Titelbild: zvg

Dating während Corona: Wir sind alle einsam, aber deshalb nicht weniger horny

Die Zürcher*innen Mara, Selina und Dino sagen dem Herzschmerz den Kampf an – mit einem Angebot für sozial-distanziertes Daten in Corona-Zeiten. Mittels Fragebogen matchen sie Singles, die sich dann per Videochat treffen. Wir haben mit Mitgründerin Selina über Tinder und Liebe in Zeiten von Corona gesprochen.
03. April 2020
Redaktorin

Erzähl mal, wie seid ihr auf diese lustige Idee gekommen?

Wir haben viele Singles in unserem Umfeld, die sich jetzt sehr einsam fühlen in Sachen Liebe. Wir skizzierten dann aus Spass die Idee, dass die Leute einen Fragebogen ausfüllen und wir dann schauen, wer zu wem passen würde. Eigentlich sprach nichts dagegen, diesen Plan in die Realität umzusetzen, gerade auch weil wir alle drei wegen Corona etwas mehr Zeit haben. Selbst wenn wir am Ende nur eine Person glücklich machen können, hat sich die Aktion doch schon gelohnt. Die Sache ist übrigens durchaus ernst gemeint! Doch wie der Name bereits andeutet, soll sie auch mit einem Augenzwinkern verstanden werden.

Und wie seid ihr auf den Namen «be my quarantine» gekommen?

Der Name war eigentlich das erste, was wir hatten. Wir dachten, wir seien total unique und kreativ. Als wir dann auf Instagram schauten, merkten wir aber, dass es schon 50 andere gibt, die dieses Wortspiel verwenden.

Seid ihr selber Singles und ebenfalls...

...dass wir Dates für uns selber suchen, meinst du? Das wurde uns jetzt schon mehrmals unterstellt. Dem ist aber nicht so – keine Sorge. Bei uns dreien ist alles mit dabei: vergeben, single und «es ist kompliziert».

Ich bin wirklich Single. Warum sollte ich bei euch mitmachen und nicht einfach weiter tindern?
Seien wir ehrlich, Tinder haben wir doch langsam alle ein bisschen gesehen. Das Angebot ist zu gross und unverbindlich. Bei «be my quarantine» hingegen wird direkt durch uns ein Online-Date organisiert. Die Menschen, die sich bei uns anmelden, scheinen das zu mögen. Das Angebot an potentiellen Partner*innen ist begrenzt – doch das hat auch seinen Wert. Der Corona-Lockdown bedingt in vielen Lebensbereichen eine Einschränkung. Doch die lokale Solidarität hat auch gezeigt, dass dies zu Verbundenheit führen kann. Dieses Momentum wollen wir uns zunutze machen.

Ok, ihr habt mich überzeugt. Eure Frageliste ist aber echt lange...

Dem ist so. Es dauert aber nicht länger als 15 Minuten, um sie zu beantworten. Und du brauchst auch nicht unbedingt alle zu beantworten. Heute kamen die ersten Fragebögen bei uns an. Und wir waren überwältigt, wie viel Kreativität in den Antworten steckt. Die Leute haben sich echt Mühe gegeben und es ernst genommen. Das freut uns, denn wir haben doch einiges an Zeit investiert, um einen «guten» Mix an Fragen zu formulieren. Die Antworten sind so cool! Es ist auch für uns echt lustig. Zumindest jetzt noch. Die richtige Arbeit folgt ja dann erst nächste Woche oder so, wenn wir mit dem «Matching» beginnen. Das ist natürlich davon abhängig wie viele Leute mitmachen.

Hier am Wohnzimmertisch entstand das Projekt «be my quarantine» von Selina, Mara und Dino. Bild: zvg

Wie viele Leute haben denn bereits mitgemacht?

Wir knacken bald die 100er Marke. Das hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Die meisten Fragebögen kamen bisher von Leuten in unserem Alter, so um die dreissig. Doch je mehr mitmachen, desto besser! Es haben sich Zwanzigjährige angemeldet, aber auch Menschen über fünfzig. Diversität ist definitiv erwünscht.

Mir ist aufgefallen, dass ihr nicht nur Hetero-Pärchen verkuppelt...

