) kein Geld einbringt – nachzugehen. Zusammen mit vier kleinen Verlagen* und zwei Einzelpersonen eröffnete sie im April 2017 den «Raum für Buchkultur» namens «Material» im Kreis 5. Auch dabei ist das Archiv K-Set. Im Wohnzimmer grossen Ladenlokal an der Klingenstrasse nahe des Hauptbahnhof Zürich wurden früher Haare gezöpfelt und geschnitten. Im ehemals afrikanischen Coiffeursalon stehen jetzt Holzregale mit (Maga)Zines und Büchern. Manche haben nur acht Seiten, andere sind dick wie eine Bibel. Von den einen gibt es nur fünf Exemplare und ein paar wenige sind unverkäufliche Anschauungsexemplare. Ich treffe Tamara und Milenko an einem Montagmittag auf einen Eistee im Hinterzimmer des Ladens.

«Niemand macht mehr das, worauf er Bock hat»
Wer gründet im Jahr 2017 seinen eigenen Buchladen? «Wir sind gar kein klassischer Buchladen und auch wenn wir einer wären, warum nicht?», fragt Tamara. «Bücher wurden für tot erklärt, aber sie waren nur scheintot». Und Milenko fügt an: «Nur weil es einen Rasierapparat gibt, muss man jetzt alle Barbier-Geschäfte schliessen?» Ja, das Bedürfnis nach Büchern, Zines und Magazinen sei definitiv noch vorhanden: Die vielen Besucher*innen an Magazin-Messen wie «I Never Read» in Basel oder «Volumes» in Zürich beweisen es. Zudem höre Tamara von allen Altersklassen das Gleiche: Ein E-Book ist okay fürs Reisen, aber die Haptik eines Buches trage viel zum Leseerlebnis bei.
Wie funktioniert das mit dem Geld? «Der erste Gedanke aller Leute, die von unserem Projekt hören, ist immer: Davon kannst du ja nicht leben». Es mache niemand mehr etwas, weil er oder sie Bock darauf habe, sondern das Geldverdienen stünde oft an erster Stelle. «Es ist schon nicht so, dass wir ewig gratis arbeiten wollen. Aber wenn unser oberstes Ziel wäre, das grosse Geld zu machen, hätten wir wohl besser ein Geschäft für Hanfsetzlinge eröffnet», sagt sie. Die acht Parteien teilen sich Miete und Arbeitsschichten im «Material» auf. Da bleibt Zeit, regulären «Geld-Jobs» nachzugehen. Milenko beispielsweise arbeitet an der ZHdK.

Ein halbes Jahr Namenswahl ging dem Projekt voraus: «Irgendwann publizieren wir ein Zine mit allen Namensideen», sagt Tamara und lacht. Wie haben sich die Gründer*innen gefunden? «Wenn sich mehrere Leute mit der gleichen Leidenschaft treffen, ist es klar, dass man diese ausleben will», sagt Tamara und veranschaulicht es mit einem Beispiel: «Wenn einer gerne und oft Kite surft, dann wird er darin gut und es ist für ihn bald mehr als ein Hobby. Irgendwann will er seinen eigenen Shop gründen. Bei uns war das vergleichbar.» Alle acht Parteien haben eine Leidenschaft für Illustration oder Wort. «Wir wollten unseren eigenen Space», sagt Milenko, der die Publikationen seines Amsel Verlag im «Material« verkauft.

Das Ziel: Die Miete reinholen
Gibt es nie Schwierigkeiten, wenn so viele Leute ein Geschäft führen? «Keine Schwierigkeiten, eher Herausforderungen», sagt Tamara. «Die Jüngeren im Kollektiv sind etwas anders unterwegs als wir Älteren». Die jüngere Generation wollte beispielsweise eine Facebookseite für den Laden, ginge es nach ihr, wäre das nicht zwingend nötig gewesen. Dass sie jetzt schon knapp 500 Likes auf Facebook haben – ohne viel dafür zu tun – erstaunt sie. «Material» ist nicht nur Verkaufsfläche, sondern auch Raum für Buchkultur. Es gibt die Lesereihe «Lyrik um Mitternacht» und am «Easy Listeners Club» zeigen Leute im intimen Rahmen ihre Lieblingsplatten. Kann jeder seine Zines im Laden verkaufen lassen? «Theoretisch schon, aber wir wollen eine Präsentation. Es reicht nicht, einfach zwei Mails hin und her zu schreiben», sagt Milenko. Gerade kürzlich kam die Japanerin Yoshie Itasaka auf Durchreise im «Material» vorbei und liess fünf Fotozines, die ihre Reise durch Georgien dokumentieren, da. Tamara: «Solche Momente sind super schön». Beim Gang durch den Laden zeigt sie die verschiedenen Trouvaillen, da gibt es den «Ratgebär» von Rada Leu, ein Büchlein mit gemalten Bären: Glibbär, Novembär oder Erdbär. Oder ein dickes Buch, das auf jeder Seite ein Foto eines verzerrten Promi-Gesichts zeigt. Das Ziel des Kollektiv sei es, irgendwann die Miete reinzuholen. Auch wenn das mit der schwarzen Null noch ein bisschen dauern soll, bis jetzt jedenfalls haben sie ihr Projekt noch nicht bereut: «In zehn Jahren, dann merken wir vielleicht, dass wir besser einen Kebab-Bude aufgemacht hätten», meint Milenko.

* Zum Kollektiv gehören:

  • Amsel Verlag - Milenko Lazic
  • Hakuin Verlag - Alex Schauwecker
  • Büro für Problem - Anaïs Meier
  • Edition Taube - Jan Steinbach
  • Rada Leu
  • Carlo Spiller
  • Tamara Maggi
  • Das Archiv K-Set von Neville Pfennige, Roger Conscience und Andreas Kleemann

Material
Raum für Buchkultur.
Buchladen, Archiv, Bühne, Schaufenster
Klingenstrasse 23
8005 Zürich

www.materialismus.ch

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