Gegen Pfaffen, Bonzen, Millionäre: Das Rote Zürich und der Mieter*innenstreik

Wohnungsnot und teure Mieten waren schon anfangs der 30er-Jahre ein Thema, das die Stadt bewegte. Damals, in der Zeit des «Roten Zürich», lehnten sich ein paar hundert Mieter*innen gegen die überhöhten Mietpreise auf.
12. April 2019

Hans Itschner war 29 Jahre alt, als er um die Jahreswende 1932, nach fünfzehn Jahren in Moskau, in die Schweiz zurückkehrte. «[...] wie ein Sturmvogel, der kommendes Unwetter anzeigt» sei er wieder in Zürich aufgetaucht, schrieb später ein Freund über ihn. Und tatsächlich sorgte Itschner als erstes für Unruhe – zuerst in den Zürcher Wohnstuben, dann in der Kommunistischen Partei.

1932, das war die Zeit des «Roten Zürich», der linken Stadtregierung unter SP-Stadtpräsident Emil Klöti. Es war auch die Zeit der Weltwirtschaftskrise: den meisten Arbeiter*innen ging es schlecht, die Arbeitslosigkeit wuchs, die Wohnungen waren oft schäbig und überteuert. Nach dem Ersten Weltkrieg nämlich waren die Lebenskosten zwar gesunken, die Mieten aber kontinuierlich und rasant gestiegen.

Das hatte verschiedene Gründe. Zunächst war während des Krieges, als weniger Kinder zur Welt kamen, auch weniger gebaut worden. Nach Kriegsende 1918 führte das zu einer Wohnungsnot: Die Bevölkerung wuchs wieder und mit der Nachfrage nach Wohnraum stiegen dessen Preise. Hinzu kam, dass sich in der Dekade nach dem Krieg die Baukosten beinahe verdreifachten, was die Mieten von Neubauwohnungen in die Höhe trieb. Vor allem aber schoss nach Kriegsende die Liegenschaftsspekulation ins Kraut. Sie wurde zwar kurzzeitig eingeschränkt, als der Bund eine Mietschutzverordnung erliess. Schon 1923 wurde der Artikel aber wieder ausser Kraft gesetzt, die Mieterschutzbestimmungen zwei Jahre später vom Bundesrat ganz aufgehoben – und die Mieten stiegen weiter an. So hatte beispielsweise im November 1930 ein Spekulant in einem Berner Aussenquartier für 98'384 Franken eine Liegenschaft erstanden, die er 24 Tage später für 223'600 Franken weiterverkaufte; nur, um bald darauf dasselbe nochmal zu tun.

Dazu kam der gesteigerte «Komfort», auch wenn wir das heute nicht mehr so nennen würden: während vor dem Krieg die meisten Wohnungen noch kein elektrisches Licht und kein Bad hatten, wurde bis Anfang der Dreissigerjahre ein grosser Teil der Häuser mit Boilern und Zentralheizungen, die Wohnungen mit eigenen Badezimmern ausgestattet.

Heute haben wir andere Bilder im Kopf, wenn wir Altstadtwohnung hören: Küche an der Köngengasse 6, 1931. (Quelle: Baugeschichtliches Archiv)

Durchschnittlich waren Wohnungen in Zürich seit dem Weltkrieg so um 104 Prozent teurer geworden, kosteten also mehr als doppelt so viel. In dieses Zürich kehrte Hans Itschner zurück.

Itschner war Kommunist, er «stand turmhoch über dem ihn umgebenden Spiessersumpf», wie es ein Bekannter nach seinem Tod ausdrücken sollte, «und bekämpfte ihn unermüdlich bis zu seinem letzten Atemzug». Der «Spiessersumpf», das waren für Itschner die Rechten genauso wie die linke Stadtregierung des Roten Zürich. Er prangerte deren «Armenpflegersozialismus» an, die sozialpolitischen Massnahmen, die die Stadt betrieb, statt sich dem Klassenkampf zu verschreiben. Itschner brachte das Rote Zürich in Aufruhr.