Ja, das ist uns wichtig und auch ein weiterer Punkt, der uns von Tinder abhebt. Dort ist es zwar möglich Menschen des gleichen Geschlechts zu daten, doch es herrscht Geschlechterbinarität. Dadurch werden zum Beispiel non-binäre Menschen ausgeschlossen. Das finden wir schade. Bei uns soll niemand ausgeschlossen werden. Es gibt alles mögliche – und das finden wir gut so.

Könnte also auch ein Paar mitmachen?

Also das hatten wir so nicht vorgesehen, aber warum nicht? Das sollen die dann einfach bitte dazuschreiben, damit es keine Verwirrung gibt betreffend Erwartungen auf der anderen Seite. Auch wer einfach nur jemanden zum Plaudern sucht, soll das bitte hinschreiben. Generell liegt uns ein ehrlicher und respektvoller Umgang am Herzen. Wir haben das deshalb auch nochmals explizit auf unserer Webseite erwähnt.

Was qualifiziert euch eigentlich als «Profi-Kuppler*innen»? War das schon immer euer Hobby?

Hobby wäre eine Übertreibung. Aber in unserem Freundeskreis gibt es diese Abmachung, dass es für jede erfolgreiche Verkupplung eine Pizza spendiert gibt. Und es hat tatsächlich schon das eine oder andere Mal geklappt. Und früher habe ich diese «GmeinsamZnacht»-Abendessen zwischen Geflüchteten Menschen und Einheimischen organisiert. Da mussten die Interessent*innen auch Fragen beantworten und wir haben dann geschaut, wer zusammenpassen könnte so von den sozialen Gemeinsamkeiten her. Da haben wir immer als Witz gesagt, es sei wie verkuppeln.

Wie seht ihr die Zürcher Dating-Szene?

Nun ja, ich bin schon froh, dass es Tinder gibt. Ich kenne viele Paare, die sich so kennengelernt haben. Wir sind schon eher schüchtern und sprechen selten fremde Leute an. Es wäre schon schön, wenn wir uns etwas offener begegnen würden. Doch in Zürich zu daten ist definitiv nicht so schlimm, wie alle sagen. Ich hatte noch nie ein schlechtes Date. In meinen Augen kann man mit jeder Person eine Stunde lang reden. Und im schlimmsten Fall ist es eine gute Geschichte. Es passiert ja gerade sonst nichts. Die Erlebnisse fallen weg und wir haben uns nichts Neues zu erzählen.

Apropos Geschichte...was ist dein lustigstes Dating-Erlebnis?

Ich wäre einmal fast mit einem Typen tote Tiere ausstopfen gegangen. Aber er hatte dann gerade keines – und so kam das leider nie zustande. Meistens war es aber ein ganz klassisches voreinander sitzen mit Kaffee oder Bier. Ich finde 0815 Dates ganz ok. Plaudern und schauen, ob es passt. Und wenn es funkt, können die Leute sich vielleicht auf einen sozial-distanzierten Spaziergang treffen. Klingt lustig, aber das meine ich ernst. Wir zählen darauf, dass die Leute sich an die BAG-Regeln halten. Im Übrigen ist uns auch der Datenschutz sehr wichtig. Wir werden auf keinen Fall irgendwelche Antworten, Namen oder Kontaktdaten herausgeben. Wir setzen einfach das anonyme Zoom-Meeting auf und danach liegt der Ball bei den Leuten.

Zürich ist klein... Was passiert, wenn ich beim Blind Date plötzlich jemanden vor mir habe, den ich kenne?

Haha guter Einwand, das könnte durchaus vorkommen. Doch ich würde sagen, das wäre ein Qualitätsmerkmal, wenn wir Leute matchen, die bereits befreundet sind. Am besten sollten sie sich bei uns melden und wir werden versuchen eine andere Person zu finden. Ganz generell bieten wir einen zweiten Versuch an, wenn es nicht gefunkt hat. Es ist wichtig, ein «Nein» zu akzeptieren. So schmerzhaft es auch sein kann.

Habt ihr vor, das Angebot auch nach Corona aufrecht zu erhalten?

Es ist noch zu früh, um das zu beantworten. Der Name würde dann allerdings keinen Sinn mehr ergeben. Ich finde, es muss nicht immer alles für immer sein. Nur weil etwas nicht für immer ist, heisst das nicht, dass es nicht gut ist. Oh, das war jetzt vielleicht nicht die beste Werbung für unser Angebot. Aber es ist doch wahr, oder?

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