Das Rote Zürich als « Spiessersumpf» – Ausschnitt aus einem Gedicht von Hans Itschner. (Quelle: Sozialarchiv, Nachlass Hans Itschner)

1932 verdiente in der Schweiz ein gelernter Maler 1.85 Franken die Stunde, ein Maurer 81.50 Franken die Woche und ein Handlanger 64 Franken, also 3'328 Franken im Jahr. Was der unbekannte Zürcher Mieter verdiente, der Emil Klöti damals einen Brief schrieb, wissen wir nicht. Viel mehr wird es aber nicht gewesen sein – und für seine heruntergekommene Wohnung, die vor dem Krieg jährlich noch 800 Franken gekostet hatte, bezahlte er inzwischen 1'800 Franken. «Der Mietzins, den Sie zahlen, ist bei dem geschilderten Zustand reichlich hoch», antwortete der Stadtpräsident, «man kann aber dagegen nichts machen, als dass man die Wohnung kündigt...»

Gegen die «Einheitsfront von Bürgertum, Sozialdemokratie und offenem Faschismus»

Hans Itschner war anderer Meinung. An der Zurlindenstrasse 132 gründeten «Mieter aller Parteien und Parteilosen» ein «Mieter-Aktionskomitee», dessen Sekretär er war. Es forderte die Herabsetzung der Mieten für Neubauten um 25 und für Vorkriegshäuser um 33 Prozent. Darüber berichtete am 3. Februar 1932 der «Kämpfer», das Kampfblatt der Kommunistischen Partei (KP). Im selben Artikel rief das Komitee zum Streik auf: «Zu Tausenden verweigern wir die Zahlung der Miete am 1. März, Wohnungs- wie Ladenmiete etc., und dann hilft kein Zahlungsbefehl, keine Exmissionsdrohung, dann bleibt dem Häuserkapital nichts übrig als zu unterhandeln mit dem Mieteraktionskomitee über die Herabsetzung der Mietzinse in der ganzen Stadt.» Bereits zuvor hatten sich die Mieter*innen in zwei Häusern – an der Quellenstrasse 6 und der Martastrasse 116 – im Streik zusammengeschlossen und so eine Mietzinssenkung und einige dringend notwendigen Reparaturen in den schäbigen Wohnhäusern durchgesetzt.

Bald schrieb der «Kämpfer» täglich gegen die «Zürcherische Hausbesitzer-Demokratie», gegen den «Hausbesitzerflügel der SP» und gegen eine «Einheitsfront von Bürgertum, Sozialdemokratie und offenem Faschismus» an. Der Streik dehnte sich aus: Nach etwas über einem Monat weigerten sich gegen 400 Zürcher*innen, den Hausbesitzer*innen ihre Mieten zu bezahlen, und übergaben sie stattdessen zur Verwahrung dem «Mieter-Aktionskomitee».

Indessen wurde die Mietzinsfrage gerade im Hinblick auf die im April anstehenden Kantonsratswahlen (und wohl auch die für September angesetzten Stadtratswahlen) rege diskutiert. Dass die Mieten sinken mussten, darin waren sich alle Parteien einig. Nur wie, daran schieden sich die Geister.

Alle gegen alle

Die FDP forderte, dass die städtischen Gebühren, Abgaben und Steuern – namentlich die Gas-, Wasser- und Elektrizitätspreise – reduziert werden sollten, während der Hauseigentümerverband für tiefere Hypothekarzinsen einstand und an einen «freiwilligen Mietzinsabbau» durch die Hausbesitzer*innen appellierte (zu dem es natürlich nie kam).

Die rote Stadtregierung argumentierte, dass eine Reduktion der Gebühren vor allem Lohnabbau zur Folge hätte, ohne dass die Mieten massgeblich billiger würden. Sie wollte vor allem bauen, um den Leerwohnungsbestand von 1.36 Prozent auf mindestens 2 Prozent zu bringen (heute liegt er bei 0.2 Prozent), und investierte in den gemeinnützigen Wohnungsbau, wogegen wiederum die Rechte ankämpfte: Die soziale Baupolitik der Stadt würde zulasten der Steuerzahler*innen fallen, meinte die, ein Leerwohnungsbestand von 2 Prozent ausserdem zu einer «Lahmlegung des Baugewerbes» und damit zu einer «katastrophalen Arbeitslosigkeit» führen.

Beide waren sie gegen den Mieter*innenstreik. Die Rechte verschrie ihn als kommunistisches Projekt (obschon nur 5 Prozent der Streikenden Mitglieder der KP waren). Und die SP argumentierte, dass in der kapitalistischen Gesellschaft dem Gesetz Folge geleistet werden müsse – «auch durch eine Stadtverwaltung, die mehrheitlich sozialdemokratisch ist». Dementsprechend wurde auch gehandelt und vereinzelt streikende Mieter*innen vor die Tür gestellt.

Beiden Seiten gemein war – wenn auch in unterschiedlichem Ausmass – die Forderung nach Verringerung des «Komforts» der Wohnungen, um die Mietpreise zu senken. Das Rote Zürich setzte sich zwar für «gesunde» Wohnungen auch «für die unteren Volksschichten» ein. Aber, so schrieb die NZZ und ähnliches geht aus Sitzungsprotokollen von Emil Klöti hervor: «sicher kann man ohne Zentralheizung, ohne Boiler, ohne Kühlschrank und ohne gekacheltes Badezimmer anständig leben».

Der «Parteifeind Itschner» und das Ende des Streiks

Der Mieter*innenstreik wuchs indes nie über knapp drei Dutzend Häuser hinaus. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Streikenden keine Mitglieder der KP waren, hatte Hans Itschner versucht, den Streik gegen die Banken zu richten. Dieser Versuch, auch kleinbürgerliche Mieter*innen für die Sache zu gewinnen, gefiel der KP jedoch ganz und gar nicht. Im Mai reiste 1932 Itschner nach Moskau, um für sein Vorhaben die Unterstützung der Komintern zu gewinnen – vergeblich. Er wandte sich gegen die KP und wurde bald nach seiner Rückkehr, mit Billigung von der Komintern, aus der Partei ausgeschlossen. Itschner, berichtete der «Kämpfer», habe die von Streikenden beim Aktionskomitee hinterlegten Mietzinshinterlagen veruntreut. Was mit dem Geld passiert ist, blieb freilich unklar – das Mieteraktionskomitee reichte kurz darauf beim Zürcher Bezirksgericht selbst Klage gegen die Parteileitung der KP ein; sie habe bei den Kantonsratswahlen Mietzinshinterlagen von 1102 Franken «unter betrügerischen Vorspiegelungen für Wahlzwecke verwendet».

«Klassenkampf gegen Pfaffen, Bonzen, Millionäre»: Illustration aus einem unveröffentlichten Gedichtband Itschners. (Quelle: Sozialarchiv, Nachlass Hans Itschner)

Noch vorher aber kam der Mieterstreik zu seinem Ende. Es war Mitte Juni, und seit einigen Wochen hatten auf der Langstrasse, vom «Kämpfer» befeuert, Monteure gestreikt. Am Tag von Itschners Parteiausschluss schoss die Stadtpolizei auf die Demonstrierenden. Das war die Zürcher Blutnacht: Ein Arbeiter starb, zahlreiche Demonstrierende wurden verletzt. Die Rechte und das Rote Zürich waren sich einig, dass dafür «einzig und allein den Kommunisten die Verantwortung» zufalle. Die Stadtregierung verbot neue Demonstrationen und der «Kämpfer» wurde fortan vor der Herausgabe von einem Untersuchungsrichter zensiert.

Ohne die Unterstützung des «Kämpfers» und nun, wo sich die KP gegen den «Parteifeind Itschner» und sein Mieteraktionskomitee gewandt hatte, war der Mieter*innenstreik endgültig erledigt. Die Mietpreisfrage sollte das Rote Zürich allerdings noch lange beschäftigen. Und auch der Mieterstreik lebte in gewisser Form noch weiter: als Anfang der 1970er-Jahre an der Hellmutstrasse das PTT-Fernmeldezentrum hätte gebaut werden sollen und sich Mieter*innen dagegen organisierten, beriefen sie sich auf Itschner und den Streik von 1932. So ist dem Kreis 4 immerhin ein hässlicher Klotz erspart geblieben. Bleibt uns nur noch die Mietpreisfrage!

Titelbild: Streikaufruf im «Kämpfer», 3. Februar 1932. Quelle: Stadtarchiv Zürich, VII.109/12 (Montage)

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